Blutzuckerselbstkontrolle

Teuer und nicht sexy

Technisches, Praktisches und Erstaunliches erfuhren die Teilnehmer eines Symposiums zur Blutzuckermessung im Rahmen der DDG-Herbsttagung in Berlin. So unter anderem, dass es ein solches Symposium auf dem EASD-Kongress nicht gab – trotz jährlicher Kosten von 700 Millionen Euro.

Man stelle sich das einmal vor: Auf der nächsten DDG-Tagung würde statt über die Leistung bei Blutzuckersenkung und Ereignisvermeidung über die Farbe der Tablette diskutiert werden – undenkbar. Für den Bereich der Blutzuckermessgeräte scheint Prof. Dr. med. Lutz Heinemann dies nicht für komplett ausgeschlossen zu halten, denn gleich zum Beginn des von ihm moderierten Symposium „Blutzuckermessung – Magie der Zahlen“ auf der DDG Herbsttagung drückte er seine Freude aus, „dass man sich weniger über die Farbe des Gehäuses unterhält denn über die Güte der Messung.“

Das von Menarini Diagnostics unterstützte Symposium informierte in drei Vorträgen über den richtigen Zeitpunkt, das richtige Messgerät und den richtigen Wert der Blutzuckermessung – und wie sehr sich die Koryphäen der Szene über eine solche Veranstaltung freuen, zeigt, dass das Thema im Alltag des Medizinbetriebs wohl wirklich ein wenig abseits steht.

Wann misst man postprandial?

Dr. med. Guido Freckmann vom Ulmer Institut für Diabetes-Technologie versuchte eine Antwort auf die Frage, wann man postprandial den Blutzucker messen sollte. Noch vorher müsse man aber wissen, welche postprandialen Werte man denn erreichen will, sonst könne man die Messung auch weglassen, warnte Freckmann.

Seine Gruppe hat dazu Untersuchungen an 24 Gesunden gemacht, die Standardabweichung des Werts sei bei Gesunden zwei Stunden nach einer Mahlzeit am geringsten, sein Maximum erreiche der Blutzucker bei ihnen zwischen 35 und 55 Minuten nach dem Essen. „Was sehr einheitlich ist, ist dass Gesunde rasant hoch und rasant runter gehen“, die höchsten Werte lagen um die 160. Bei gleicher Mahlzeit waren in entsprechenden Versuchen an Diabetikern die Blutzucker-Ausschläge nach dem Frühstück am höchsten, hier sei sogar bei kurzwirksamen Analoga ein Spritz-Ess-Abstand ratsam, so Freckmann. Nach seiner Erfahrung kann man mit Messungen vor dem Essen sowie eine, zwei und dreieinhalb Stunden nach der Mahlzeit die Blutzucker-Kurve ähnlich gut erfassen wie mit kontinuierlichen Glukose-Messsystemen. Für Maxima sei der Ein- oder Eineinhalb-Stunden Wert wahrscheinlich besser als der Zwei-Stunden-Wert, fasste er die Ergebnisse zusammen.

Messbare Erfolgsgeschichte

Über den „bunten Zoo“ der Blutzuckermessgeräte und die vielfältigen möglichen Einflussfaktoren auf deren Genauigkeit referierte der Labormediziner Dr. med. Christoph Niederau aus Dortmund. Als „gute Nachricht“ und „schönen Erfolg“ bezeichnete er die Entwicklungsgeschichte der Patientengeräte, deren Variationskoeffizienten seien „gut akzeptabel“. Unter den zahlreichen potentiellen Einflussfaktoren auf die Güte der gesamten Blutzucker-Messung hob Niederau Grundlegendes wie durch zu starkes Drücken bei Blutgewinnung hinzukommendes Gewebswasser hervor, aber auch eher Unbekanntes wie die in allen Beipackzetteln zu Messgeräten zu findende Warnung vor einem eingeschaltetem Handy in der Nähe des Geräts wegen elektromagnetischer Strahlung.

Auch eine Anekdote am Rande erzählte der Dortmunder Mediziner zum Thema Einflussfaktoren: Ein Hersteller von Messgeräten evaluiere seine Produkte zum Beispiel in den peruanischen Anden, da dort ein niedriger Sauerstoff-Partialdruck und Menschen mit einem hohen Hämatokrit zusammen vorzufinden sind. Eine gute Schulung, so der Labormediziner zum Schluss, sei aber ein viel beeindruckenderer Faktor als alle technischen Details für die Messgenauigkeit: Niederau zeigte eine Studie von Skeie und Kollegen, in der von Patienten aufgenommene Messreihen mit denen des technischen Personal verglichen wurden; die Werte der Fachkräfte lagen deutlich näher beieinander als die der Patienten. Während die Fachkräfte in der Studie zwischen 0 und 20 Prozent über dem mit einer Referenzmethode gemessenem Wert lagen, streuten die Patienten zwischen plus und minus 40 Prozent.

Wenig Daten

Heinemann selbst wies in seinem Vortrag mit dem Untertitel „Sind alle Messgeräte gleich?“ darauf hin, dass man bei einer Recherche nach Studien zum Thema Blutzuckermessung kaum Publikationen findet. Einige Fragestellungen, die er gerne einmal beantwortet hätte, nannte der Düsseldorfer Diabetestechnik-Experte:

  • Wie hoch ist die dem verwendeten Enzym und anderen Herstellungsfaktoren geschuldete Variabilität zwischen den verschiedenen Chargen der Teststreifen, auch jetzt in der Ära „ohne Codierung“?
  • Wie verändert sich die Leistung mit der Lebensdauer der Geräte?

Auch eine Clamp-Studie mit Blutzuckermessgeräten wünscht Heinemann sich, da gerade deren Richtigkeit und Präzision bei einem definiertem Glukosewert unter- und oberhalb des üblichen Bereichs 80 bis 200 mg/dL interessant seien. „Das Thema Blutzuckermessung ist nicht sexy genug“, fasst er die Lage zusammen, auf dem letztjährigen EASD-Kongress in Rom habe es zum Beispiel keine einzige Session zu diesem Komplex gegeben – bei rund 700 Millionen Euro Kosten in Deutschland im Jahr sei das erstaunlich.

Er wies auch darauf hin, dass mitnichten alle in Deutschland auf dem Markt befindlichen Geräte die Iso-Norm 15197 erfüllen müssen, lediglich ein CE-Zeichen ist Pflicht. Heinemann plädierte für einen Führerschein für Blutzuckermessgeräte, ganz wie beim Auto mit Theorie- und Praxis-Teil, inklusive dem Thema „Was tue ich mit dem Wert?“. Ein Plädoyer anderer Art erwartet Heinemann auch demnächst: Gerüchteweise komme der Iqwig-Vorbericht zur Blutzucker-Selbstkontrolle Anfang 2009.