News-Archiv: 2008

ROSSO-Studie

(2008)

Diabetes Typ 2: Erste umfassende Analyse zur Versorgungsqualität

Typ-2-Diabetiker werden von Hausärzten ausreichend mit Insulin und Medikamenten gegen zu hohen Blutzucker behandelt. Dabei werden von den behandelnden Ärzten keine Unterschiede zwischen gesetzlich und privat Versicherten gemacht. Eine deutsche Langzeitstudie zur Versorgungsqualität von Patienten mit Diabetes Typ 2 brachte dieses gute Ergebnis. Doch zeigen die Untersuchungen auch, dass sowohl gesetzlich als auch privat Versicherte zu selten Medikamente erhalten, die vor Spätfolgen der Zuckerkrankheit schützen. Diesen Spätfolgen vorzubeugen kann und sollte ebenso wie die Blutzuckersenkung selbst ein festes Ziel jeder Diabetestherapie sein, so die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG).

Für die ROSSO-Studie wurden knapp 3300 Patienten mit Typ 2 Diabetes aus 192 zufällig ausgewählten Arztpraxen über durchschnittlich 6,5 Jahre beobachtet. Ein erfreuliches Ergebnis der Studie ist, dass Hausärzte und Internisten keinerlei Unterschiede zwischen Privat- und Kassenpatienten machen. Sowohl bei den Untersuchungen als auch in der Therapie werden alle gleich behandelt. Das gilt im Guten, wie beim HbA1c-Wert und der langfristigen Blutzuckerkontrolle, aber auch im Schlechten. Die Studie ergab nämlich, dass viele Behandlungen, die die Patienten vor den langfristigen Krankheitsfolgen des Diabetes schützen könnten, zu selten durchgeführt werden. Zu diesen Spätfolgen des Diabetes zählen unter anderem Herzinfarkt und Schlaganfall. Den Blutdruck oder Cholesterinwerte senkende Medikamente können diese Risiken senken. Jedoch erhalten nicht alle Patienten diese Medikamente. Selbst wenn Patienten bereits einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall hatten, erhalten nur etwa 20% von ihnen in den darauf folgenden ersten Jahren eine entsprechende Therapie.

Gute Ergebnisse zeigt die ROSSO-Studie bei der langfristigen Blutzuckerkontrolle. Der HbA1c-Wert ist hierbei das wichtigste Qualitätsmerkmal. Er sollte 3 bis 4 Mal pro Jahr kontrolliert werden. Dies fordern auch seit Jahren die ärztlichen Leitlinien. Die ROSSO-Studie zeigt, dass sich die deutschen Hausärzte nur bei 20 bis 50 Prozent der Patienten an diese Vorgabe halten. Dennoch gelingt es ihnen, den HbA1c-Wert bei ihren Patienten im Verlauf der Therapie zu verbessern. Für Studienleiter Professor Stephan Martin vom Sana Krankenhaus Gerresheim in Düsseldorf und seine Kollegen ist dies eine positive Überraschung, da sich der HbA1c-Wert im Verlauf der Diabeteserkrankung häufig verschlechtert.

Literatur

  • Veröffentlichung zu den Ergebnissen der ROSSO (Retrospective Study „Self-monitoring of Blood Glucose (SMBG) and Outcome in patients with Type 2 Diabetes“) – Studie: S. Martin et al.: Analyse der Versorgungsqualität bei Typ-2-Diabetes bei gesetzlich und privat versicherten Patienten. Dtsch med Wochenschr 2008; 133: 2143-2150 DOI: 10.1055/s-0028-1091254

Studie untersucht den Einfluss natürlicher Kakaosubstanzen

(2008)

Kakaoflavanole könnten die Gefäßfunktion
bei Typ-2-Diabetikern verbessern

Studie untersucht den Einfluss natürlicher Kakaosubstanzen auf Diabetes-bedingte Dysfunktionen der Blutgefäße

Durch den regelmäßigen Verzehr von Kakaogetränken mit hohem Flavanolgehalt lässt sich die Gefäßfunktion bei Typ-2-Diabetikern um bis zu 30 Prozent verbessern. Das hat ein internationales Forscherkonsortium unter Federführung der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Aachen im Rahmen einer 30-tägigen Studie herausgefunden.

Neben den Forschern aus Aachen haben Wissenschaftler der University of California, Davis und von Mars Botanical, einem Geschäftsbereich von Mars Incorporated (USA) mitgewirkt. Die aktuell im Journal of the American College of Cardiology veröffentlichte Studie legt nahe, dass die natürlichen Kakaobestandteile grundsätzlich das Potential haben könnten, Diabetes-bedingte Dysfunktionen der Blutgefäße positiv zu beeinflussen.

"Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass der regelmäßige Verzehr von flavanolhaltigem Kakao zu akuten und langfristigen Verbesserungen der Gefäßfunktion bei Patienten mit Typ-2-Diabetes führen kann", sagt Professor Dr. Malte Kelm, Direktor der Medizinischen Klinik I in Aachen und Leiter des Forscherteams. "Dies ist vor allem vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass diese Veränderungen auftraten, obwohl der Diabetes bei den jeweiligen Patienten mit Medikamenten im Vorfeld optimal behandelt worden war."

Trotz moderner medikamentöser Therapien des Diabetes könnten Komplikationen langfristig nicht verhindert werden, so Professor Kelm. Diabetiker litten häufig an einer eingeschränkten Gefäßfunktion. Diese gelte als Indikator für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Arteriosklerose und könne mit der Zeit zu Herzerkrankungen oder sogar zum Herzinfarkt führen, der Todesursache bei zwei Dritteln aller Diabetiker.

