Geiz ist geil? – Nicht bei Injektionsnadeln!

Nicht mit Pen-Nadeln geizen

Initiative „Weil es unter die Haut geht“
An Injektionsnadeln sparen, z.B. wegen der Zuzahlung, kann für insulinspritzende Diabetiker teuer werden, betont eine Initiative der Diabetesberatungs-Berufe und der Industrie. Zu wenig bekannt sind mögliche Komplikationen der Mehrfachverwendung wie Fettgewebswucherungen und in der Folge eine verschlechterte Insulinwirkung.

Der Gebrauch einer Pennadel hinterlässt seine Spuren. Der Unterschied von der neuen, sterilen Nadel (links) bis zur mehrfach verwendeten, verbogenen Nadel mit anhaftenden Gewebsresten (rechts) ist deutlich sichtbar.

Injektionsnadeln für die Insulintherapie sind sterile Medizinprodukte, vorgesehen zur Einmalverwendung. So die Theorie. In der Praxis ist die Mehrfachverwendung die Regel. Auf 9,2 Nutzungen pro Nadel bringen es deutsche Diabetiker. Sie sind damit die Europameister im Sparen. „93% der Diabetiker in Deutschland benutzen ihre Insulin-Nadeln mehrfach“, zitiert die Diabetesberaterin Evelyn Drobinski aus einer europaweiten Befragung von Diabetespatienten. Nur in Frankreich, Italien und den Niederlanden kommt man dem „Ideal“ Einmalgebrauch nahe. In Frankreich wird die medizinische Empfehlung des Einmalgebrauchs wirksam unterstützt durch eine 100%igen Erstattung; deutsche Diabetiker leisten eine Zuzahlung von z.B. 2,50 € je 100 Pennadeln.
Halbherzige Empfehlungen der Berater
Leider sind die Empfehlungen, die Patienten in Schulungen und von niedergelassenen Ärzten und Apothekern zum Umgang mit den Pen-Nadeln erhalten, zwiespältig. Nach offizieller Lesart sollte die Nadel nach jeder Injektion gewechselt werden. Bei der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) sieht man verschiedene Gefahren der Mehrfachverwendung von Nadeln:

  • Verunreinigungen an der Kanüle
  • Bildung von Lufteinschlüssen
  • Abstumpfung der Nadel mit der Folge von Mikro-Verletzungen, die an der Injektionsstelle zu Verhärtungen führen

Die Hersteller lehnen bei Mehrfachgebrauch ihrer Nadeln jede Haftung ab. Darauf seien Patienten hinzuweisen, warnte schon 2003 die DDG: „Ob sie (die Patienten) in Kenntnis dieser Situation dann Einmalnadeln mehrfach verwenden, ist in ihr eigenes Ermessen gestellt.“
Beim Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD), dem Frau Evelyn Drobinski vorsitzt, will man den schwarzen Peter nicht dem Patienten zuschieben: „Wir als Verband empfehlen die konsequente und einheitliche Schulung auf Einmalverwendung von Pen-Nadeln“, betont Drobinski. Doch in der Praxis kommt das so noch nicht an: Nur jede dritte Diabetesberaterin empfiehlt, die Nadel nach jeder Injektion zu wechseln; zwei von drei erlauben den Mehrfachgebrauch, ergab eine Befragung von 155 Diabetesberaterinnen.
„Wir sind schon froh, wenn überhaupt öfter mal gewechselt wird, z.B. einmal am Tag“, sei häufiger von Beraterinnen zu hören. Nach ihrer Erfahrung wechseln Patienten die Nadel eher unregelmäßig: wenn es „weh tut“, wenn es beim Einstich blutet, oder nach individuellem Gusto.
Zu Beginn der Insulintherapie folgen noch relativ viele Patienten den Empfehlungen, die Nadel häufig oder jedes Mal zu wechseln; doch diese Disziplin verliert sich. Dies in Kenntnis der Nachteile der Mehrfachverwendung, ergab eine Befragung der Firma Disetronic: Bis zu 90% der Patienten geben als Vorteile der Einmalverwendung an, dass die scharf geschliffene Nadel hygienischer ist, weniger Verletzungen oder Entzündungen hervorruft und das Spritzen erleichtert. „Das heißt, ein Verständnis wird in den Schulungen vermittelt, aber es fehlt im Alltag an der konsequenten Umsetzung“. Daher lautet Frau Drobinskis Forderung an Kolleginnen und Ärzte, die Patienten ausdrücklich über die Gefahren der Mehrfachverwendung aufzuklären. „Unterbleibt die Aufklärung, kann es im Schadensfall nach § 823 Abs. 2 BGB zu einer Haftung des Arztes oder der Diabetesberaterin kommen“, betont sie.
Geiz ist Geil – bei Verordnungen?
Doch auch viele niedergelassene Ärzte lassen in der Praxis die Mehrfachbenutzung von Insulinspritzen geschehen. Nicht wenige Kollegen sträuben sich regelrecht gegen den Patientenwunsch nach einer Verordnung neuer Injektionsnadeln, meint Prof. Thomas Haak vom Diabeteszentrum Bad Mergentheim. Angesichts der Tatsache, dass die Nadeln als Hilfsmittel nicht das ärztliche Arzneimittelbudget belasten, sei diese Haltung kaum verständlich.

