Diabetes und Ramadan

Dürfen Diabetiker fasten?

Diabetiker können am Fastenmonat Ramadan teilnehmen, wenn sie einige Regeln zur Ernährung und zur Anpassung der Diabetestherapie beachten. Das Fasten während des Ramadan gehört zu einer der 5 Säulen des Islam. In diesem Monat ist der Verzehr von Speisen und Getränken sowie die Anwendung oraler und injizierter Medikamente zwischen dem Sonnenaufgang und dem Sonnenuntergang verboten. Je nach Jahreszeit und geographischer Lage (z.B. in den nordischen Staaten der EU), kann das Fasten bis zu 20 Stunden dauern.

Darf der Ramadan bei Diabetes unterbrochen werden?

Ein Patient mit Diabetes darf während des Ramadan die religöse Pflicht zu Fasten unterbrechen, wenn ihm ansonsten ein ernster gesundheitlicher Schaden droht. In solchen Ausnahmefällen (wie auch Schwangerschaft, hohes Lebensalter mit Gebrechlichkeit) erlaubt der Islam dennoch eine religionskonforme Lebensweise, indem der Gläubige die Möglichkeit hat, statt zu Fasten, täglich einen Armen zu speisen. Dies ist in Deutschland jedoch unüblich, sodass es auch möglich ist einen entsprechenden Geldbetrag (ca. 7 € pro Tag) zu spenden. Der Gläubige muss sicherstellen, dass das Geld auch an arme Menschen weitergeleitet wird. (Islam.de). Auch ist es möglich, die entsprechende Zahl der Fastentage „nachzuholen“, wenn man durch z.B. Krankheit oder Reisetätigkeit entbunden war.

Leitlinie zu Diabetes und Ramadan

Die meisten Muslime mit Diabetes haben trotzdem das Bedürfnis, während des Ramadan zu Fasten. Daher haben die International Diabetes Federation (IDF) und der Diabetes und Ramadan (DAR) International Alliance sich zusammengeschlossen und eine umfassende Leitlinie im April 2016 zu diesem Thema verfasst (www.idf.org/guidelines/diabetes-in-ramadan). Die IDF-DAR Praktische Richtlinien versorgen medizinisches Fachpersonal mit relevanten Hintergrundinformationen und praktischen Empfehlungen, damit sie Menschen mit Diabetes, die am Fasten teilnehmen, während des Ramadan helfen können, um das Risiko von Komplikationen zu minimieren.

Wird die Nahrung und Flüssigkeitsaufnahme verändert, bestehen bei Menschen mit Diabetes erhöhte gesundheitliche Risiken. Mögliche Komplikationen umfassen Unterzuckerungen, Entgleisung der Zuckerkrankheit, Austrocknung (Dehydration) und Ketoazidose. Wichtig ist es deshalb, bereits morgens vor Sonnenaufgang viel zu trinken.

Muslime mit Diabetes sollten das Fasten unterbrechen wenn:

  • der Blutzucker auf Werte unter 70 mg/dl abfällt
  • der Blutzucker auf über 300 mg/dl ansteigt
  • Symptome der Unterzuckerung, der Hyperglykämie, der Dehydrierung oder akute Krankheitssymptome auftreten.
  • Symptome der Unterzuckerung sind: Zittern, Schwitzen/Frieren, Empfindung von Herzrasen, Hunger, veränderter Geisteszustand, Verwirrung, Kopfschmerzen.
  • Symptome der Hyperglykämie sind: Durst, Hunger, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit, Verwirrtheit, Übelkeit/Erbrechen, Bauchschmerzen.

Ernährung von Diabetikern im Ramadan

Von Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang dürfen die Muslime während des Ramadan Nahrungsmittel zu sich führen. Häufig führt das zu exzessiver Nahrungszufuhr, sodass viele Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 während des Ramadan zu- statt abnehmen.

Anpassung der Diabetesmedikamente im Ramadan

Metformin: In der Regel ist bei Metformin keine Dosisanpassung notwendig. Metformin sollte nach dem Essen nach Sonnenuntergang und nach dem Essen vor Sonnenaufgang eingenommen werden.

Sulfonylharnstoffe haben ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen. Aufgrund von Beobachtungsstudien ist das Risiko einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu bekommen um bis zu 20 % erhöht. Daher werden Sulfonylharnstoffen in Deutschland immer weniger eingesetzt. Aufgrund des günstigen Preises sind jedoch noch immer viele Menschen damit behandelt.

Patienten, die mit Glibenclamid behandelt werden, haben während des Ramadan in über 30 % der Fälle Unterzuckerungen. Daher sollten andere Sufonylharnstoffen wie Glimepirid verwendet werden, da bei diesen Hypoglykämierate unter 20 % liegt.

