News-Archiv: 2009

Risikofaktor Übergewicht

(2009)

Die Deutschlandkarte der Dicken

Beim Übergewicht gibt es ein Gefälle von Nordost nach Südwest. Ausnahmen bilden die Stadtstaaten.

Übergewicht mit einem Body-Mass-Index (BMI) von über 25 weist nahezu jede/r zweite Deutsche auf. Jede/r vierte hat sogar eine Adipositas mit einem BMI von 30 oder mehr. Das bestätigen Daten des „German Metabolic and Cardiovascular Risk Project“, einer repräsentativen Querschnittsstudie mit nahezu 36000 Hausarztpatienten. Noch kritischer als einen überhöhten BMI beurteilen Ernährungsexperten heute einen dicken Bauch, der auf eine Zunahme des Eingeweidefettes hinweist. Problematisch wird es bei einem Taillenumfang von mehr als 102 Zentimetern bei Männern und mehr als 88 Zentimetern bei Frauen. Diese »Stammfettsucht« liegt schon bei fast 40 Prozent aller Patienten in deutschen Wartezimmern vor. Sie geht besonders häufig mit Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher.

Regionales Nord-Süd-Gefälle

Um regionale Betreuungsprogramme durch Ärzte zu organisieren, wurden die Studiendaten nach Bundesländern ausgewertet. Dabei zeigte sich: Die Pfunde sind in der Republik sehr ungleich verteilt. Tendenziell steigt das Körpergewicht von Südwest nach Nordost. Ausnahmen bilden wie „Inseln“ die Stadtstaaten. Mit fast 40 Prozent der Bevölkerung leben die meisten Übergewichtigen in Thüringen. Berliner überschreiten die BMI-Grenze von 25 „nur“ zu 31 Prozent. Die meisten Fettleibigen finden sich mit 28,3 Prozent in Sachsen-Anhalt. In Bremen haben sie nur einen Anteil von knapp 20 Prozent an der Bevölkerung. Das regionale Gefälle besteht auch beim Taillenumfang. Extreme Werte fanden die Forscher mit 42,1 Prozent am häufigsten in Sachsen-Anhalt, am seltensten in Hamburg mit 30,5 Prozent. In allen Bundesländern haben Frauen häufiger Gewichtsprobleme als Männer.

Vermeidbarer Risikofaktor Nummer 1

„Übergewicht und Fettleibigkeit zählen zu den wichtigsten vermeidbaren und vorzubeugenden medizinischen Problemen der Gegenwart“, kommentiert diese Zahlen Professor Dr. med. Hans Hauner vom Lehrstuhl für Ernährungsmedizin der TU München. Menschen mit Übergewicht riskieren Diabetes, Herz- und Gefäßerkrankungen oder Schlaganfall. Etwa die Hälfte aller Neudiagnosen eines Typ-2-Diabetes stellen Ärzte bei Menschen mit einem BMI über 30. Fast ein Fünftel der Patienten hat bei Diagnose sogar einen BMI von über 35. Fettleibige bedürften deshalb medizinischer Behandlung.

Blutzuckerselbstkontrolle

(2009)

Teuer und nicht sexy

Technisches, Praktisches und Erstaunliches erfuhren die Teilnehmer eines Symposiums zur Blutzuckermessung im Rahmen der DDG-Herbsttagung in Berlin. So unter anderem, dass es ein solches Symposium auf dem EASD-Kongress nicht gab – trotz jährlicher Kosten von 700 Millionen Euro.

Man stelle sich das einmal vor: Auf der nächsten DDG-Tagung würde statt über die Leistung bei Blutzuckersenkung und Ereignisvermeidung über die Farbe der Tablette diskutiert werden – undenkbar. Für den Bereich der Blutzuckermessgeräte scheint Prof. Dr. med. Lutz Heinemann dies nicht für komplett ausgeschlossen zu halten, denn gleich zum Beginn des von ihm moderierten Symposium „Blutzuckermessung – Magie der Zahlen“ auf der DDG Herbsttagung drückte er seine Freude aus, „dass man sich weniger über die Farbe des Gehäuses unterhält denn über die Güte der Messung.“

Das von Menarini Diagnostics unterstützte Symposium informierte in drei Vorträgen über den richtigen Zeitpunkt, das richtige Messgerät und den richtigen Wert der Blutzuckermessung – und wie sehr sich die Koryphäen der Szene über eine solche Veranstaltung freuen, zeigt, dass das Thema im Alltag des Medizinbetriebs wohl wirklich ein wenig abseits steht.

Wann misst man postprandial?

Dr. med. Guido Freckmann vom Ulmer Institut für Diabetes-Technologie versuchte eine Antwort auf die Frage, wann man postprandial den Blutzucker messen sollte. Noch vorher müsse man aber wissen, welche postprandialen Werte man denn erreichen will, sonst könne man die Messung auch weglassen, warnte Freckmann.

Seine Gruppe hat dazu Untersuchungen an 24 Gesunden gemacht, die Standardabweichung des Werts sei bei Gesunden zwei Stunden nach einer Mahlzeit am geringsten, sein Maximum erreiche der Blutzucker bei ihnen zwischen 35 und 55 Minuten nach dem Essen. „Was sehr einheitlich ist, ist dass Gesunde rasant hoch und rasant runter gehen“, die höchsten Werte lagen um die 160. Bei gleicher Mahlzeit waren in entsprechenden Versuchen an Diabetikern die Blutzucker-Ausschläge nach dem Frühstück am höchsten, hier sei sogar bei kurzwirksamen Analoga ein Spritz-Ess-Abstand ratsam, so Freckmann. Nach seiner Erfahrung kann man mit Messungen vor dem Essen sowie eine, zwei und dreieinhalb Stunden nach der Mahlzeit die Blutzucker-Kurve ähnlich gut erfassen wie mit kontinuierlichen Glukose-Messsystemen. Für Maxima sei der Ein- oder Eineinhalb-Stunden Wert wahrscheinlich besser als der Zwei-Stunden-Wert, fasste er die Ergebnisse zusammen.