Laut "Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2008" der Deutschen Diabetes-Union leben in Deutschland – inklusive der geschätzten Dunkelziffer – etwa acht Millionen Diabetiker. Bis zu 90 Prozent dieser Menschen litten an Typ-2-Diabetes. Im Jahr 2004 beliefen sich die direkten Kosten für das Gesundheitswesen laut Statistischem Bundesamt auf mehr als fünf Milliarden Euro. "Vor diesem Hintergrund sind in den letzten Jahren Themen wie die Veränderung des Lebensstils und die Umstellung von Ernährungsgewohnheiten immer stärker in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen gerückt", erläutert Professor Kelm. "Weitergehende Studien müssen nun zeigen, inwieweit Flavanole nicht nur die Gefäßfunktion verbessern, sondern möglicherweise auch dazu beitragen können, das Voranschreiten einer Arteriosklerose positiv zu beeinflussen, um so die Anzahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle zu vermindern."

Methodik und Ablauf

Im Rahmen der Studie wurden ausschließlich Kakao-Zubereitungen eingesetzt, die mit dem von Mars Incorporated patentierten "Cocoapro"-Verfahren entwickelt wurden. Dieses Verfahren ermöglicht den Erhalt der natürlich im Kakao vorkommenden Flavanole im Verarbeitungsprozess. Die internationale Forschergruppe hat sowohl kurz- als auch längerfristige Effekte von flavanolhaltigen Kakaogetränken auf die Gefäßfunktion untersucht. Im ersten Teil der Untersuchung erhielten Erwachsene mit Typ-2-Diabetes, die im Vorfeld mit Medikamenten behandelt worden waren, ein charakterisiertes und standardisiertes Kakaogetränk mit jeweils unterschiedlichem Flavanolgehalt in einer Bandbreite von 75 mg bis 963 mg.

Anschließend wurde über mehrere Stunden hinweg die Gefäßfunktion aufgezeichnet. Eine Korrelation zur Flavanoldosis war deutlich feststellbar: Bei den Patienten, die eine Flavanoldosis von 371 oder 963 mg zu sich genommen hatten, war ein positiver Einfluss auf die Fluss-mediierte Dilatation (FMD) zu beobachten. FMD ist ein Indikator für die Funktionsfähigkeit von Gefäßen, wie zum Beispiel für ihre Elastizität.

Darauf folgte eine 30-tägige kontrollierte und doppelt verblindete klinische Untersuchung erwachsener Patienten mit fortgeschrittenem und medikamentös behandeltem Diabetes. Diese nahmen entweder drei Mal täglich eine höher dosierte Behandlungsdosis (321 Milligramm Kakaoflavanol) oder eine niedrig dosierte Kontrolldosis (25 Milligramm Kakaoflavanol) ein. Die Kakaozubereitungen, die mit dem "Cocoapro"-Verfahren von Mars Incorporated entwickelt wurden, waren hinsichtlich Kalorienzahl, Nährstoffgehalt sowie dem Anteil von Kakaobestandteilen wie Theobromin und Koffein miteinander vergleichbar.

Neben der unmittelbaren positiven Auswirkung auf die Fluss-mediierte Dilatation nach Einnahme des Flavanols, stellten sich bei den Probanden nachhaltige Verbesserungen der Blutgefäßfunktion ein. Die an Tag 1 gemessene FMD verbesserte sich im Vergleich zu Tag 30 am Ende der Studie um 30 Prozent. "Das hohe Ausmaß des Einflusses von Kakaoflavanolen auf die Gefäßfunktion hat uns positiv überrascht", so Harold Schmitz, Chief Science Officer von Mars Incorporated, zu den Untersuchungsergebnissen. "Wenn die Aufnahme von Kakaoflavanol in eine entsprechende Diät bei gleichzeitig fortgesetzter Einnahme der Standardmedikamente derartig profunde und nachhaltige Verbesserungen der Gefäßfunktion bei einer Patientengruppe mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen herbeiführt, könnten die Auswirkungen auf die allgemeine Gesundheit und Lebensqualität bemerkenswert sein."

Obwohl die Ergebnisse der Studie vielversprechend sind, weisen die beteiligten Wissenschaftler darauf hin, dass es weiterer Untersuchungen bedürfe, um die klinische Relevanz von flavanolhaltiger Nahrung im Zusammenhang mit dem menschlichen Herz-Kreislauf-System eindeutig zu belegen.

Stand der Forschung

Neuere Forschungsergebnisse, wie auch die hier beschriebene Studie, deuten darauf hin, dass der Effekt der Flavanole auf das Herz-Kreislauf-System unabhängig ist von antioxidativen Eigenschaften, die diese im Reagenzglas besitzen. Dies steht im Gegensatz zu früheren Vermutungen, die Wirksamkeit der Flavanole sei ausschließlich auf deren antioxidative Wirkung zurückzuführen. Während die Forschung in Richtung der potentiellen Rolle von Kakaoflavanolen in Zusammenhang mit den Blutgefäßen und dem Herz-Kreislauf-System voranschreitet, legt eine Reihe bereits veröffentlichter Studien heute schon nahe, dass Kakaoflavanole allgemein eine immens wichtige Wirkung auf das Gefäßsystem haben könnten. Die Forschung zeigt, dass Flavanole einen diätetischen Ansatz bei der Behandlung von Herz-Kreislauf-Leiden ermöglichen.

Darüber hinaus eröffnen sich neue Möglichkeiten im Bereich von Flavanol-basierten Eingriffen bei Gefäßkomplikationen in Zusammenhang mit kognitiver Leistung, Hautproblemen sowie altersbezogener Blutgefäßdysfunktion.

Seit Jahrzehnten ist Mars Incorporated ein engagierter Partner und Initiator der Kakaoforschung. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt seit mehr als 15 Jahren auf der Untersuchung von Kakaoflavanolen. Das Unternehmen unterstützt unabhängige wissenschaftliche Institutionen bzw. forscht selbst. In diesem Zusammenhang hat Mars das wegweisende Verfahren Cocoapro entwickelt, das eine besonders schonende Verarbeitung der Kakaobohne erlaubt: Die natürlich im Kakao vorkommenden Flavanole bleiben fast vollständig erhalten.