DPP-4 Inhibitoren haben ein deutlich niedrigeres Risiko für Hypoglykämien (ungefähr 5 %) im Vergleich zu Sulfonylharnstoffen während des Ramadan und müssen in der Dosis nicht angepasst werden.

GLP-1 Analoga müssen ebenfalls in der Dosis nicht angepasst werden. In den Studien sind keine schweren Hypoglykämien aufgetreten.

SGLT-2 Inhibitoren sind entsprechend den bisher vorliegenden Studien sicher während der Fastenzeit. Nicht alle Patienten sind jedoch geeignet, einen SGLT2 Inhibitor während der Fastenzeit einzunehmen. Dies gilt insbesondere für Patienten die dehydrieren können. Der SGLT – 2 Inhibitor sollte nach Sonnenuntergang in unveränderter Dosierung eingenommen werden.

Anpassung der Insulintherapie im Ramadan

Basalinsulin: NPH Insulin oder Analoga sollten um 15-20 % reduziert werden. Die Applikation erfolgt nach dem Sonnenuntergang. Bei zweimaliger Applikation eines Basalinsulins sollte nach dem Sonnenuntergang die normale morgendliche Dosis gespritzt werden und vor dem Sonnenaufgang nur 50 % der abendlichen Dosis.

Bolusinsulin: Nach dem Sonnenuntergang kann die normale Dosis, die normalerweise vor dem Frühstück appliziert wird, gegeben werden. Die Mittagdosis wird weggelassen. Die Insulinmenge die normalerweise vor dem Abendessen gegeben wird, wird um 50 % reduziert und vor dem Sonnenaufgang gespritzt.

Dürfen Typ-1-Diabetiker im Ramadan fasten?

Der Wunsch während des Ramadan zu Fasten muss auch bei Patienten mit Typ 1 respektiert werden. Ausgenommen sind Patienten mit folgenden Risikofaktoren: häufige Unterzuckerungen, Wahrnehmungsstörung für Unterzuckerung, schlecht eingestellter Diabetes, Brittle Diabetes, keine Compliance, Patienten die nicht bereit sind oder unfähig sind ihren Blutzucker entsprechend den Empfehlungen zu messen. Diesen Patienten sollte dringend abgeraten werden zu Fasten.

Entsprechend den Leitlinien können die Muslime relativ sicher am Fasten teilnehmen. Die Patienten müssen jedoch regelmäßig ihren Blutzucker kontrollieren, auch während der Fastenperiode.

Insulintherapie im Ramadan anpassen

Die Blutzuckerkontrollen sollten vor dem Essen nach Sonnenuntergang erfolgen, morgens, mittags, nachmittags, vor dem Essen nach dem Sonnenuntergang und 2 Stunden nach dem Essen nach Sonnenuntergang.

Sollten Symptome der Unterzuckerung oder Blutzuckerentgleisung auftreten sollte ebenfalls eine Blutzuckermessung durchgeführt werden.

Basalinsulin: Beim Einsatz von langwirksamen Basalinsulinen besteht ein erhöhtes Risiko für Unterzuckerungen tagsüber. In diesem Fall muss also die Dosis reduziert werden, dass der Patient sicher über die Fastenzeit kommt. Die Leitlinien geben leider wenig konkrete Anweisungen zur Anpassung des Basalinsulins, sodass wir hier unsere eigenen Erfahrungen präsentieren.

Insulin Glargin: Insulin Glargin kann sowohl nach dem Sonnenuntergang oder vor dem Sonnenaufgang appliziert werden. Eine Umstellung ist nicht erforderlich. Die Dosis sollte initial um 30-40 % reduziert werden. Günstig ist es bereits dies in der Woche vor dem Ramadan zu testen, indem der Patient ein Fastentag einlegt. Entsprechend den Blutzuckermessungen sollte die Dosis so weit reduziert werden, dass der Nüchternblutzuckerwert nach Sonnenuntergang im individuellen Blutzuckerzielbereich liegt.

Insulin Levemir/NPH Insulin: Die Applikation sollte nach Sonnenuntergang erfolgen. Die Dosis ist so anzupassen, dass der Patient vor der letzten Mahlzeit vor Sonnenaufgang in seinem individuellen Nüchternblutzuckerbereich liegt. Die Dosis vor Sonnenaufgang muss so weit reduziert werden, dass in den Messungen keine Hypoglykämien tagsüber vorkommen.

Bolusinsulin: Nach Sonnenuntergang kann die normale Dosierung appliziert werden. Die Dosis vor der letzten Mahlzeit vor Sonnenaufgang sollte auf 25-50 % der normalen Dosis reduziert werden.

Die Leitlinie ist auf Englisch im Internet unter folgender Adresse verfügbar:

www.idf.org/guidelines/diabetes-in-ramadan