Diabetes-Schulungen

Wissen und Motivation

Was gibt es Neues aus dem Bereich Diabetes-Schulungen? Ein nicht vollständiger Überblick über den wachsenden Markt an Programmen mit Fokus auf aktuellen Entwicklungen.

Im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft DDG gab Dr. phil. Bernd Kulzer einen Überblick über die Schulungsprogramme für Diabetiker. Der ist auch nötig, denn erfreulicherweise gibt es immer mehr spezialisierte Angebote, zugeschnitten auf die Lebensumstände und Begleiterkrankungen der Betroffenen.

Zwei Stellen bewerten die Schulungsprogramme

Die DDG zertifiziert strukturierte Schulungs- und Behandlungsprogramme, die bundesweit einsetzbar sind und eine entsprechende Qualität durch qualitätssichernde Maßnahmen nachgewiesen haben. Sie werden dann in eine Liste aufgenommen und können sich „Strukturiertes Schulungsprogramm nach den Richtlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG)“ nennen. Um im Rahmen von Disease Management-Programmen einsetzbar zu sein, müssen Schulungsprogramme dagegen auf Antrag einer Krankenkasse beim Bundesversicherungsamt genehmigt werden. Schließlich will eventuell auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das von den Ärzten so ungeliebte IQWIG, eventuell Patientenschulungen prüfen.

Jugendliche und Kinder

Mit „Jugendliche mit Diabetes – ein Schulungsprogramm“ befindet sich das Angebot für Diabetiker auf der Schwelle vom Kind zum Erwachsenen momentan in Überarbeitung. Laut Kulzer soll es dabei auch besser evaluiert werden und dann auch von der DDG zertifiziert werden. Das „Jan-Buch“, Kurzbezeichnung für das Werk „Diabetes bei Kindern: ein Behandlungs- und Schulungsprogramm“ ist dagegen bereits auf der Liste der von der Fachgesellschaft anerkannten Programme und seit mehr als 15 Jahren am Markt. Hauptdarsteller sind Jan und seit 1997 auch Laura.

Düsseldorfer Fünf Tage-Programm

Das Behandlungs- und Schulungsprogramm für intensivierte Insulintherapie dient zur Initiierung oder Optimierung der intensivierten Insulinbehandlung und ist im April komplett überarbeitet und aktualisiert. Trotzdem hält Kulzer diese mittlerweile vierte Auflage des „legendären“ Programms für nicht mehr modern, die Neuauflage sei nur ein „Facelift“.

Subito

Für das im letzten Jahr herausgegebene Programm Subito für die Neueinstellung auf eine Insulinpumpe oder zur Wiederholungsschulung der Pumpenträger wurde im Juni ein Antrag auf Anerkennung beim Bundesversicherungsamt gestellt. Auch beim DDG-Ausschuss wurde es eingereicht. In einer Studie konnte bereits gezeigt werden, dass durch die Teilnahme an Subito der Therapieerfolg signifikant verbessert werden kann. Die Teilnehmer erreichten trotz einer reduzierten Insulinmenge einen verbesserten HbA1c-Wert. Ebenso nahm die Zahl schwerer Hypoglykämien ab und die Blutglukoseschwankungen verringerten sich.

Hypos

Seit Januar auf dem Markt ist Hypos, Ziel des Programms ist, dass Menschen mit Diabetes Unterzuckerungen besser wahrnehmen, vermeiden oder bewältigen. Hypos steht für „Hypoglykämie – Positives Selbstmanagement“ und ist akkreditiert sowie bereits in die ersten DMP-Verträge aufgenommen. Das Insulinschablonen-Set aus Hypos sei, so Kulzer, auch bei anderen Schulungen gut einsetzbar. Das Programm gibt es jetzt auch evaluiert für den stationären Einsatz.

Diabetes & Verhalten

„Diabetes & Verhalten“ wurde als ein patientenzentriertes, standardisiertes Gruppenschulungsprogramm für Menschen mit insulinpflichtigem Typ-2-Diabetes entwickelt. Ziel ist es, durch die Veränderung bestimmter Einstellungen und Verhaltensweisen des Patienten eine dauerhafte Verbesserung der Stoffwechsellage und des Gesundheitszustandes sowie die Verhinderung beziehungsweise Verzögerung von Folgeerkrankungen zu erreichen. Als wichtigste Voraussetzung für die Zielerreichung sehen die Autoren die aktive Mitarbeit des Patienten. Das Programm ist jedoch noch nicht eingereicht und kann noch nicht angewendet werden.

Barfuss

Barfuss ist ein strukturiertes Schulungs- und Behandlungsprogramm für Menschen mit Diabetes und einem diabetischen Fußsyndrom. Unter dem Motto „Den Füßen zu liebe“ soll in drei Kursstunden der Gesundheitszustand aktiv verbessert und die Risiken zu verringert werden. Schulungsinhalte sind Wertschätzung der Füße, Bewusstmachung der fehlenden Körperwahrnehmung, eine realistische Risikoeinschätzung und tägliche Fußinspektion sowie gute Fußpflege. Laut Kulzer soll Barfuss jetzt eingereicht werden, er zeigte sich zuversichtlich, dass das vom Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland VDBD initiierte Programm bald in DMP hereinkommt.