Mit Hilfe des neu gegründeten Geschäftsbereichs Mars Botanical plant Mars, weiterhin führende Analysetechniken und -standards zur Untersuchung des biomedizinischen Potenzials von Kakaoflavanolen zu entwickeln.

Über Flavanole

Flavanole sind natürliche Substanzen und gehören zu einer Gruppe von wasserlöslichen Pflanzenbestandteilen, den Flavanoiden. Diese wurden in den 30er Jahren durch den Nobelpreisträger Albert von Szent-Györgyi Nagyrapolt entdeckt und zunächst als Vitamin P bezeichnet. Flavanole befinden sich in vielen pflanzlichen Lebensmitteln. In besonders hoher Konzentration findet man sie in Form von Catechin und Epicatechin in Weintrauben und Tee, vor allem aber in natürlichen Kakaobohnen. Entgegen häufiger Aussagen geben Prozentangaben des Kakaogehaltes nicht gleichzeitig Aufsschluss über den enthaltenen Flavanolanteil. Dieser lässt sich ausschließlich durch eine spezielle Behandlung des Kakaos im Verarbeitungsprozess erhalten.

Daten zur Studie (PDF 96,2K)

Informationen online: www.cocoapro.com und www.cocoasustainability.mars.com

Schnelle Wundheilung

(2008)

Wundauflage aus Kieselgelfasern

Fraunhofer-Institut entwickelt Wundauflage aus Kieselfasern für schnelle Wundheilung

Bei schwer heilenden Wunden wie bei Diabetes oder bei Verbrennungen soll demnächst eine Wundauflage aus Kieselgelfasern helfen, bessere Ergebnisse und damit eine schnellere Wundheilung zu erzielen. Die Kieselfaser-Wundauflage unterstützt neu wachsende Hautzellen als Gerüst. Der Körper baut im Zuge der Heilung die neu entwickelte Wundauflage komplett ab.

Großflächige und nur schlecht heilende Wunden sind ein weit verbreitetes Leiden. In Deutschland sind es an die 3 Millionen (meist ältere) Menschen, die mit diesem Problem zu kämpfen haben. Ursachen für solche schwer heilenden Wunden sind zum Beispiel Diabetes, Verbrennungen oder Wundlägerigkeit.

Mit den herkömmlichen Wund-Auflagen aus Polymilchsäuren oder Kollagen sind die Heilungserfolge jedoch noch nicht optimal. Die neue Wundauflage aus Kieselgelfasern kann dies ändern.

Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Silicatforschung ISC in Würzburg haben die Neuheit entwickelt.

Fraunhofer-Institut entwickelt Wundauflage aus Kieselfasern für schnelle Wundheilung
Dipl.-Ing. Walther Glaubitt (links) und Dr. Jörn Probst (rechts) mit frisch gesponnen Kieselgelfasern. Foto: Fraunhofer/Kai-Uwe Nielsen

Die Kieselfaser-Wundauflage ist:

  • formstabil
  • pH-neutral
  • zu 100% bioresorbierbar

Einmal auf die Wunde aufgebracht, verbleibt sie im Körper und wird vom Körper vollkommen abgebaut. Das Wund-Vlies bietet den gesunden Zellen an den Wundrändern eine Leitstruktur, die sie zusätzlich zu einer adäquaten Nährstoffversorgung für ein gerichtetes Wachstum benötigen. Damit es zu keinen Infektionen kommen kann, muss die Behandlung der Wunde absolut steril erfolgen.

„Da nur noch der äußere Verband gewechselt werden muss, ist die Gefahr, die Wunde zu verunreinigen, gering“, erklärt Dr. Jörn Probst vom ISC. Und dank des Klettergerüsts für die Zellen stehen die Chancen auf einen narbenfreien natürlichen Wundverschluss sehr gut.

Nass-chemische Werkstoffsynthese (Sol-Gel-Verfahren)

Grundbaustein der Fasern ist eine nasschemische Werkstoffsynthese, ein Sol-Gel-Verfahren. Dabei wird aus Tetraethoxyisilan (TEOS), Ethanol und Wasser in einem mehrstufigen, sauer katalysierten Syntheseprozess ein transparentes, honigartiges Gel hergestellt. Dieses lässt sich in einem Spinnturm weiterverarbeiten: „Wir pressen es bei konstanten Temperaturen und Luftfeuchte durch feine Düsen“, erläutert Walther Glaubitt, der Erfinder der Kieselgelfasern. „Dabei entstehen feine Endlosfäden, die auf einem Changiertisch aufgefangen und in einem bestimmten Muster gesponnen werden, so dass ein etwa DIN A4 großes Vlies aus mehreren Schichten entsteht.“ Danach werden die Wundauflagen nur noch geschnitten, verpackt und sterilisiert. Für die Entwicklung der biokompatiblen Wundauflage erhalten Dr. Jörn Probst und Dipl.-Ing. Walther Glaubitt den Joseph-von-Fraunhofer-Preis 2008.

Als Vermarkter, der die Entwicklung der Kieselfaser-Wundauflage begleitet, hat sich bereits die Bayer Innovation GmbH BIG etabliert. Der Projektleiter der Bayer Innovation GmbH stellt in Aussicht, dass die Kieselgel-Wundauflage ab 2011 in die Krankenhäuser kommt.

Die Forscher erweitern schon jetzt ihre Planungen für die Wundauflage aus Kieselgelfasern: Sie wollen beispielsweise Wirkstoffe wie Antibiotika oder Schmerzmittel mit der Wundauflage kombinieren. Damit ließe sich die Wund-Heilung noch einmal verbessern und beschleunigen.

Ulla Schmidt entscheidet für Kinder

(2008)

Krankenkassen müssen Kindern mit Diabetes alle Insuline erstatten!

Ministerium für Gesundheit entscheidet im Sinne der Patienten

Bochum, 9. Mai 2008 – Kinder und Jugendliche mit Diabetes mellitus Typ 1 bis zum 18. Lebensjahr erhalten weiterhin auch kurzwirksame Analoginsuline von den Gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) teilte dies am 8. Mai 2008 dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) mit. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) begrüßt die Entscheidung von Ministerin Ulla Schmidt.