Falsche Gewohnheit bei der Injektion kann zu Funktionsstörungen des Unterhautfettgewebes führen: Lipohypertro- phie am Bauch

Bedenkliche Fettwucherungen
„Der Erfolg einer Insulintherapie hängt nicht unwesentlich auch von modernen Hilfsmitteln wie Pennadeln ab“, betont der Diabetologe. Diese sind relativ kurz, sehr dünn und entsprechend empfindlich. Bei jeder Injektion kann sie sich verbiegen oder beim Rückführen in die Schutzhülle oder die Kappe des Insulinpens beschädigt werden. Neue Nadeln ermöglichen häufige und schmerzarme Injektionen, weil sie in aller Regel mit einem hauchdünnen Silikonfilm überzogen sind. Nach Haaks Worten nutzt sich dieser Gleitfilm schon bei der ersten Injektion ab und ist nach der zweiten kaum noch nachweisbar. Durch die abgestumpfte, schlechterenfalls verbogene Kanüle steigt die Gefahr von Gewebeverletzungen. Es kommt zu Wucherungen im Unterhautfettgewebe, sogenannten Lipohypertrophien. Diese sind nach Prof. Haaks Worten bei etwa jedem dritten Patienten zu finden und stellen die wichtigste Komplikation unter dem (Mehrfach)Gebrauch von Injektionsnadeln dar. Sie zeigen sich als Schwellungen, Vorwölbungen oder sind als Verhärtungen spürbar. Anfangs bilden sie sich zurück, sofern sie von weiteren Injektionen verschont bleiben. Die Rückbildung kann Monate oder Jahre in Anspruch nehmen.

Große, dauerhafte Verhärtungen stellen nicht bloß ein kosmetisches, sondern ein medizinisches Problem dar. Weil sie schlechter durchblutet werden, wird Insulin aus Lipohypertrophie-Stellen schlechter aufgenommen. Andererseits spritzen Patienten bisweilen gern in dieses Gewebe, weil es weniger schmerzempfindlich ist. Dann wuchert das Fettgewebe weiter; die Insulinwirkung wird dort zunehmend unkalkulierbar, die Blutzuckereinstellung erschwert.

Richtig Insulin spritzen: Nadelwechsel mindestens täglich abends!
  • Injektionsort: Bauch und Oberarm gelten als „schnelle“, Oberschenkel und Gesäß als „langsame“ Spritzstellen
  • Immer ins Unterhaut-Fettgewebe spritzen (subkutan, s.c.). Wird der Muskel getroffen, ist die Insulinwirkung beschleunigt
  • Der Griff an der Hautfalte sollte während der Injek- tion aufrechterhalten werden

    Richtige Spritztechnik: Hautfalte bilden, zügig einstechen, langsam spritzen (je nach Pen auch automatisch), 10 Sekunden warten, Hautfalte loslassen, Nadel langsam herausziehen

  • „Stelle wechsele dich“: Spritzstellen regelmäßig wechseln, am besten nach einem festen Rotationsprinzip. Evtl. Spritzkalender anlegen, auf dem schachbrettartig die Spritzstellen eingezeichnet sind. Die nächste Spritzstelle sollte 2-3 cm von der vorherigen entfernt sein
  • Idealerweise wird für jede Injektion eine neue Nadel verwendet
  • Bei Mehrfachgebrauch sollte die Nadel in jedem Falle zumindest täglich gewechselt werden. Benutze Nadel nicht lange Zeit (z.B. über Nacht) auf dem Pen belassen, sie kann verstopfen
  • Gängigkeit der Kanüle vor jeder Injektion durch Abgeben von ein, zwei IE Insulin prüfen

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