Messbare Erfolgsgeschichte

Über den „bunten Zoo“ der Blutzuckermessgeräte und die vielfältigen möglichen Einflussfaktoren auf deren Genauigkeit referierte der Labormediziner Dr. med. Christoph Niederau aus Dortmund. Als „gute Nachricht“ und „schönen Erfolg“ bezeichnete er die Entwicklungsgeschichte der Patientengeräte, deren Variationskoeffizienten seien „gut akzeptabel“. Unter den zahlreichen potentiellen Einflussfaktoren auf die Güte der gesamten Blutzucker-Messung hob Niederau Grundlegendes wie durch zu starkes Drücken bei Blutgewinnung hinzukommendes Gewebswasser hervor, aber auch eher Unbekanntes wie die in allen Beipackzetteln zu Messgeräten zu findende Warnung vor einem eingeschaltetem Handy in der Nähe des Geräts wegen elektromagnetischer Strahlung.

Auch eine Anekdote am Rande erzählte der Dortmunder Mediziner zum Thema Einflussfaktoren: Ein Hersteller von Messgeräten evaluiere seine Produkte zum Beispiel in den peruanischen Anden, da dort ein niedriger Sauerstoff-Partialdruck und Menschen mit einem hohen Hämatokrit zusammen vorzufinden sind. Eine gute Schulung, so der Labormediziner zum Schluss, sei aber ein viel beeindruckenderer Faktor als alle technischen Details für die Messgenauigkeit: Niederau zeigte eine Studie von Skeie und Kollegen, in der von Patienten aufgenommene Messreihen mit denen des technischen Personal verglichen wurden; die Werte der Fachkräfte lagen deutlich näher beieinander als die der Patienten. Während die Fachkräfte in der Studie zwischen 0 und 20 Prozent über dem mit einer Referenzmethode gemessenem Wert lagen, streuten die Patienten zwischen plus und minus 40 Prozent.

Wenig Daten

Heinemann selbst wies in seinem Vortrag mit dem Untertitel „Sind alle Messgeräte gleich?“ darauf hin, dass man bei einer Recherche nach Studien zum Thema Blutzuckermessung kaum Publikationen findet. Einige Fragestellungen, die er gerne einmal beantwortet hätte, nannte der Düsseldorfer Diabetestechnik-Experte:

  • Wie hoch ist die dem verwendeten Enzym und anderen Herstellungsfaktoren geschuldete Variabilität zwischen den verschiedenen Chargen der Teststreifen, auch jetzt in der Ära „ohne Codierung“?
  • Wie verändert sich die Leistung mit der Lebensdauer der Geräte?

Auch eine Clamp-Studie mit Blutzuckermessgeräten wünscht Heinemann sich, da gerade deren Richtigkeit und Präzision bei einem definiertem Glukosewert unter- und oberhalb des üblichen Bereichs 80 bis 200 mg/dL interessant seien. „Das Thema Blutzuckermessung ist nicht sexy genug“, fasst er die Lage zusammen, auf dem letztjährigen EASD-Kongress in Rom habe es zum Beispiel keine einzige Session zu diesem Komplex gegeben – bei rund 700 Millionen Euro Kosten in Deutschland im Jahr sei das erstaunlich.

Er wies auch darauf hin, dass mitnichten alle in Deutschland auf dem Markt befindlichen Geräte die Iso-Norm 15197 erfüllen müssen, lediglich ein CE-Zeichen ist Pflicht. Heinemann plädierte für einen Führerschein für Blutzuckermessgeräte, ganz wie beim Auto mit Theorie- und Praxis-Teil, inklusive dem Thema „Was tue ich mit dem Wert?“. Ein Plädoyer anderer Art erwartet Heinemann auch demnächst: Gerüchteweise komme der Iqwig-Vorbericht zur Blutzucker-Selbstkontrolle Anfang 2009.

Stiftung Dianiño

(2009)

Diabetes-Nanny: nötig oder unnötig?

Professor Borkenstein, Universitätskinderklinik Graz

Ein bisher gesundes Kind wird zunehmend müde, verliert an Gewicht, hat viel Harn und viel Durst und wird aus diesem Grund beim Arzt vorgestellt. Die Diagnose lautet „Diabetes mellitus“ und Eltern und Kind wird mitgeteilt, dass eine lebenslange Behandlung mit Insulin nötig sein wird. Verständlicherweise ist diese Diagnose häufig für die Eltern, aber auch für das Kind ein Schock.

Man will die Diagnose Diabetes mellitus nicht wahrhaben und kann sich mit der Erkrankung nicht identifizieren. Die Erstbehandlung erfolgt meistens stationär in einer dafür eingerichteten Abteilung für Kinder und Jugendliche. Neben der Therapie der akuten Stoffwechselentgleisung und der Initiierung der folgenden Dauertherapie der diabetischen Stoffwechsellage beginnt durch ein Diabetesteam eine ausführliche Schulung von Eltern und Patienten, um das nötige Wissen zu vermitteln, damit Selbstkontrolle und Selbsttherapie ermöglicht werden.

Daneben spielen psychosoziale Aspekte eine große Rolle. Die Annahme und Verarbeitung der schockierenden Diagnose muss unterstützt werden. – Wie auch immer, irgendwann einmal kommt der Moment, wo das Kind wieder ins häusliche Milieu zurückkehrt und die Therapie dort durch die Familie und das Kind durchgeführt werden soll. Die Phasen der Krankheitsbewältigung laufen sehr individuell ab und nicht immer gelingt es den Beteiligten, zur Phase der Akzeptanz und des Annehmens zu finden. Häufig sind Kind und Familie, oft aber auch die sonstigen Betreuenden durch die Probleme mit der Erkrankung inhaltlich, zeitlich und im Detail überfordert. Dies betrifft nicht nur den medizinischen Teil (z. B. Blutzuckerbestimmung, Insulininjektion, Insulinanpassung, Diätanpassung …), sondern vor allem auch die psychosozialen Aspekte (Berufstätigkeit der Mutter, Kindergartenplatz, Schulbesuch, finanzielle Aspekte …).

Die im Jahr 2004 von Frau Ingrid Pfaff und MitarbeiterInnen gegründete Stiftung DIANINO hat es sich zur Aufgabe gemacht, Familien bei diesen Belastungen schnelle und praktische Unterstützung zu leisten. Die dafür etablierte Hilfe ist: Die Diabetes-Nanny

Wer kann eine Diabetes-Nanny werden, was sind deren Aufgaben?

