Mundgesundheit und Diabetes mellitus

Wechselbeziehung zwischen Parodontitis und Diabetes

„An jedem Zahn hängt ein Mensch – Mundgesundheit – eigene Verantwortung und gemeinsame Vorsorge“ dies ist eines der interessanten und spannenden Themen auf der Fachmesse „Diabetes 2010“ in Münster am 26.-28.02.2010. Diese Fachkonferenz endet am 28.02.2010 mit einem Patiententag. Susan Röse im Interview mit Michael Warncke, Colgate-Palmolive Deutschland.

Herr Warncke können Sie sich bitte kurz vorstellen?

Als Diplom-Biologe und Biochemiker bin ich seit 19 Jahren bei Colgate-Palmolive tätig und leite dort die medizinisch wissenschaftliche Abteilung. Die von Colgate weltweit initiierten, betreuten und geförderten Forschungsgebiete sind sehr vielfältig und umfassen neben der zahnmedizinischen Grundlagenforschung vor allem die Entwicklung von neuen Wirkstoffen und Wirkstoffsystemen zur Prävention und Behandlung der häufigsten oralen Erkrankungen (Karies und entzündliche Veränderungen der oralen Weichgewebe). Darüber hinaus ist Colgate sehr interessiert am Einfluss oraler Erkrankungen auf die Allgemeingesundheit.

„An jedem Zahn hängt ein Mensch – Mundgesundheit – eigene Verantwortung und gemeinsame Vorsorge“ ist Ihr Vortragsthema auf dem Fachkongress der „Diabetes 2010“. Können Sie den Inhalt dieses Vortrages kurz skizzieren?

Seit etwa 20 Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft intensiver mit der Tatsache, dass die Mundgesundheit nicht unabhängig vom Rest des Körper zu sehen ist. Eine ausschließliche Betrachtung der Gesundheit des Zahnes oder des Zahnfleisches ohne Berücksichtigung des Gesamtorganismus greift zu kurz. Gerade die entzündlichen Veränderungen der oralen Weichgewebe können einen erheblichen Einfluss auf die Allgemeingesundheit ausüben. Eine Entzündung des Zahnhalteapparates ist eine chronische Entzündung mit teilweise großflächigen Wundflächen, die oft über Jahre hinweg unerkannt bleibt. Da diese Wundflächen in den meisten Fällen keinerlei Schmerzen verursachen, bleiben diese chronischen Entzündungen oft unbehandelt und können den Gesamtorganismus erheblich belasten. Die heute vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass parodontal erkrankte Patienten ein 2- bis 3-fach erhöhtes Risiko haben, einen Herzinfarkt zu erleiden. Schwangere, die an Parodontitis leiden, tragen ein bis zu 7-fach höheres Risiko für eine Frühgeburt mit niedrigem Geburtsgewicht. Und beinahe jeder schlecht eingestellte Diabetiker leidet an einer Parodontitis. Daher der erste Teil des Vortragstitels: An jedem Zahn hängt ein Mensch.

Während sich in der Allgemeinmedizin der präventive Ansatz erst langsam durchsetzt, ist dieser in der Zahnmedizin schon lange erfolgreich etabliert. Schon in den 1960er Jahren galt: „Vorbeugen ist besser als bohren“. Durch die intensive Forschung über die Ursachen und Auswirkungen oraler Erkrankungen in den vergangenen 30 Jahren wissen wir heute, dass Karies, aber auch die entzündlichen Erkrankungen des Zahnfleisches und Zahnhalteapparates weitgehend vermeidbar sind – und das schon durch vergleichsweise einfache zu Hause angewandte Prophylaxemaßnahmen. Jeder einzelne legt Grundlage für den Erhalt der oralen Gesundheit selbst. Eine professionelle Unterstützung ist jedoch unabdingbar; individuelle Fehler in den häuslichen Maßnahmen der Mundhygiene sind durch den Zahnarzt auszugleichen und durch eine frühzeitige, möglichst wenig invasive Intervention eine Basis für die Selbstheilungskräfte zu legen und damit die strukturelle Regenerationsfähigkeit der Gewebe zu erhalten.

Die Verantwortung für die Vorsorge liegt bei dem Patienten, die Unterstützung kommt von den Zahnmedizinern, daher – eigene Verantwortung und gemeinsame Vorsorge. Diesem Thema widme ich mich im Rahmen meiner Tätigkeit bei Colgate seit Jahren; so unterstützen wir die Zahnärzteschaft seit Jahren mit Patientenbroschüren bei ihrer Aufklärungsarbeit.

Diabetes und Parodontitis (6. klassische Folgeerkrankung des Diabetes) in Wechselbeziehung – wie muss man sich das vorstellen?

