Sulfonylharnstoffe: Standardtherapie mit Risiken?

Die Sulfonylharnstoffe galten jahrzehntelang als Standard für die Tablettentherapie des Typ-2-Diabetes. Auch heute wird die starke Wirkung und die kostengünstige Verordnung vor allem von Kostenträgern als Argument für die Wahl eines Sulfonylharnstoffes angeführt.

Bekanntermaßen kann dieses Medikament aber auch zu Unterzuckerungen führen die nach neueren Erkenntnissen keine harmlose Nebenwirkung darstellen, sondern ernstzunehmende Folgen haben können.

Mitte der 90er Jahre wurde in der UKPDS-Studie eine Zunahme der Sterblichkeit bei Studienteilnehmern beobachtet, die zusätzlich zu dem als „Gewinner“ der Studie geltenden Metformin auch Sulfonylharnstoffe erhielten; die genaue Ursache dieses Ergebnisses wird bis heute kontrovers diskutiert. Seit dieser Zeit werden aber immer wieder Beobachtungen veröffentlicht, die Zweifel an der Sicherheit der Sulfonylharnstoffe besonders in Bezug auf Herz-Kreislauf-Ereignisse aufkommen lassen.

Beim Kongress der europäischen Diabetes-Gesellschaft (EASD) in Barcelona (September 2013) wurden erneut zwei retrospektive Untersuchungen präsentiert, die Sulfonylharnstoffe mit erhöhter Mortalität in Verbindung bringen: Eine britische Arbeitsgruppe um Prof. Craig Curri analysierte anonymisierte Daten einer großen Datenbank: Sie verglichen 15687 Menschen mit Diabetes mit Sulfonylharnstoff-Ersttherapie mit 76811 Metformin-Ersttherapien der gleichen Datenbank. Die Gruppen wurden (über statistische Adjustierung) bezüglich Unterschieden in den Basisdaten vergleichbar gemacht. In der Sulfonylharnstoffgruppe fanden sie eine relative Zunahme der Mortalität um 60%. Ein in gleicher Weise adjustierter Vergleich einer Metformin-Sulfonylharnstoff- Kombination (33983) mit einer Metformin-DPP-4-Hemmern-Kombination (7864) erbrachte eine Mortalitätserhöhung um 35%.

Die Untersuchungen gelten als weitere Hinweise auf mögliche nachteilige Wirkungen, wenngleich retrospektive Datenanalysen keinen Beweis erbringen und auch nach Einschätzung der Autoren adäquate beweisende Studien noch immer fehlen.

Die Bedenken und Unsicherheiten finden in den aktuellen Nationalen Versorgungsleitlinien (August 2013) ihren Niederschlag: Im Therapiealgorithmus der DDG (Deutsche Diabetes Gesellschaft) und DGIM (Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin) steht der Hinweis: „Die Kombination von Metformin und Sulfonylharnstoffen (Glibenclamid) kann möglicherweise die kardiovaskuläre Mortalität erhöhen. Viele retrospektive Analysen zu Sulfonylharnstoffen mit und ohne Metformin zeigen signifikante Steigerungen kardiovaskulären Komplikationen und Mortalität“.

 

(Quelle: Ärzte-Zeitung 30.09.2013

http://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Leitlinien/Evidenzbasierte_Leitlinien/NVL-DM2-Ther-lang_Endversion_270813.pdf)