Diabetes-Nanny kann werden, wer über ausreichende Kenntnisse und Erfahrungen mit dem Typ I Diabetes verfügt und bereit ist, ehrenamtlich zu arbeiten und in betroffene Familien, aber auch in Kindergärten, Schulen zu gehen und dort zu helfen. Die Unterstützung ist kann sehr unterschiedlich sein und umfasst ein großes und breites Spektrum: medizinische Probleme, Probleme im Handling der Erkrankung, Betreuungsprobleme, Integrationsprobleme, um nur einige wichtige Aspekte zu nennen. Je nach Problem ist auch die Dauer, welche die Diabetes-Nanny in den entsprechenden Familien verbringt bzw. den entsprechenden Familien zu Hilfe steht, durchaus unterschiedlich lang. Wichtig für die Familie ist, dass diese Hilfe schnell und unkompliziert zur Verfügung steht und dass der Familie dadurch keine zusätzlichen Kosten entstehen.

Derzeit sind für die Stiftung Dianiño 50 Diabetes-Nannies kontinuierlich im Einsatz. Ca. 15% davon haben selbst ein oder mehrere Kinder mit Typ I Diabetes. Fast 80% kommen aus dem Bereich Kinderkrankenpflege, Diabetologie bzw. sind Kinderkrankenschwestern und DiabetesberaterInnen. Ungefähr 20% der Hilfsmaßnahmen betreffen die Diabetesbehandlung an sich (z. B. Insulininjektion, Anpassung, Selbstkontrolle). Der Rest betrifft Schulungsmaßnahmen (z. B. in Kindergarten und Schule) sowie Arbeiten im sozialen und organisatorischen Bereich. Besonders hingewiesen werden soll auf den hohen Anteil der Hilfeleistungen für Familien mit Migrationshintergrund (fast 15%).

Unterdessen sind bereits an die 300 Hilfseinsätze von Diabetes-Nannies durchgeführt worden, die von den betroffenen Familien, aber auch den Betreuenden durchweg positiv beurteilt werden. Wenn auch durch Diabetes-Nannys sicherlich nicht alle Probleme lösen können, die aus der unterschiedlich empfundenen Belastung durch die Erkrankung entstehen, so tragen diese Einsätze doch ohne Zweifel sehr dazu bei, dass sowohl die Krankheitsbewältigung an sich, als auch Probleme in der Therapie und in der Betreuung des Diabetes mellitus sowohl medizinischer als auch psychosozialer Art sehr positiv beeinflusst werden können.

Der Stiftung Dianiño ist für diese Initiative sehr zu danken und für die weitere Arbeit viel Erfolg zu wünschen!

Rheinland weltweit führend

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Fußnetz ausgeweitet

Fortschritt für Diabetiker: Das Fußnetz wurde ausgeweitet. Das Rheinland ist weltweit führend in der Versorgung von Patienten mit diabetischem Fußsyndrom.

Das Konzept ist so erfolgreich, dass es zum 1. April 2009 auf ganz Nordrhein ausgeweitet wurde. „Damit ist das Rheinland mit seinen 9,6 Millionen Einwohnern die weltweit größte Region, in der Patienten mit dem Diabetischen Fußsyndrom (DFS) in einer Netzwerkversorgung behandelt werden“, betont Dr. Dirk Hochlenert vom BdSN. Im Fußnetz, das 2005 in Köln, Düsseldorf und Leverkusen gegründet wurde, arbeiten Ärzte, Pflegedienste, Schuhmacher und Podologen (spezielle Fußpfleger mit zweijähriger Ausbildung) zusammen, um Diabetikern, die unter dem diabetischen Fußsyndrom (DFS) leiden, möglichst schnell und umfassend zu helfen. Insbesondere kooperieren ambulant und stationär tätige Diabetologen, Chirurgen, Gefäßspezialisten und Radiologen ohne lange Wege und Wartezeiten erfolgreich in der spezialisierten Wundbehandlung. Alle Patienten, die an der Netzwerkversorgung teilnehmen, führen eine Befundmappe mit allen wichtigen Unterlagen zu ihrer Behandlung mit sich, die sie den beteiligten Ärzten, Pflegern oder Schuhmachern vorlegen können. „So sind alle Beteiligten über die einzelnen Behandlungsschritte informiert und die Patienten werden aktiv mit einbezogen“, erklärt Dr. Hochlenert.

Diabetisches Fußsyndrom meist bei Typ-2-Diabetikern

Bei dieser Erkrankung bilden sich Geschwüre oder Ermüdungsbrüche am Fuß. Ursache für das DFS sind meist Durchblutungsstörungen und/oder ein vermindertes Schmerzempfinden infolge von Nervenschäden aufgrund des Diabetes. Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 230.000 Menschen am Diabetischen Fußsyndrom, bei 30.000 Patienten führt die Krankheit zur Amputation von Zehen, Füßen oder dem ganzen Bein. Durch das Fußnetz kann das DFS effizienter behandelt werden. Dank der Netzwerkversorgung wird die Wahrscheinlichkeit einer Amputation auf 25 Prozent im Vergleich zur Versorgung außerhalb des Netzes gesenkt. Außerdem kommt es dank des Netzwerkes zu weniger Krankenhausaufenthalten, einer verringerten Sterblichkeitsrate sowie weniger Krankschreibungen. Und: Weniger Menschen müssen in ein Altenheim umziehen.

Dr. Hochlenert hofft, dass auch Patienten außerhalb des Rheinlandes künftig in Fußnetzen versorgt werden: „Wir haben hier wirklich sehr gute Erfolge erzielt und hoffen, anderen mit diesem Projekt Mut machen zu können.“

Der BdSN

Im Berufsverband der diabetologischen Schwerpunktpraxen in Nordrhein (BdSN) haben sich über 100 niedergelassene Diabetologen organisiert und die bisherige positive Entwicklung in der Betreuung von Diabetes-Patienten mitgestaltet. Ziel ist es, die ambulante Versorgung Diabeteskranker weiter zu verbessern.