Das Bundesministerium für Gesundheit widerspricht damit in diesem Punkt einem Beschluss des G-BA vom 21. Februar 2008. Dieser Beschluss hatte empfohlen, kurzwirksame Analoginsuline für Menschen mit Diabetes Typ 1 aus der Erstattung aus Kostengründen auszuschließen. Ausnahmen sollte es nur für Patienten geben, die allergisch auf Humaninsulin reagieren oder die mit Humaninsulinen keine stabile Stoffwechsellage erreichen könnten.

An die 300 000 Menschen mit Diabetes 1 sind zurzeit in Deutschland von politischen Sparmaßnahmen betroffen – davon rund 25000 Kinder und Jugendliche. „Für diese Patienten sind Analoginsuline kein Luxus, sondern eine wichtige Unterstützung, tagtäglich gut mit Diabetes 1 zu leben und Spätfolgen zu vermeiden“, sagt Professor Dr. med. Thomas Danne, Vize-Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft. „Wir sind froh, dass die Ministerin jetzt im Sinne der jungen Patienten entschieden hat.“ Die Stoffwechselerkrankung Diabetes 1 kann jeden treffen. Die meisten Neuerkrankten sind Kinder und Jugendliche bis zum 20. Lebensjahr – etwa eines von 600 Kindern erkrankt in Deutschland daran. Studien haben gezeigt, dass die Hälfte der Erkrankten zwölf Jahre nach der Diabetes-Diagnose Folge- und Begleiterkrankungen entwickelt haben. Diese Folgen könnten verhindert werden, wenn Erkrankte von Beginn an eine gute ärztliche Versorgung, professionelle Diabetes-Schulungen und auch psychologische Unterstützung erhielten.

Telemedizin bei Diabetes

(2008)

Blutzuckerkontrolle per Bluetooth

Eine neue Technik überträgt die Blutzuckerwerte per Handy ins Internet. Zugriff haben ausgewählte Personen wie der Arzt

Das Wesentliche in Kürze

GlucoTel ist der Markenname einer neuen Technik, die bei Diabetespatienten die Diagnostik (Blutzuckermessung) mit der Telekommunikation und damit einer möglichen Fernüberwachung der Therapie verknüpft. Ein spezielles Blutzuckermessgerät übersendet per Bluetooth die Messwerte an ein geeignetes Mobiltelefon, das wiederum die Daten an eine Internetdatenbank schickt. Zugriff auf diese Daten haben der Patient und von ihm autorisierte Personen wie Arzt oder Angehörige. Möglich sind auch die direkte Kommunikation und ein unmittelbarer Datenaustausch mit den behandelnden Ärzten. Die automatisierte, lückenlose Langzeit-Dokumentation aller Messwerte soll in Verbindung mit dem Fernmonitoring bei geeigneten Patienten das Diabetesmanagement verbessern.

Für wen eignet sich GlucoTel?

Das System ist primär vorgesehen für insulinpflichtige Patienten sowohl bei Diabetes Typ 1 als auch Typ 2.

  • Patienten mit Prädiabetes oder Schwangere mit Diabetes soll das „Gesundheitsselbstmanagement“ dazu anregen, die Lebensweise aktiv vorbeugend und verantwortungsvoll zu gestalten.
  • Durch Fernmonitoring können Eltern überprüfen, ob ihr diabeteskrankes Kind die Blutzuckerwerte gemessen hat und wie sie ausgefallen sind.
  • Ebenso können kranke oder pflegebedürftige Menschen bei der Bewältigung ihres Diabetes unterstützt werden, sofern sie mit der Technik umgehen können oder eine Betreuungsperson dies übernimmt.

Wie werden die Daten genutzt?

Nach erfolgter Autorisierung durch den Diabetes-Patienten und der anschließenden Bestätigung durch die Vertrauensperson (z.B. Angehörige oder der behandelnde Arzt), können diese Personen auf alle Daten, also auf ein vollständiges Online-Tagebuch zugreifen. Dies erleichtert dem medizinischen Fachpersonal (Diabetes-Assistentin, Diabetologe, Hausarzt etc.) wie auch betreuenden Angehörigen, die Situation des Patienten einzuschätzen, ihn zu unterstützen oder notwendige Maßnahmen zu veranlassen. Die aktuellen Daten und Messwerte sind permanent und ortsunabhängig verfügbar.

Welche Technik wird eingesetzt?

GlucoTel als telemedizinisches Diabetes-Selbstmanagement-System besteht aus:

  • GlucoTel-Blutzuckermessgerät
  • GlucoTel-Teststreifen
  • BodyTel Center
  • BodyTel Mobile Internet (BTMI); alternativ: BodyTel Mobile SMS (BTMS)

Während bei herkömmlichen Messgeräten der Wert manuell in das Diabetestagebuch übertragen wird, sendet GlucoTel die erfassten Daten automatisch über Bluetooth (kabellose Nahübertragungstechnik bis ca. 10 Meter) an das Mobiltelefon des Patienten. Anschließend werden die Daten ohne weiteres Zutun an den Datenbankserver des BodyTel Center geschickt.

GlucoTel-Blutzuckermessgerät:

Für die Messung oder Übertragung ist kein Knopfdruck notwendig. Es gibt keine Ladestationen und keine Verkabelung, die gesamte Datenkommunikation erfolgt kabellos. Die Ergebnisse jeder Blutzuckermessung werden parallel zum Versand im LCD-Bildschirm am Gerät anzeigt. Sehbehinderte Patienten können das Mobiltelefon so einstellen (lassen), dass das Gerät die Werte vorliest. Das Messgerät lässt sich im Dunkeln nutzen, da der Einschubbereich (Port) für die Teststreifen sowie das Display auf Knopfdruck beleuchtet werden. Das Messgerät ist kaum größer als ein Textmarker und wiegt etwa 65 Gramm aus. Es arbeitet mit handelsüblichen Batterien, die etwa 800 Messungen ermöglichen.

