Jugendliche

Diabetes statt Dschungel

Anfang Juli startete mit „my camp D“ das zweite Erlebnis-Zeltlager speziell für junge Menschen mit Diabetes. Nach der ersten Auflage 2006 waren die Teilnehmer begeistert nach Hause gegangen, der Mix aus medizinischem Wissen, Spaß und Klassenfahrt-Atmosphäre traf den Geschmack.

Wenn man einen allseits bekannten dänischen Insulinhersteller in seiner Deutschland-Zentrale in Mainz besucht, zieht eine Ausstellung den Blick auf sich: Ein mysteriöses „Camp D“ wird darin vorgestellt, und irgendwie hat man den Eindruck, das Fotoalbum stolzer Eltern zu betrachten. Man wird neugierig – was ist das eigentlich, Camp D?

Um das herauszufinden, ist eine kleine Reise in die Vergangenheit nötig, eine Reise, die für Hansruedi Stahel wie ein Märchen klingt. Es war einmal, man schreibt das Jahr 2004, ein Schweizer im Dienst von Novo Nordisk, der einen Traum hat: Ärzte, die unbeschränkt Zeit für ihre Patienten haben. Nicht in ihrer Praxis, nicht in einem Hotel oder einer Kongresshalle, sondern in einer schönen Landschaft. In einer Zeltstadt – einem Camp für Diabetiker. Es ist überliefert, dass Stahel, nachdem er die ersten Mitstreiter mit seiner Vision angesteckt hatte, von seinem damaligen Chef Dr. med. Markus Leyck Dicken die Worte „Ihr seid verrückt … OK, macht es.“ zu hören bekam. Weil Stahel hauptberuflich nicht Märchenerzähler, sondern Business Development Director Europe Central ist und sein Chef Geschäftsführer von Novo Nordisk Deutschland, war dieser lapidare Satz der Punkt, an dem aus dem Märchen Realität wurde, aus dem Engagement der Visionäre und über einer halben Million Euro vom Unternehmen entstand – Camp D.

Medizin und Fun ideal gemischt

Das Motto des noch nie dagewesenen Events war „Lebe Dein Leben“, und genau das gelang den über 600 jungen Menschen mit Diabetes an jenen dreieinhalb Tagen im Sommer 2006 auf der Rennkoppel in Bad Segeberg. Unglaublich, wenn man sich an manche Vorträge über Jugendliche und Diabetes erinnert, in denen es stets heißt, dass junge Menschen zwischen 16 und 25 für alles einen Kopf haben, nur nicht für ihren Diabetes. Aber die Mischung stimmte genau, Teilnehmer und Betreuer waren ganz einfach begeistert vom intensiven Erlebnis des gemeinsamen Lebens mit „ihrer“ Krankheit – endlich mal das Gegenteil von irgendwie anders sein, ein Sommercamp mit lauter Gleichgesinnten im gleichen Alter.

Dabei war das Programm ambitioniert, Medizin, Sport, Fun, Musik und aktuellen Diabetesthemen waren zu einer prallen Agenda gemischt, der Freitag Vormittag hätte mit seinen fünf Fachreferaten, der Moderation von Dr. med. Rolf Renner und den Experten Liebl, Danne, Merfort, Landgraf und Lange locker als Teil der DDG-Jahrestagung durchgehen können. Die Themen waren auf die junge Zielgruppe zugeschnitten, ein Blatt vor dem Mund gab es nicht, stattdessen auch „brisante“ Themen wie Sexualität oder durchfeierte Nächte.

Dr. med. Rolf Renner my camp D 2006
Direkter Kontakt mit Diabetologen wie hier Dr. med. Rolf Renner
und vor allem mit gleichaltrigen Diabetikern – das macht Camp D aus.

Fast beeindruckender als das Fachwissen war aber, mit den am roten T-Shirt mit dem Aufdruck „Diabetologe – Quatsch mich an!“ zu erkennenden Halbgöttern in Weiß auf dem Beachvolleyball-Feld zu stehen, beim Barbecue Ernährungssünden zu begehen oder wirklich einfach mal länger als zehn Minuten locker zu reden. Die begeisterte Resonanz hat das Camp D aber sicher auch der Festival-Atmosphäre zu verdanken, den Country-Spaß-Rockern der Band Boss Hoss, den anderen DJs und Bands, dem gemeinsamen Mitfiebern beim Kleinen Finale der Fußball-WM am Samstag, den eigenen sportlichen Aktivitäten mit Anja Renfordt, Diabetikerin und mehrfache Kickbox-Weltmeisterin, oder Larissa Brauns, Bundesliga-Fußballerin und auch Diabetikerin, oder einfach dem Ausprobieren von unbekannten Sportarten.