Potenzprobleme

(2009)

Potenzprobleme – Vorboten des Infarkts

Potenzprobleme weisen auf Gefäßschäden hin, die Jahre später zum Herzinfarkt führen können.

Lässt bei älteren Männern die Fähigkeit zur Erektion nach, kann dies ein erstes Anzeichen für Gefäßschäden im ganzen Körper sein. Die Betroffenen sollten sich deshalb vom Spezialisten untersuchen lassen, empfehlen Experten der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Eine Ursache – viele Erkrankungen

Erektionsstörungen und Herzkreislauferkrankungen haben viel gemeinsam: Sie nehmen im Alter zu und treten häufiger bei Diabetikern, Rauchern und Männern mit hohem Blutdruck oder hohen Cholesterinspiegeln auf. Das deutet auf die gemeinsame Wurzeln hin, eine zunehmende Funktionsstörung des Endothels. Diese hauchdünne Zellschicht ist nicht, wie man früher glaubte, bloß eine „Tapete“, die die Blutgefäße von innen auskleidet. Das Endothel und sein Signalgeber, das Stickstoffmonoxid, halten den Blutfluss aufrecht. Sie stellen die Gefäße weit, regulieren die Blutgerinnung und halten Ablagerungen fern. Das gilt für die Herzkranzgefäße, wo ein Herzinfarkt entstehen kann, genauso wie für die so genannten Helixarterien, durch die das Blut in die Schwellkörper des Penis fließt.

Potenzprobleme als Vorboten für Herz-Kreislauferkrankungen

Interessanterweise gehen Erektionsstörungen den Herz-Kreislauferkrankungen, der häufigsten Todesursache, meist um Jahre voraus. In einer an der Universität des Saarlandes durchgeführten Studie berichteten vier von fünf Patienten mit zunehmender Herzschwäche über Potenzstörungen, deren Beginn bis zu sieben Jahre zurücklag. „Erektile Dysfunktion ist eindeutig ein Risikomarker für Herz-Kreislauferkrankungen“, so Studienleiter Prof. Böhm. Deshalb sollten betroffene Männer das Problem nicht alleine mit Potenzpillen „kurieren“, sondern regelmäßig die Risikofaktoren für Herzkreislauferkrankungen überprüfen lassen: Blutzucker, Blutdruck, Blutfette, Belastbarkeit des Herz-Kreislaufsystems usw. Der Vorsorgecheck beim Hausarzt deckt diese Risikofaktoren mühelos auf.

Blutdrucksenker als Potenzmittel?

Therapeutisch kommen nach diesen Befunden Wirkstoffe, die die Endothelfunktion verbessern, womöglich auch zur Behandlung von Potenzproblemen infrage. Normalerweise werde beispielsweise ACE-Hemmer und Sartane (letztlich Hemmstoffe des Eiweißes Angiotensin II) gegen hohen Blutdruck und bei Herzinsuffizienz verordnet. Man weiß, dass Angiotensin II nicht nur den Blutdruck steigert, sondern auch nach dem Geschlechtsverkehr den Penis erschlaffen lässt. Im Tierexperiment kann Angiotensin II eine Erektion verhindern – es sei denn, die Tiere wurden zuvor mit Angiotensin-II-Hemmstoffen behandelt. ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorblocker (Sartane) sind kürzlich in größeren Studien an Patienten mit Bluthochdruck und Herzkreislauferkrankungen verglichen worden. Derzeit wird ausgewertet, ob sich bei den Teilnehmern auch eine eventuell vorhandene erektile Dysfunktion gebessert hat. Ein nächster Schritt wäre zu prüfen, ob sich die Medikamente gezielt gegen Potenzstörungen einsetzen lassen. Doch heute ist das noch Zukunftsmusik.

Forschung

(2009)

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Prof. Wieland Kiess

Dick durch Gene

Unter 500.000 Genvarianten den Dickmachern auf der Spur

Wissenschaftler der Universität Leipzig haben gemeinsam mit europäischen Kollegen die Klärung der Funktion von Genen im Bezug auf das Dick-Sein vorangebracht. „Zusammen mit Forschern vor allem aus Lille und London haben wir fast 500.000 Genvarianten des menschlichen Erbgutes betrachtet und untersucht, welche Gene sich bei den dicken Menschen gleichen und wo sie sich von Schlanken unterscheiden“, erklärt Prof. Dr. Wieland Kiess, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche der Universität Leipzig.

Über erste Ergebnisse berichtete jetzt die international renommierte Fachzeitschrift „Nature Genetics“. Was Kiess sowie seine Kollegen Dr. Antje Körner von der Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche und Dr. Peter Kovacs vom Interdisziplinären Zentrum für Klinische Forschung (IZKF) sehr stolz macht: Es ist bereits das 3. Mal, dass das hoch angesehene Blatt die Forschungen des internationalen Konsortiums mit einer Veröffentlichung geadelt hat.

Neue Wege gegangen

In der jüngsten Untersuchungsreihe haben die Wissenschaftler einen neuen Weg eingeschlagen. „Bislang haben wir immer ein Gen untersucht, von dem wir annahmen, dass es für frühkindliches Übergewicht und massive Fettleibigkeit bei Erwachsenen verantwortlich sein könnte“, erläutert Kiess. So hatte das internationale Konsortium bereits vor einiger Zeit festgestellt, dass eine Veränderung des so genannten FTO-Gens für etwa 22 Prozent der genetisch bedingten Übergewichts- und Adipositasfälle verantwortlich ist. Schon in diesem Zusammenhang lag die Folgerung nahe, dass im genetischen Netzwerk weitere veränderte Gene die Ausbildung von Übergewicht maßgeblich beeinflussen müssten. Die neuen Untersuchungen setzten genau an dieser Stelle an: Jeweils ca. 500.000 Genvarianten des Erbgutes der rund 15.000 Probanden wurden miteinander verglichen.