Unter Parodontitis versteht man eine Infektionserkrankung, die zu einer Entzündung des Zahnhalteapparates (Parodont) und einem progressivem Verlust von Geweben führt, die den Zahn im Kiefer verankern (Bindegewebe und Kieferknochen). Eine Parodontitis ist durch Bildung von so genannten Zahnfleischtaschen oder durch Zahnfleischrückgang gekennzeichnet und führt, wenn sie nicht behandelt wird, letztlich zu Zahnlockerung und Zahnverlust. Auslöser sind in der Regel verschiedene vor allem gram-negative anaerobe Bakterien im Zahnbelag (Plaque), wobei angeborene oder erworbene Risikofaktoren (Genetische Prädisposition, Rauchen oder Allgemeinerkrankungen) sowohl die Krankheitsentstehung als auch den Verlauf der Gewebezerstörung beeinflussen oder das Erkrankungsrisiko erhöhen. Zahnmediziner haben schon in den 1980er Jahren erkannt, dass Patienten mit einer schwer kontrollierbaren Parodontitis häufig einen Diabetes als Hintergrunderkrankung hatten, also ein chronisch erhöhter Blutzuckerspiegel Entzündungen des Parodonts begünstigt. Die Folge eines schlecht eingestellten Diabetes ist ein 3-fach erhöhtes Risiko für Parodontitis. Andererseits hat sich gezeigt, dass eine erfolgreiche Parodontalbehandlung, das bedeutet eine Verringerung der lokalen und systemischen Entzündungsparameter, einen positiven Einfluss auf die Insulinresistenz hat und damit der Blutzuckerspiegel leichter zu kontrollieren ist.

Also beeinflussen hohe Blutzuckerwerte die Mundgesundheit negativ und stehen im engen Zusammenhang mit Entzündung des Zahnhalteapparates?

Ganz eindeutig! Bei hohen HbA1c-Werten entstehen durch Glykosilierung von Proteinen und Lipiden so genannte „advanced glycation endproducts“ (AGE). AGE-Rezeptorzellen (RAGE) befinden sich z.B. auf Makrophagen des Immunsystem. Durch Andocken von AGE an seinem Rezeptormolekühl wird in den Makrophagen eine Kaskade von Reaktionen ausgelöst, die die Freisetzung von Entzündungsmediatoren bewirkt. Das führt z.B. an den durch die Plaquebakterien vorgeschädigten parodontalen Geweben zu einer stärkeren Entzündungsreaktion und einem schnelleren Fortschreiten der Gewebedestruktion. Eine chronische systemische Erhöhung von Entzündungsmediatoren führt nun seinerseits zu einer Verschlechterung der Insulinresistenz. Und damit schließt sich dann der Kreis.

Was ist für Sie die optimale Prävention, was kann man tun, wenn man bereits erkrankt ist? Was ist die PZR und welchen Stellenwert hat sie im Rahmen der Prävention? Wo kann ich mich informieren? Bitte nennen Sie auch Links im Internet.

Das Adjektiv „optimal“ ist sicher in diesem Zusammenhang nicht geeignet und wird leider im allgemeinen inflationär verwendet. Da sich sowohl die Diabetes-Erkrankungen als auch Parodontopathien als sehr komplexe Vorgänge darstellen, wäre es vermessen, eine, zwei oder auch drei Maßnahmen in Kombination als ausreichend oder gar optimal zu bezeichnen. Hinsichtlich der parodontalen Problematik, haben sich eine Kombination aus guter, häuslicher Mundhygiene, regelmäßiger Kontrolle des parodontalen Zustandes und der professionellen Zahnreinigung (PZR) sowie bei schon bestehenden Zahnfleischtaschen die subgingivale mechanische Reinigung als durch ausreichende Evidenz bestätigte Maßnahmen erwiesen. Besonders der PZR kommt ein besonderer Stellenwert zu, sowohl in der Prävention als auch in der Erhaltungstherapie.

Durch speziell ausgebildete Fachkräfte kann ein Mangel in der häuslichen Mundhygiene ausgeglichen werden kann. Nähere Informationen zur professionellen Zahnreinigung findet man im Internet unter www.bzaek.de oder www.colgate.de oder bei seinem Zahnarzt. Erfahrungen haben aber auch gezeigt, dass die alleinige mechanische Plaquekontrolle bei Patienten mit erschwerenden Risikofaktoren, wie z.B. bei allgemeinmedizinischer Begleitsymptomatik, nicht ausreicht. In solchen Fällen kann eine Unterstützung durch Wirkstoffe zur chemischen Plaquekontrolle die häusliche Plaquekontrolle sinnvoll unterstützen. Die einzige Wirkstoffkombination, für den derzeit eine gewisse Wirksamkeit bei der Prävention von Parodontitis in klinischen Langzeitstudien nachgewiesen wurde, ist Triclosan in Kombination mit einem Copolymer. Derzeit steht diese Wirkstoffkombination schon in Form einer Zahnpaste zur Verfügung. Zu Maßnahmen hinsichtlich des Diabetes müssen sich die Diabetologen äußern.

Herr Warncke wie sieht die Zukunft aus in Bezug auf Diabetes und Mundgesundheit?

Zukünftig wird es einen interdisziplinären Ansatz geben, an dessen Ausarbeitung sowohl Diabetologen als auch Parodontologen beteiligt sind. Diese beiden Fachgruppen werden die wissenschaftliche Datenlage analysieren und evidenzbasierte Empfehlungen aussprechen. Ich hoffe, dass es in absehbarer Zeit Therapieleitlinien für beide Fachgruppen gibt und jeder Diabetiker nicht nur von seinem Diabetologen und der Diabetes Assistentin, sondern auch von seinem Parodontologen und der Dentalhygienikerin betreut wird. Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit des Zahnhalteapparates müssen genauso wichtig werden, wie die tägliche Blutzuckereinstellung.

Herr Warncke vielen Dank für das Interview

Pressekontakt
Susan Röse – Freie Journalistin
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