Studienzentrum im Camp

Neben den Vorträgen war Diabetes auch ganz praktisch ein Thema. So trugen 73 der Jugendlichen probeweise eine Insulinpumpe, im Rahmen der Aktion „Feel the Pump“ bereitgestellt und betreut von Roche Diagnostics. Per Ultraschall konnten sich die Teilnehmer ihre Injektionsstellen auf Veränderungen am Unterhaut-Fettgewebe vermessen lassen, auch ein Nikotin-Test wurde angeboten – alles natürlich freiwillig. Genauso wie die Teilnahme an der Dawn Youth Studie, dem Ableger für Jugendliche der „Diabetes Attitudes, Wishes, Needs“, die Novo Nordisk in 13 Ländern unter Teilnahme von rund 5.000 Menschen mit Diabetes 2001 hat durchführen lassen.

Ein „Studienzentrum“ war dort eingerichtet, wo bei Reitturnieren auf dem Gelände sonst die Wertungsrichter sitzen, und 409 Fragebögen und HbA1c-Werte sammelten sich bis zum Ende des Camps dort an. Hier sah man dann, dass sich keine jungen Wunder-Diabetiker getroffen hatten, der Median der in Bad Segeberg gemessenen HbA1c betrug 8,0, „besorgniserregend schlecht“ waren 28 Prozent der Teilnehmer eingestellt, ihre Werte waren über 9. Unerwartet, so das Studienteam, war der Zusammenhang zwischen der familiären Situation und dem mittleren HbA1c: Junge Leute mit zusammenlebenden Eltern wiesen einen deutlich niedrigeren Wert auf, und das obwohl 16 bis 25-Jährige längst selbst ihre Diabetes-Behandlung steuern. Auch die Tatsache, dass Sport, langes Feiern und wenig Schlaf bei doch einigen Teilnehmern zu Hypoglykämien geführt hatten, deuteten die Experten als Zeichen einer Therapie-Unsicherheit.

Neuauflage 2008

Im Internet-Gästebuch des Camp D und auch im kleinen gedruckten Erinnerungs-Büchlein des Events liest man eine Frage immer wieder: Wann macht Ihr das wieder? Auch die rund 100 Betreuer, Ärzte, Diabetesberaterinnen und Organisatoren zeigten sich infiziert vom Geist des Diabetes-Zeltlagers. Mit „my camp D“ wird Novo Nordisk vom 3. bis 6. Juli eine Neuauflage starten, wieder auf dem Gelände der Rennkoppel in Bad Segeberg. Ziel der Veranstalter um das bewährte Duo aus Stahel und Christina Betz-Senftleben ist, sich dieses Jahr noch intensiver mit der ganz persönlichen Lebenssituation der Teilnehmer auseinanderzusetzen und wertvolle Tipps, Zuversicht und frische Ideen fürs Leben mit auf den Weg zu geben.

„Ich kann etwas, ich will etwas“ soll jeder Teilnehmer sagen können, wenn er „my camp D“ verlässt. Wie vor zwei Jahren beträgt die Teilnahmegebühr 99 Euro, all inclusive. Und wie schon bei der ersten Auflage beinhaltet das nicht nur Programm, Verpflegung und Unterkunft in den Zelten, sondern auch ein Flug- oder Bahnticket samt Bustransfer nach Bad Segeberg.

Neben den Veteranen von 2006 sind natürlich auch interessierte Neulinge eingeladen – schließlich kann das Zeltdorf bis zu 1.300 junge Menschen aufnehmen. Kritische Geister, die Festival, Jugendliche und Begeisterung mit Promille in Verbindung bringen, werden übrigens enttäuscht: Auf dem Gelände wurde und wird kein Alkohol angeboten, eindringlich wurde gebeten, auch keine alkoholischen Getränke mitzubringen. Also dann, lebe Dein Leben!