Menschenvergleich

Ein Computer berechnete dabei, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich zwei Menschen gleichen. „Erwartet wird in der Regel ein Unterschied von ca. 0,2 Prozent“, so Kiess. Die Forscher stießen jedoch bei einzelnen Genvarianten teilweise auf sehr viel größere Unterschiede, wenn sie die Gene von Dicken und Schlanken miteinander verglichen. Dazu nutzten sie ein Analysegerät im französischen Lille, mit dem die menschliche Erbbotschaft als Muster dargestellt werden kann. Die aus den vorliegenden Proben hervorgegangenen Muster stellten sie schließlich nebeneinander und verglichen sie. Dabei waren und sind vor allem die Daten von Kindern, zu denen die Leipziger Forschergruppe wesentlich beigetragen hatte, für die Wissenschaftler hoch interessant! „Bei dicken Kindern schlägt die genetische Komponente stärker zu Buche als bei fettleibigen Erwachsenen, bei denen sich die Einflüsse in Richtung Essgewohnheiten und Alltagsverhalten verschieben“, berichtet Kiess. Die Ergebnisse der Untersuchungen und die daraus resultierenden stabilen Datensätze sind laut Kiess „Grundlage für eine Riesenwelle von Arbeit“. Denn nachdem nun weitere Gene abgegrenzt wurden, die einer genaueren Betrachtung unterzogen werden müssen, kann die Forschung in Richtung polygene Erkrankungen weitergehen. Für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Leipzig ergeben sich dadurch hervorragende Perspektiven: „Die Mannschaft in Leipzig macht gute Arbeit und das ist vor allem der tollen Zusammenarbeit der Mediziner hier am Universitätsklinikum, aber auch den Wissenschaftlern am Herzzentrum, den Biochemikern, den Bioinformatikern und vielen anderen zu verdanken, mit denen wir kooperieren“, unterstreicht der Klinikdirektor.

Es habe sich erneut gezeigt, dass es richtig gewesen sei, auch im Zusammenspiel mit der Stadt die Kinder in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. In der weiteren Zusammenarbeit mit den Kollegen auf europäischer und internationaler Ebene sei absehbar, dass die Universität Leipzig ihren Spitzenplatz in der Adipositasforschung festigen und weiter ausbauen wird.

Diabetes-Messe 2010

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Patiententag

Diabetes Messe 2010 bietet Vorträge, Workshops und Gesundheitstests

Viele Diabetiker müssen mit einem permanenten Brennen, Kribbeln und Stechen leben. Die Ursache, ein erkranktes Nervensystem, wird häufig übersehen und das Leiden falsch therapiert. Chronische Schmerzen bilden daher einen Themenschwerpunkt des Patiententags, der am Sonntag, 28. Februar, im Rahmen der Diabetes Messe 2010 in Münster, Messe und Congress Centrum Halle Münsterland, stattfindet.

Chronischen Schmerzpatienten die Angst nehmen

Wer sich über seine Krankheit informiert, kann seine Lebensqualität steigern. Dabei unterstützt die Diabetes-Messe erneut Betroffene und alle Interessierte. Sie können am Patiententag mit renommierten Experten ins Gespräch kommen und praktische Anregungen für ein gesünderes Leben mitnehmen. Jeweils rund 6.000 Besucher nutzten in den vergangenen Jahren dieses Angebot, das den zweitägigen Fachkongress ergänzt. Maßgeblich mitgestaltet wird das Programm des Patiententages vom Deutschen Diabetiker Bund und der Deutschen Schmerzliga. „Chronische Schmerzen können nicht mit Mitteln aus der Hausapotheke therapiert werden“, unterstreicht deren Vizepräsident Harry Kletzko. Denn in diesem Fall leiten die Nerven nicht bloß die Schmerzen ans Gehirn weiter, sondern sind selbst Ausgangspunkt eines äußerst quälenden Leidens. „Das betrifft gerade viele Diabetiker, deren Nerven durch eine nicht optimale Einstellung irreparabel geschädigt wurden“, erklärt er. Diabetes und Schmerzen würden aber oft getrennt voneinander behandelt, der Zusammenhang bleibe unerkannt. „Wir möchten, gemeinsam mit Ärzten, Betroffenen die Angst vor den schmerztherapeutischen Maßnahmen nehmen und darüber aufklären, wie chronische Nervenschmerzen erkannt und therapiert werden“, erläutert Harry Kletzko. „So können zu einer medikamentösen Behandlung, was viele Schmerzpatienten gar nicht wissen, auch Antidepressiva oder Antiepileptika gehören.“

Wer sich über neue Produkte und Dienstleistungen informieren möchte, ist auf der Diabetes Messe 2010 richtig. 6.000 Betroffene und Gesundheitsinteressierte werden zum Patiententag am 28. Februar in Münster erwartet.

In weiteren Vorträgen erfahren Betroffene von Ärzten, Unternehmen und Verbänden, wie sie Folgeerkrankungen eines Diabetes mellitus mildern. Dabei geht es auch um weniger bekannte Komplikationen, darunter Zahnfleischschwund. Außerdem zeigen mehr als 100 Aussteller auf 4.000 Quadratmetern ihre Produkte, darunter neue Antidiabetika. Noch größer als zuletzt fällt das „Forum Prävention“ aus. Ärzte testen Sehkraft, Hörfähigkeit, Fußdruck sowie Cholesterin- und Blutzuckerwerte der Besucher. Angesprochen sind alle Altersgruppen: Demenz und Diabetes wird ebenso thematisiert wie Diabetes bei Kindern und Jugendlichen, die ein spezielles Sportprogramm ausprobieren können.

Näheres unter www.diabetes-messe.com.

Folgeschäden bei Diabetes

(2009)

Diabetikern fehlt Gefäßschutz durch Vitamin B1

Diabetiker scheiden mehr Vitamin B1 aus als Gesunde. Abhilfe versprechen hochdosierte Supplemente

Schäden an Nieren, Nerven und Augen zählen zu den gefürchteten Spätfolgen des Diabetes. Doch der chronisch erhöhte Blutzucker ist nicht alleine schuld – zumindest nicht direkt. Er sorgt auch dafür, dass der Löwenanteil des zugeführten Vitamin B1 bei Diabetes über die Nieren ausgeschieden wird, statt im Körper zu bleiben. Vitamin B1 (Thiamin) ist notwendig, um den Organismus von gefäßschädigenden Abbauprodukten zu entgiften.

Abhilfe versprechen hochdosierte Supplemente. Zwei aktuelle klinische Studien mit Diabetikern stellten positive Effekte hochdosierter Vitamingaben auf eine vorhandene Albuminurie bzw. Polyneuropathie fest. Eine weitere Studie erklärt den Mechanismus, und warum das Labor selbst extreme Thiamindefizite oft nicht entdeckt.