GlucoTel-Teststreifen

Die Messung dauert 10 Sekunden und benötigt lediglich 0,65 Mikroliter (µl) Blut, das bei Kontakt mit dem Teststreifen durch den Kapillareffekt automatisch in das Innere des Streifens gezogen wird. Die für jede neue Dose Teststreifen notwendige Kalibrierung des Messsystems erfolgt über das Mobiltelefon, indem der Patient die Produktionsnummer der Teststreifendose eingibt. Die Teststreifen können über alle gängigen Vertriebskanäle oder online im Webshop des BodyTel Centers bezogen werden.

BodyTel Center

Das BodyTel Center ist ein Web-Portal mit Datenbankserver und Webshop. In der zentralen, Passwort-geschützten Datenbank werden alle über das Mobiltelefon gesendeten Daten des Diabetespatienten erfasst und langfristig gespeichert. In seinem Online-Tagebuch kann der Patient neben den Blutzuckerwerten andere wichtige Informationen wie Gewicht, Medikation, Insulingaben oder Ereignisse („Events“) wie Mahlzeiten und sportliche Aktivitäten eingeben. Alle Daten werden grafisch und in Farbe dargestellt und aufbereitet. Datensätze können auf den eigenen Computer übertragen und in gängigen Programmen bearbeitet werden.

BodyTel Mobile

Die mobile Anwendung BodyTel

Mobile Internet (BTMI) versendet die Daten über Internet, alternativ geht dies mit BodyTel Mobile SMS (BTMS) per SMS. BodyTel bietet die BodyTel Mobile-Anwendungen für ausgewählte Mobiltelefone an. Diese Anwendung ermöglicht die grafische Aufbereitung und Darstellung der Daten am Bildschirm des Mobiltelefons sowie Zusatzinformationen wie Gewicht, Medikation, Insulingaben oder Ereignisse („Events“) wie Mahlzeiten und sportliche Aktivitäten direkt im Mobiltelefon einzugeben und anschließend an das BodyTel Center zu verschicken.

Und wie sicher sind die Daten?

Der Hersteller betont, dass der Patient stets Herr über seine Daten bleibt und bestimmt, wer Zugriff auf sie erhält. Die Datenübertragung per Bluetooth an das Mobiltelefon sowie die Kommunikation mit dem Internet erfolgen verschlüsselt. Die Internet-Datenbank ist per SSL-Verschlüsselung (https://…) und mit Passwort gesichert. Alle erfassten Daten werden in einem weiteren, ebenfalls gesicherten Server gespiegelt. Die Sicherheitsstandards sollen denen des Online-Bankings entsprechen.

Neue Wirkstoffe im Test

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Neue Wirkstoffe im Test

Neue Wirkstoffe könnten in Zukunft diabetisch verursachte Krankheiten des Auges wirksamer behandeln. Durch Diabetes bedingte Erkrankungen der Netzhaut sind in Deutschland immer noch Hauptursache für eine Erblindung im Erwachsenenalter. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) schätzt die neuen Therapieoptionen als Fortschritt in der Diabetes-Therapie ein. Sie können jedoch nicht die engmaschige Kontrolle des Blutzuckers und die regelmäßige Untersuchung der Augen auf beginnende Schäden ersetzen.

Langfristig erhöhte Blutzuckerwerte schädigen die Blutgefäße. Ist die Durchblutung des Auges gestört, erhalten die Zellen in diesem Bereich zu wenig Sauerstoff und sterben ab. Dies kann zu einer so genannten Retinopathie, also Schäden an der Netzhaut des Auges führen. Ist die Mitte der Netzhaut – der Ort des schärfsten Sehens – betroffen, liegt eine Makulopathie vor. Schwere oder fortgeschrittene Formen der Retinopathie führen zur Bildung neuer Blutgefäße im Glaskörper des Auges, welche dann zu Beeinträchtigungen des Sehvermögens führen. Die betroffenen Diabetiker können erblinden oder sogar das Auge verlieren.

Der neue therapeutische Ansatz beruht vorwiegend auf zwei Wirkstoffgruppen: Kortikosteroide und Hemmer des „Vascular Endothelial Growth Factor“ (VEGF). Die Medikamente sind für diese Therapie noch nicht zugelassen. Die bisherigen Erfahrungen sind bei einigen Formen der Augenerkrankungen jedoch besser als mit den bisher zugelassenen Therapien. Privatdozent Dr. med. Klaus-Dieter Lemmen vom St. Martinus-Krankenhaus in Düsseldorf erläutert in einem Beitrag in der Fachzeitschrift „Der Diabetologe“, wo die neuen Wirkstoffe bisher erfolgreich eingesetzt werden.

Was genau von der neuen Therapie zu erwarten ist, wird derzeit in größeren Studien untersucht. Klar ist jedoch: Wenn Teile der Netzhaut bereits abgestorben sind, geht die Sehkraft auf Dauer verloren. Die Vorsorgeuntersuchungen, zu denen auch regelmäßige Augenkontrollen gehören, bleiben unverändert wichtiger Bestandteil der Diabetes-Therapie, so die DDG.

Betreuung von Schwangeren mit Diabetes

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Mit Insulin zum gesunden Baby

Wenn Diabetikerinnen schwanger werden oder wenn durch Schwangerschaft ein Diabetes auftritt, so birgt dies Risiken für Mutter und Kind. Mit der modernen Insulintherapie können die Gefahren jedoch minimiert werden. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) hält es deswegen für notwendig, neben Hebamme und Gynäkologen immer auch einen Diabetesexperten in die Betreuung der betroffenen Schwangeren einzubeziehen.