Geriatrische Schulung

Hinter dem Kürzel SGS steht die erste strukturierte Schulung geriatrischer Patienten mit Diabetes. Denn ältere Patienten sind häufig mit einzelnen Lerninhalten von strukturierten Behandlungs- und Schulungsprogrammen überfordert. Da Diabetes bei älteren Patienten jedoch häufig nur eine Komponente ihrer Multimorbidität darstellt, müssen bei der Therapie individuelle Therapieziele berücksichtigt werden. Die SGS besteht aus sieben Unterrichtseinheiten à 45 Minuten. Es ist in einer randomisierten Studie positiv getestet worden, die Studie ist jedoch noch nicht publiziert. Das Programm kann laut Kulzer daher zwar bezogen, aber noch nicht abgerechnet werden.

Neuros

Neu auf dem Münchner DDG-Kongress vorgestellt wurde Neuros, ein Schulungs- und Behandlungsprogramm für Menschen mit Diabetes und Neuropathie. Unter anderem geht es auch hierin darum, den diabetischen Fuß zu vermeiden, primär aber ist das Ziel, Lebensqualität zu erhalten. Kulzer wies darauf hin, dass man oft eine Depression finde bei Patienten mit diabetischer Neuropathie. Das Programm umfasst vier Module und kann einzeln oder in Gruppen absolviert werden. Neben 80 Folien und einer CD-ROM sind ein Neuropathie-Schieber zur Schmerz-Bewertung und Tischflipcharts im Set enthalten. Letztere behandeln auch das Thema autonome Neuropathie – das gab es noch in keiner Schulung.

Praedias

Ebenfalls ganz aktuell ist Praedias, eine Intervention zur Diabetes-Prävention. Positive Studienergebnisse wurden auf der DDG-Tagung vorgestellt, Kulzer rechnet damit, dass die Materialien im Laufe des Jahres zusammengestellt werden. Acht Einheiten werden in Kleingruppen von je sechs bis acht Personen durchgeführt und umfassen jeweils etwa 90 Minuten. Nach Abschluss dieses Kernprogramms finden vier Nachtreffen im Zeitraum von einem Jahr statt. Inhalte sind Informationen zu der Krankheit Diabetes und den Möglichkeiten, sie zu verhindern. Hierbei sind es vor allem Informationen zu günstigem Ernährungs- und Bewegungsverhalten sowie zur Gewichtsabnahme. Das „Riesenproblem“ ist laut Kulzer momentan, dass sich die Kassen weigern, für Praedias zu zahlen. Er sieht daher die Notwendigkeit weiterer Studien, um Überzeugungsarbeit zu leisten.

Disko

Das Disko-Konzept wurde gerade vom Bundesversicherungsamt akkreditiert und werde bald von den Kassen erstattet. Es handelt sich um ein erlebnispädagogisches Schulungskonzept, das Menschen mit Diabetes zu anhaltend mehr Bewegung führt. Bewiesen wurde diese Effektivität in einer zwölfmonatigen Evaluation, bei der die Studienteilnehmer nach einmaliger Durchführung einer DiSko-Schulung ihre Alltags- und Freizeitaktivitäten nachhaltig erhöhten. Im Schulungsmodul steht weniger die Wissensvermittlung im Vordergrund, sondern dass Bewegung direkt und individuell positiv erlebt und aus eigenem Antrieb weiterhin ausgeübt wird.

Wiederholungsschulung

Der Begriff „lebenslanges Lernen“ ist in aller Munde – nur im Bereich der Diabetesschulungen noch nicht. Jeder Patient brauche mehrere Schulungen, zeigte sich Kulzer überzeugt. Doch mit dieser Erkenntnis ist es nicht getan, man dürfe „nicht immer zurück in die 1. Klasse“, beschrieb der leitende Psychologe der Diabetes-Klinik Bad Mergentheim die übliche Praktik, einfach die Initialschulung zu wiederholen. Vielmehr müsse man Schulung Nummer 2 differenzieren zwischen einer reinen Auffrischungsschulung, einer problembezogenen Schulung und einer langfristig angelegten Schulung wie es für Adipositas sinnvoll sein könnte. Bei der Regelung der Nachschulung sieht Kulzer noch „kein greifbares Konzept“, ganz unterschiedlich werde die Thematik in den einzelnen KVen behandelt, nicht zuletzt auch in der Honorierung. „Das muss geregelt werden!“, gab er die Richtung vor und bezeichnete das Problem als Thema der nächsten Jahre.

Eine Übersicht über alle von der DDG anerkannte Schulungsprogramme finden Sie im Internet unter www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de