Mit Vitamin B1 gegen neuropathische Schmerzen

Diabetische Polyneuropathie ist ein Folge angegriffener Nerven und Blutgefäße. Symptome sind Schmerzen oder auch Schmerzlosigkeit in den Füßen, Missempfindungen, Muskellähmungen. Eine Studie der Gießener Universitätsklinik untersuchte, ob die Gabe des Vitamin-B1-Ablkömmlings Benfotiamin gegen die Symptome hilft. Benfotiamin ist eine fettlösliche Vorstufe von Vitamin B1, die der Körper wesentlich besser aufnimmt als das wasserlösliche Vitamin selbst. Die Diabetiker erhielten sechs Wochen lang täglich 300 oder 600 mg Benfotiamin, oder Plazebo. Nach dieser Zeit hatte sich der Neuropathische Symptomen Score (NSS) in der Patientengruppe, die das Studienprotokoll eingehalten hatte, signifikant gebessert. Ein Zufallsergebnis war also ausgeschlossen. Tendenziell wurden auch Schmerzen reduziert: „Benfotiamin lindert auch ohne zusätzliche Gabe anderer Wirkstoffe die Schmerzen deutlich“, sagte der Endokrinologe Prof. Reinhard Bretzel, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III, Gießen. Die deutlicheren Erfolge erzielte jeweils die höhere Dosis mit 600mg Benfotiamin. Die Verträglichkeit beider Dosierungen war gut.

Diabetes geht an die Nieren

Hilft auch die Gabe von Vitamin B1 selbst gegen diabetische Folgeschäden? Das Vitamin wird lediglich in „physiologischen“ Dosen von bis zu 1 mg vollständig vom Körper aufgenommen. Als Hochdosiertes Thiamin vermag dennoch in experimentellen Studien der Entwicklung einer Mikroalbuminurie (Übermäßige Ausscheidung von Bluteiweiß bei einer Nierenschädigung) vorzubeugen.

Inwieweit dies auch beim Menschen der Fall ist, untersuchte eine Forschergruppe der Diabetesklinik in Lahore/Pakistan. In der kleinen Studie bekamen 40 Typ-2-Diabetiker mit erhöhter Albuminausscheidung nach dem Zufallsprinzip (randomisiert) entweder für drei Monate täglich 3 x 100 mg Thiamin oder ein wirkstofffreies Plazebo. Weder Arzt noch Patient wussten, wer einen Wirkstoff (Verum) und wer Plazebo erhält (Doppelblindstudie). In der Verumgruppe sank die Albuminausscheidung im Urin hochsignifikant um 17,7mg pro 24 Stunden, während sich unter Plazebo kein signifikanter Effekt zeigte. Man untersuchte noch weitere stoffwechselrelevante Zielgrößen, doch auf Blutzucker, Blutfette und Blutdruck hatte die Vitamintherapie keinen Einfluss. Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet. „Hochdosierte Thiamingaben können die Behandlung früher Stadien diabetischer Nehropathie verbessern“, resümieren die Forscher.

Thiamin hilft, gefäßschädigende Stoffe abzubauen

Das B-Vitamin Thiamin (Aneurin) spielt eine zentrale Rolle im Kohlenhydratstoffwechsel. Thiamin ist auch für die Funktion eines wichtigen Entgiftungsenzyms, der Transketolase, unentbehrlich. Dieses Enzym bremst die zerstörerische Wirkung des erhöhten Blutzuckers. Fehlt Thiamin, ist dieser Entgiftungsprozess gestört. Zudem ist Vitamin B1 maßgeblich an der Erregungsleitung im Nervensystem beteiligt. Wegen der begrenzten Speicherkapazität und der hohen Umsatzrate muss Thiamin täglich in ausreichender Menge aufgenommen werden. Die empfohlene physiologische Zufuhr liegt bei täglich 1,1 bis 1,5 mg. Zur Vorbeugung und Therapie von Gefäßschäden werden wesentlich höhere Dosierungen eingesetzt.

Vitamin B1 bremst Glukosegiftigkeit

Die Konzentration des wasserlöslichen Vitamins im Bluplasma liegt bei Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes rund 75% niedriger als bei Gesunden, fanden britische Forscher heraus. Ursache des Thiamin-Defizites sei eine übermäßig gesteigerte Ausscheidung über die Nieren: Gegenüber Gesunden war diese bei Typ-1-Diabetikern 24-fach und bei Typ-2-Diabetikern 16-fach erhöht.

„Hohe Blutzucker-Konzentrationen unterdrücken in vitro die Expression eines Thiamin-Transporters in der Niere“, erklärte Dr. James Larkin aus der britischen Arbeitsgruppe. „Dieses Molekül begrenzt normalerweise die Thiamin-Ausscheidung. Fehlen Thiamin-Transporter, geht das Vitamin über den Urin verloren.“ Es unterbleibt die genügende Aktivierung der Transketolasen, somit wird das körpereigene Entgiftungssystem für Zwischen- und Abfallprodukte des Zuckerstoffwechsels ausgebremst.

Dies alles deutet darauf hin, dass der Weg von einem schlecht eingestellten Zuckerstoffwechsel hin zu mikrovaskulären Komplikationen wohl über den Verlust von Vitamin B1 führt, meinen die Forscher. Schädliche Effekte der Blutglukose auf die Gefäße nehmen zu. Für diesen Zusammenhang spricht auch der Anstieg von Blut-Markern für Gefäßschäden und Adernverkalkung bei Diabetikern mit Thiaminmangel. Die therapeutische Gabe von Vitamin B1 bzw. vitaminähnlicher Stoffe wie Benfotiamin kann die Aktivität der Transketolase um das Drei- bis Vierfache steigern – eine aussichtsreiche Option zur Vorbeugung und Behandlung diabetischer Gefäßkomplikationen.