In Deutschland gibt es jedes Jahr ca. 5.000 Schwangerschaften bei Frauen mit Diabetes Typ 1 oder Typ 2. Hinzu kommen noch mehr als 17.500 Frauen, die während der Schwangerschaft einen Diabetes entwickeln (Gestationsdiabetes). Da immer noch nicht alle Schwangeren darauf getestet werden, liegt die tatsächliche Zahl jedoch deutlich höher. „Aufgrund eines fehlenden Screenings bleiben bis zu 50% unentdeckt“, erläutert Dr. med. Marianne Sorger, Medizinische Poliklinik der Universität Bonn, in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Der Diabetologe“.

Früher war die Kombination Schwangerschaft und Diabetes mit hohen Risiken für Mutter und Kind verbunden. Auch heute noch sind Kindersterblichkeit und Fehlbildungsrisiko um das 3- bis 5-fache erhöht. Ursachen dafür sind zum einen, dass nicht jeder Gestationsdiabetes erkannt und entsprechend behandelt wird. Außerdem verändert sich der Insulinbedarf der Schwangeren: Zu Beginn der Schwangerschaft ist er vermindert. In der zweiten Hälfte der Schwangerschaft steigt er deutlich an und mit Eintritt der Wehen fällt er wieder rapide ab. Übergewichtige Diabetikerinnen benötigen während der Schwangerschaft sehr viel Insulin. Bei allen Schwangeren kann Stress schneller als sonst zu einer Entgleisung des Stoffwechsels führen.

Um die Risiken nach Möglichkeit unter Kontrolle zu halten, ist die fachärztliche Betreuung der Schwangeren durch einen Diabetologen von Beginn an sinnvoll, bzw. sobald der Diabetes diagnostiziert wurde. Ist eine Schwangerschaft geplant, können Untersuchungen an Augen, Nieren, Herz und Kreislauf vorab dabei helfen, das Risiko für werdende Mütter besser einzuschätzen. Schwangere mit Diabetes müssen außerdem viel Disziplin haben: 6 – 8 Mal am Tag sollten sie ihren Blutzucker messen, um Über- und Unterdosierungen von Insulin zu vermeiden, die ihnen und ihrem Kind Schaden zufügen können.

Literatur
Sorger, M: Insulintherapie in der Schwangerschaft. Der Diabetologe 2008; 4: 535-541 DOI 10.1007/s11428-008-0250-7

Versorgung

(2008) diabetes-news-sweet-logo

Süßes gegen Saures

Nicht überall werden Kinder mit Diabetes gleich gut betreut, mit Sweet soll europaweit nachgeholfen werden. Das Projekt will unter anderem mit Referenz-Zentren die Versorgung junger Diabetiker verbessern. 2007/2008 ist das „Jahr des Kindes mit Diabetes“, so haben es die International Diabetes Federation IDF und die Weltgesundheitsorganisation der UNO erklärt. Der Startschuss des europaweiten Projekts „Sweet“ fällt also zur rechten Zeit. Mit der Initiative soll durch Entwicklung von Referenz-Zentren eine bessere Stoffwechselkontrolle bei Kindern und Jugendlichen mit Diabetes erreicht werden. Sweet basiert auf einer Partnerschaft europäischer und nationaler Diabetesorganisationen. Unter Federführung der Internationalen Kinderdiabetesgesellschaft ISPAD sollen in den nächsten drei Jahren in zehn pädiatrischen Zentren, die bereits heute einen diabetologischen Schwerpunkt haben, gemeinsam Empfehlungen hinsichtlich Behandlungsstrategien und Standards in der Kinderdiabetologie sowie Schulungsprogramme sowohl für Diabetesexperten als auch für Patienten entwickelt werden. Darüber hinaus unterstützt das Projekt den Aufbau weiterer Referenz-Zentren. Partner der Vernetzungsinitiative sind neben ISPAD der europäische Zweig der IDF, die Vereinigung der Diabeteskrankenschwestern FEND sowie die europäische Vereinigung zur diabetologischen Primärversorgung PCDE. Die Organisationen stellten gemeinsam den Antrag zu Sweet bei der EU, ein Umstand, der Projektleiter Prof. Dr. med. Thomas Danne freut, denn nur eine sektorenübergreifende und multidisziplinäre Versorgung bringe Erfolg. Die beteiligten Länder sind Deutschland, England, Frankreich, Griechenland, Luxemburg, Niederlande, Rumänien, Polen, Schweden und die Tschechische Republik. Das Projekt könnte auch international ein Modell für die Versorgung werden, beispielsweise in Amerika bestehe Interesse, weiß Danne. Auch innerhalb Europas sieht er in den zum Start beteiligten Ländern nur einen Anfang und kann sich eine Ausweitung sowohl der Zahl der Länder als auch der beteiligten Zentren gut vorstellen.

Zentren können mehr

Sweet ist ambitioniert. Es ist das erste Projekt mit dem Ziel, die Diagnose und Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes in Europa zu verbessern und so die kostenintensiven und beeinträchtigenden Folgeerkrankungen aufzuhalten. Neben besonders flexiblen Behandlungsstrategien und der Hilfe der gesamten Familie und der Betreuer ist es laut Danne wichtig, dass alle Kinder und Jugendlichen mit Diabetes in spezialisierten Kinderdiabetes-Behandlungszentren betreut werden können. Denn dort kann sich ein multidisziplinäres Team um alle Stoffwechselherausforderungen kümmern, die das Erwachsenwerden den jungen Patienten abverlangt.