Thiaminmangel maskiert sich selbst

Eine Erklärung, warum die starken Vitamin- B1-Verluste bei Diabetikern bisher weithin unbekannt waren, liefern die Wissenschaftler gleich mit: Bei der konventionellen Bestimmung des Thiamins, der Messung des Thiamin-Effekts in den Erythrozyten, wird der Mangel maskiert. Denn rote Blutkörperchen sind in der Lage, bei Thiaminmangel die Bildung von Transportproteinen zu steigern, die Thiamin in die Blutkörperchen einschleusen. Über diese ausgleichenden Mechanismen scheinen aber die gefährdeten Gewebe von Diabetikern, wie beispielsweise Nieren, Augen und Nerven, nicht zu verfügen. Hier kommt es zum Thiaminmangel auch in den Zellen – mit komplexen Stoffwechselstörungen als Folge.

Adipositas-Epidemie

(2009)

Adipositas und der Einfluss von Fastfood auf die Appetitkontrolle

Fastfood und Fertigprodukte haben großen Einfluss auf die Appetitregulation. „Der Gefräßig-Macher“ ist ein Buch mit der Thematik Regulation von Appetit und Sättigung. Interview von Susan Röse mit Prof. Dr. Hermanussen

Herr Prof. Dr. Hermanussen, können Sie sich bitte kurz vorstellen (wer sind Sie, wo arbeiten Sie, welche Studie betreuen Sie aktuell, welche noch offenen Fragen werden geklärt)?

Ich bin Kinderarzt und Professor an der Christian-Albrecht-Universität Kiel. Teilweise arbeite ich als niedergelassener Kinderarzt in meiner Praxis, teilweise betreue ich Studenten und bin in der Forschung tätig. Meine Arbeitsgebiete sind Wachstum und Entwicklung von Kindern, seit etwa 7 Jahren beschäftige ich mich insbesondere mit Fragen zu Adipositas und Sättigungsregulation.

Kann man heute von einer Adipositas-Epidemie sprechen?

Ich halte diesen leider sehr oft benutzten Ausdruck für eher problematisch. Von einer Epidemie spricht man, wenn es um ansteckende Erkrankungen geht. Das ist natürlich bei der Adipositas nicht der Fall.

Ist die Adipositas eine Essstörung?

Natürlich ist die Adipositas eine Essstörung. Ich finde es aber viel interessanter zu fragen, warum es zu dieser Essstörung kommt.

Ist das Fastfood verantwortlich für die Adipositas?

Wir wissen, dass gemeinsam mit der weltweiten Verbreitung von Fastfood-Ernährung die Menschen dicker werden. Es ist aber nicht wirklich klar, warum das so ist. Die gängige Vorstellung – Fastfood enthalte zu viel Fett und mache deshalb dick – ist sicher falsch. Fastfood scheint eine Reihe von verschiedenen Mechanismen auszulösen, die die Regulation des Appetits unterlaufen.

Wie groß ist der Einfluss von Fastfood auf die Appetitregulation?

Das ist schwierig zu beantworten und zum heutigen Zeitpunkt sicher nicht wirklich bekannt.

Was sagt der „Gefräßig-Macher“ dazu? (Können Sie bitte erst in ein- bis zwei Sätzen Ihr Buch vorstellen und dann die Frage beantworten?)

Wir betrachten die Adipositas als einen Ausdruck gestörter Sättigungsregulation. In unserem Buch „Der Gefräßig-Macher“ beschreiben wir einen wichtigen Faktor in dieser Regulation – das Glutamat – und zeigen, auf welche Weise diese Substanz in die Regulation von Appetit und Sättigung eingreift. So können wir relativ unmittelbar zeigen, warum das übliche Fett- und Kaloriensparen der falsche Weg zu einer Behandlung des Übergewichtes ist. Wie beim Puzzeln legen wir in unserem Buch wissenschaftliche Veröffentlichungen zu einem neuen Bild der Sättigungsregulation zusammen. Wir berichten – hoffentlich allgemeinverständlich – über die biochemischen Zusammenhänge zwischen unserer täglichen Kost, der Appetitregulation im Hirn und unserem Stoffwechsel und unternehmen kleine Ausflüge zu Insulin, Fastfood und Geschmacksempfindungen. So wird für den interessierten Laien deutlich, wie der so genannte Geschmacksverstärker Glutamat, aber auch der Eiweißgehalt unserer Nahrung, auf unser Essverhalten einwirkt.

Was ist Kindergesundheit24?

www.Kindergesundheit24.de ist ein kostenloses, sponsorenfinanziertes Online-Vorsorgeportal für Eltern, Kinder und Jugendliche. Das hat es in dieser Form bisher nicht gegeben. Indem wir mit Hilfe einer komplexen Software nach Körpergröße, Körpergewicht und – je nach Alter und Geschlecht des Kindes – nach einer Vielzahl standardisierter Details fragen, gelingt es, den jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes automatisch zu beurteilen. Auf diesem Wege können viele Entwicklungsstörungen bereits über ein Internetportal, d.h. ohne Zutun eines Arztes, früh erkannt und ggf. die kinderärztliche Behandlung zum frühestmöglichen Zeitpunkt vorbereitet werden. Das Portal wird von international anerkannten Spezialisten auf dem Gebiet der Wachstumsforschung mitbetreut.

Sollte sich der Verbraucherschutz mehr dem Schutz unserer Kinder widmen?

Die Werbung suggeriert, dass viele Produkte eine normale Ernährung mit frischem Obst und Gemüse vom Markt ersetzen, dabei ist der Zuckeranteil in solchen künstlichen Produkten sehr hoch. Nicht nur der Zuckeranteil ist ein Problem in der kindlichen Ernährung. Wir wissen seit vielen Jahren, dass – ganz entgegen allgemeiner Routineempfehlung – auch der Eiweißanteil in der kindlichen Kost zur späteren Entgleisung des Körpergewichtes beiträgt. Auch die heute üblichen Ideen zu Fettkonsum und Adipositas sind großenteils überholt. Es hat sich in den letzten Jahren sehr viel neues Wissen angesammelt, das bisher aber kaum zur Kenntnis genommen und von der Werbung komplett ignoriert wird. Das ist sehr betrüblich.

Wie können wir Ihrer Meinung nach der Adipositas Epidemie wirksam begegnen?