„Selbst in Ländern mit gut entwickelten Gesundheitssystemen werden viele Kinder nicht von kinderdiabetologisch erfahrenen Versorgungsteams betreut“, erklärt der Chefarzt des Kinderkrankenhauses Auf der Bult in Hannover. Er hofft, dass sich diese Lücke mit Sweet schließen lässt. In Deutschland zum Beispiel gibt es 90 Kinderdiabeteszentren, in der Regel an Krankenhäusern, die Anforderungen der DDG genügen müssen. 60 Prozent der Kinder wurden 2003 in Deutschland in diesen Zentren betreut, schätzt Danne. Auf Europa bezogen würden sicher noch viel mehr Kinder nicht in spezialisierten Einrichtungen betreut. Das ist für den Generalsekretär der ISPAD ein Manko. „Man weiß, dass die großen Zentren in der Kinderonkologie und eben auch der Kinderdiabetes-Behandlung bessere Ergebnisse haben!“ In diesem spezialisierten Bereich müsse man weg von der Wohnort-nahen Versorgung, Ziel sei vielmehr eine flächendeckende Versorgung durch diese Referenz-Zentren. Hier europaweit einheitliche Kriterien für die Zentren zu entwickeln und eine entsprechende Qualitätssicherung zu etablieren, ist das Hauptziel von Sweet. Es gebe zudem signifikante Unterschiede im mittleren HbA1c zwischen den vorhandenen internationalen Kinderdiabetes-Zentren. „Davor können wir die Augen nicht verschließen“, so Danne. Er sprach von „inakzeptablen Unterschieden“, deren Gründe erörtert werden müssten – der Austausch der Zentren soll hier Lernen ermöglichen. „Die Diskrepanz zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten und innerhalb der Mitgliedsstaaten ist eine der großen Herausforderungen Europas im Kontext dieser chronischen Erkrankung und besonders in der Pädiatrie“, betonte Anne-Marie Felton in der Auftaktveranstaltung von Sweet. Die Irin ist Präsidentin von FEND und Vizepräsidentin der europäischen Sektion der IDF.

Europaweit voneinander lernen

Zwar sei, so Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Karin Lange, in Deutschland das Niveau der Versorgung der Kinder relativ hoch, aber die DRGs machten die Finanzierung gerade der psychosozialen Angebote schwerer. Es drohe die Gefahr, die gut ausgebildeten Kräfte der vorhandenen Zentren zu verlieren.

Ein europaweites Beispiel für ein Problem sind für die Initiatoren von Sweet die Schulen: In Schweden gibt es vom Erziehungsministerium die Vorgabe, dass es in jeder Schule eine Person als kompetente Ansprechpartner für Diabetes geben muss – in den meisten europäischen Ländern inklusive Deutschland ist die Situation an den Schulen dagegen „inadequat“. „Fakt ist, dass über 30 Prozent der berufstätigen Mütter von kleinen Kindern mit Diabetes zu arbeiten aufhören – Sie sehen, dass wir da eine ganze Menge auch in Deutschland noch zu tun haben“, so Danne. Denn in Zeiten moderner Therapien besteht die Behandlung nicht mehr in einer Insulinspritze am Morgen und Abend. „Diabetes findet heute in der Schule statt und dabei brauchen die Kinder Unterstützung“, betonte der Hannoveraner Experte. Ein anderes Ziel von Sweet sei es, dass auch europaweit nicht mehr ein achtjähriges Kind zusammen mit einem 60-jährigen Typ-2-Diabetiker gemeinsam geschult wird. In Deutschland gibt es altersspezifische Programme, noch in diesem Jahr komme zum Beispiel eine neue Auflage des Jugend-Schulungsprogramms heraus, so Danne. Voneinander lernen, die Materialien der verschiedenen Länder vergleichen und verbessern, das sei in Sweet geplant. Ein weiterer Teil des Projekts ist es, genauer abzustimmen, wie die in der Kinderdiabetologie nötigen interdisziplinären Teams denn zusammengesetzt und ausgebildet sein sollten.

Der Startschuss der Initiative fiel Anfang April, sie wird von der Public Health Agency der Europäischen Union im Health Information Programm mit insgesamt 360.000 Euro unterstützt. Für die Realisierung aller Projektziele werden jedoch weitaus mehr Mittel benötigt, die Initiatoren schätzen rund eine Million Euro. Daher freut man sich über die „gute Förderung“ der Industriepartner Lilly, Roche Diagnostics, Novo Nordisk, Dexcom und Medtronic und hofft, dass sich weitere Förderer für dieses zukunftsweisende Konzept begeistern werden. Allen ist klar, dass Diabetes bei Kindern keine Sache eines einzelnen Gedächtnis-Jahres oder Projekts ist: Die Kooperation der Referenz-Zentren wird so angelegt, dass sie über die dreijährige Laufzeit des Vernetzungsprojektes Sweet weit hinausgehen soll.

Schwangerschafts-Diabetes

(2008)

Schwangerschafts-Diabetes – Gute Zuckerwerte für den Nachwuchs

Ein Schwangerschafts-Diabetes lässt sich gut behandeln. Man muss ihn nur erkennen und über die gesamte Zeit der Schwangerschaft kontrollieren. Das berichtet die »Neue Apotheken Illustrierte« in ihrer Ausgabe vom 15. März 2008. Unbehandelt oder schlecht eingestellt erhöht er die Gefahr einer Frühgeburt und die Wahrscheinlichkeit für eine Gelbsucht des Kindes. Auch das Geburtsgewicht des Kindes nimmt zu, da das Ungeborene auf den erhöhten Blutzucker der Mutter mit einer gesteigerten Insulinproduktion reagiert und den Zucker als Fett in den kleinen Körper einlagert.

Mit Hilfe eines so genannten oralen Glucosetoleranztests lässt sich ein Diabetes während der Schwangerschaft zuverlässig feststellen. Dazu trinkt die werdende Mutter eine bestimmte zuckerhaltige Lösung. Im Verlauf von zwei Stunden bestimmt der Arzt dreimal den Blutzuckerwert. Sind zwei der drei Werte überhöht, liegt ein Schwangerschaftsdiabetes vor. Zwar kann man auch mit speziellen Urinteststreifen einem gestörten Zuckerhaushalt auf die Schliche kommen. Allerdings ist diese Methode unzuverlässiger als der erwähnte Glucosetoleranztest.