Wir wissen, dass die Adipositas noch vor 30 Jahren kein Problem war. Wenn wir uns so ernähren und annähernd so bewegen wollten, wie es noch unsere Eltern getan haben, ginge es uns bedeutend besser. Wir sollten also vor allem darauf achten, den Konsum von Fastfood und Fertiggerichten erheblich einzudämmen – die industrielle Aufbereitung der Nahrung scheint für unsere Sättigungsregulation ein großes Problem zu sein – und unseren Eiweißkonsum zu beschränken. Das ist nicht schwer und bedeutet: weniger Fleisch und Fleischprodukte, weniger Milch und Milchprodukte und die Rückkehr zu einer eher (aber nicht notwendigerweise ausschließlich) vegetarischen Kost. Lassen Sie sich nicht von der Milchwerbung beeinflussen! Wir sind keine Kälber, die überwiegend von Kuhmilch leben. Und der allgegenwärtige Fanatismus hinsichtlich kalziumreicher Kost ist wissenschaftlich nicht begründet.

Pressekontakt
Susan Röse – Freie Journalistin
Avenariusstraße 15
22587 Hamburg/Germany

Saisonale Grippe

(2009)

Saisonale Grippeimpfung – für chronisch Kranke ein Muss

Im Zuge der Impfung bestimmter Bevölkerungsgruppen gegen die Neue Grippe Typ H1N1 – die Schweinegrippe – sollte die Impfung gegen die jährlich auftretende, saisonale Grippe nicht vergessen werden. Der Kreis der Personen, für die die beiden Formen der Grippeimpfung empfohlen werden, unterscheidet sich zum Teil. Eine Gruppe, für die in jedem Fall beide Impfungen – gegen die Schweinegrippe und die saisonal auftretende Grippe – empfohlen wird, ist die Gruppe der Menschen mit chronischen Erkrankungen. Doch gerade dieser besonders stark durch die Grippe gefährdete Personenkreis hat sich hier bisher nachlässig gezeigt – zu wenige ließen sich in den letzten Jahren gegen die saisonale Grippe impfen.

Nur jeder vierte chronisch Kranke gegen saisonale Grippe geimpft

Während sich gut die Hälfte der Über-60-Jährigen, für die die saisonale Grippe ebenfalls eine besonders große Gefahr darstellt, jedes Jahr impfen lässt (56% im Winter 2007/2008), sind von den chronisch kranken Menschen nur wenig mehr als ein Viertel vor der saisonalen Grippe geschützt (28% im Winter 2007/2008). Dabei kann die Infektion gerade für diese Gruppe sehr gefährlich sein, warnt Dr. Peter Lehmann, der als Internist in München häufig Grippeerkrankungen behandelt: „Bei chronisch Kranken ist die körpereigene Abwehr oft geschwächt, deshalb erkranken sie schwerer und sie leiden häufiger unter Komplikationen einer Grippe als gesunde Menschen“, so der Grippe-Experte.

Zu den gefürchteten Komplikationen einer Grippe zählen laut Dr. Lehmann Lungenentzündungen, schwere Bronchitis, Herzinfarkte und Schlaganfälle. „Außerdem kann sich die chronische Erkrankung durch eine Grippe erheblich verschlimmern“, sagt Dr. Lehmann. So kann es zum Beispiel bei Asthma-Erkrankungen durch eine Grippe zu besonders schweren Asthma-Attacken kommen. Asthmatiker gehören daher wie auch Menschen mit chronischer Bronchitis, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lebererkrankungen, Nierenfunktionsstörungen und angeborener oder erworbener Immunschwäche zu dem Personenkreis, für den eine Impfung gegen die saisonale Grippe ausdrücklich von den Gesundheitsbehörden empfohlen wird. „Wer an einer chronischen Erkrankung leidet und noch nicht gegen saisonale Grippe geimpft ist, sollte dies umgehend nachholen“, rät Lehmann daher.

Die Impfung gegen die saisonale Grippe ist gut verträglich

Standard-Grippeimpfstoffe sind bei gesunden, jüngeren Erwachsenen gut wirksam. Bei chronisch Kranken kann jedoch die Schutzwirkung der Impfung mit einem gewöhnlichen Grippeimpfstoff etwas geringer ausfallen. Grund ist das schwächere Immunsystem bei dieser Gruppe, das in manchen Fällen zur Folge hat, dass nach der Impfung weniger Antikörper gegen die Grippeerreger gebildet werden. Deswegen auf die Impfung zu verzichten, wäre aber völlig falsch, meint Dr. Lehmann: „Ein etwas geringerer Schutz gegen die Grippe ist in jedem Fall besser als gar keiner – gerade bei diesen besonders gefährdeten Patienten.“

Vorteile durch wirkungsverstärkten Impfstoff

Vorteile bei Menschen mit geringerer Immunfunktion bietet der Einsatz eines wirkverstärkten Grippeimpfstoffs (Fluad®). Ein solcher Impfstoff steht bereits seit über 12 Jahren für Menschen ab 65 Jahren zur Verfügung und hat sich bei diesem Personenkreis bewährt. Er enthält eine wirkungsverstärkende Substanz (MF59), die die Reaktion des Immunsystems auf Impfungen steigert und dazu führt, dass bei den geimpften Senioren mehr Antikörper gegen Grippeviren gebildet werden als bei Standardimpfstoffen. Auf diese Weise wird auch bei dieser Gruppe trotz schwächerem Immunsystem ein besserer Schutz gegen die Grippe erzielt. Hinzu kommt, dass dieser Impfstoff auch dann noch schützt, wenn plötzlich leicht veränderte Grippeviren kursieren sollten. Ein weiteres wichtiges Argument für die Impfung ist die Auswertung von Fallkontrollstudien, die bei entsprechend geimpften Senioren im Vergleich zu Ungeimpften einen erheblichen Rückgang akuter stationärer Klinikaufenthalte aufgrund von Grippe-Folgeerkrankungen wie Lungenentzündung, Schlaganfällen und akuten Herzerkrankungen während der Grippesaison gezeigt hat. Die Impfung ist gut verträglich. MF59 besteht im Wesentlichen aus Squalen, einer Substanz, die auch im menschlichen Körper vorkommt. Die Substanz wird nach der Impfung vollständig im Körper abgebaut.

Weitere Informationen unter: www.influenza.de