Häufig lässt sich ein Schwangerschafts-Diabetes bereits mit einer Ernährungsumstellung und sportlicher Betätigung in den Griff bekommen. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, stellen Insuline eine sichere und zuverlässige Methode dar, um den ansteigenden Blutzucker zu kontrollieren. Antidiabetika in Tablettenform eignen sich in der Schwangerschaft nicht. Sie könnten Entwicklungsstörungen des Kindes zur Folge haben.

Blutzuckermessgeräte

(2008)

Blutzuckermessgeräte: Benutzerfreundlichkeit entscheidet

Diabetes mellitus ist weltweit der Spitzenreiter unter den chronischen Krankheiten: In Deutschland sind 8 Millionen Menschen betroffen, weltweit sind es 246 Millionen Menschen. Solch große Zahlen legen nahe, das einfach und sicher zu bedienende Blutzuckermessgeräte in der Diabetes-Therapie eine wichtige Rolle spielen. Eine Studie der Hochschule der Medien (HdM) und der User Interface Design GmbH (UID), Ludwigsburg analysiert den Gebrauch dieser Geräte durch die Benutzer und gibt Tipps für eine optimale Gestaltung von Blutzuckermessgeräten. Die Usability-Experten haben 14 Messgeräte unter die Lupe genommen.

Beim Computer oder beim Handy bringt ein falscher Klick oder eine umständliche Bedienung viel Ärger. Bei Medizingeräten wiegt ein Bedienfehler schwerer. Wird aufgrund einer fehlerhaften Bedienung ein falscher Blutzuckerwert ermittelt, dosiert der Diabetiker seine Medikamente nicht richtig und erleidet einen gesundheitlichen Schaden. Deshalb müssen Medizingeräte sicher und intuitiv zu benutzen sein. Dazu verpflichtet der Gesetzgeber die Hersteller seit Juni 2006 mit der Ergänzungsnorm ISO 60601-1-6.

Doch wie bedienbar sind die „kleinen Helfer“ wirklich? Mit einer Bewertung durch Experten und in einem Usability-Test mit Diabetikern überprüften die User Interface Design GmbH (UID) und die Hochschule der Medien (HdM) insgesamt 14 Blutzuckermessgeräte. Maike Reichel, Usability Engineer bei UID und Absolventin der HdM, hat die Studie im Rahmen ihrer Abschlussarbeit, durchgeführt. Professor Dr. Michael Burmester betreute die Studie. Maike Reichel empfiehlt: „Diabetiker und Ärzte sollten die Entscheidung für ein Messgerät gut bedenken. Die getesteten Geräte wiesen große Unterschiede in der Benutzungsfreundlichkeit auf. Von gut gestalteten Bedienungen bis zu gefährlichen Arbeitsschritten mit dem Gerät haben wir alles gefunden.“

Das zeigt der typische Kommentar einer Testperson: „24 Einheiten muss ich spritzen.“ Die ältere Testperson interpretiert „24h“ nicht als Zeitformat, sondern als Angabe der Medikamenten-Dosis – ein Zeichen mangelnder Nutzerorientierung. Ein anderes Gerät fordert den Benutzer zum Auftragen von Blut auf, obwohl der Teststreifen nicht einwandfrei in das Gerät eingeführt wurde. Neben solchen Einzel-Effekten gibt es auch die üblichen Erschwernisse, mit denen kompakte Geräte oft daherkommen. Da sind Display-Elemente aufgrund zu kleiner Schriftgrößen schlecht lesbar, helle Schrift auf dunklem Untergrund behindert die Bedienung und starke Lichtreflexe machen Kontraste schwer erkennbar. Die Geräte Ascensia Elite von Bayer, OneTouch Ultra2 von LifeScan und GlucoMen Visio von A. Menarini sollten durch Usability Engineering verbessert werden. Eine gute Bedienung wiesen im Usability-Test mit Diabetikern ganze 2 Blutzuckermessgeräte auf: Accu-Chek Aviva von Roche und Ascensia Contour von Bayer. Beide Geräte ermöglichen eine sichere Blutzucker-Messung in wenigen Schritten. Diabetiker können auf wichtige Funktionen über ein großes und gut lesbares Display schnell zugreifen.

Die Experten haben aus den Untersuchungsergebnissen der Studie einige einfache Regeln abgeleitet

  • Längeres und gleichzeitiges Drücken von Knöpfen oder eine Kombination dieser Aktionen verwirren den Benutzer.
  • Jeder Knopfdruck muss verständlich sein.
  • Aussagekräftige Begriffe in deutscher Sprache und ohne missverständliche Abkürzungen sind hilfreich.
  • Indem das Gerät anzeigt, an welchem Schritt einer Aktion ein Benutzer ist, unterstützt es eine einfache Bedienung.
  • Das Vermeiden eines Timeouts macht den Benutzer zum aktiv Handelnden und lässt ihn das Gerät kontrollieren.

Wenn das Gerät dann auch noch die richtigen Knöpfe an der richtigen Stelle hat, steht einer guten Bedienung nichts im Wege.

Um die Benutzungsfreundlichkeit von Produkten zu bewerten, greifen UID und die HdM auf bewährte wissenschaftliche Verfahren zurück und kombinieren diese je nach individuellen Anforderungen. Nach der Analyse der Benutzer, deren Aufgaben und deren Nutzungsumgebung wurden die Blutzuckermessgeräte einer Evaluation durch Experten unterzogen. Dabei prüfen UID-Mitarbeiter auf Basis wissenschaftlicher Heuristiken („Daumenregeln“) ein Gerät zum Beispiel auf Selbstbeschreibungsfähigkeit, Fehlertoleranz oder Steuerbarkeit und Kontrolle. Ein anschließender Usability-Test mit 8 Diabetikern im Durchschnittsalter von 61 Jahren zeigt, wie Benutzer mit langjähriger Erfahrung mit den Geräten umgehen. Aus insgesamt knapp 30 gefundenen Usability-Problemen leiteten die Usability Engineers Benutzungsprobleme in den Bereichen generelle Designprinzipien, Bedienelemente und Darstellung der Informationen ab.