Therapie des Typ-2-Diabetes

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Die Inselzellen leben lassen!

Meist werden deutsche Typ-2-Diabetiker erst mit Insulin behandelt, wenn der HbA1c 9% übersteigt. Eine zu späte Umstellung auf eine indizierte Insulintherapie kann den Krankheitsverlauf beschleunigen.Studien in fünf Ländern (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Vereinigtes Königreich) haben ergeben, dass Diabetiker in Europa im Durchschnitt erst bei einem HbA1c-Wert von 9,6 und einem Body Mass Index von 30 auf eine Insulintherapie umgestellt werden. In Deutschland geschieht dies etwa bei einem HbA1c von 9%1. Viel zu spät, sagen Experten. Bei einem HbA1c von 6,5% setzen sowohl die Europäische Diabetes Föderation (IDF) als auch die Praxisleitlinie der Deutschen Diabetesgesellschaft die Grenze, die einzuhalten ist, um Folgeschäden zu vermeiden.

Mit dem Blutzucker steigt das Risiko

„Jede Steigerung des HbA1c um nur 1%, verdoppelt etwa das Risiko von Komplikationen“, sagte der Diabetesexperte Dr. med. Andreas Liebl, Bad Heilbrunn, auf einem Diabeteskongress. Man dürfe nicht, wie oft praktiziert, einfach das Versagen der Tablettenbehandlung abwarten. Nach heutigem Wissen beschleunigt sich durch die Gabe von Sulfonylharnstoffen das fortschreitende Versagen der Betazellen, die in der Bauchspeicheldrüse für die Insulinproduktion zuständig sind. Viele diabetische Patienten – und auch ihre Ärzte – müssten die Vorstellung korrigieren, diese Art der Behandlung bedeute das „Endstadium“ der Zuckerkrankheit, ergänzte Prof. Eberhard Standl, München. Die Insulinbehandlung, zum rechten Zeitpunkt eingesetzt, helfe, die Krankheit in den Griff zu bekommen und die Lebensqualität zu steigern.

Patienten brauchen mehr Informationen

Gerade die schlecht kontrollierten Diabetiker sind über ihre Krankheit meist schlecht informiert, so das Ergebnis der Studie „Choose Control“. Für diese Untersuchung hatte man 787 Patienten befragt, deren HbA1c trotz antidiabetischer Behandlung oberhalb der länderspezifischen Empfehlungen lag. Man ermittelte neben dem verzuckerten Hämoglobin Daten zu Gewicht, Ernährung, Art der Behandlung und fragte die Patienten, wie sie ihre Krankheit einschätzen und bewältigen. Bis zu zwei Drittel der Befragten hielten ihre Zuckerkrankheit für „mild“ – obwohl sie außer Kontrolle war. In Deutschland lag die Rate krasser Fehleinschätzung noch relativ niedrig, bei 7%. Insgesamt fehlte viel Basiswissen: „Nur zwei Prozent der Patienten vermochten genau zu beurteilen, was der HbA1c-Wert bedeutet“, so Prof. Standl.

Betazellen: Niedergang unvermeidlich?

Betazellen heißen die Zellen, die im Inselapparat der Bauchspeicheldrüse blutzuckersenkendes Insulin produzieren und ins Blut abgeben. Seit der UKPDS-Studie (1980er Jahre) weiß man, dass ihre Funktion meist schon zum Zeitpunkt der Diagnose eines Typ-2-Diabetes vermindert ist.Die Betazell-Funktion nimmt im Verlauf der Krankheit unerbittlich weiter ab, unabhängig von der Art der Studienmedikation. Heute geht man davon aus, dass ein Defekt der Betazellen schon in Vorstadien des Diabetes eintritt. Vor diesem Hintergrund wird die verbreitete Erstlinien-Behandlung mit Sulfonylharnstoffen kritisch gesehen: Sie vermag zwar für eine gewisse Zeit den Stoffwechsel zu stabilisieren, indem sie die Insulinsekretion der Betazellen noch einmal steigert. Doch diese „Dauerbefeuerung“ hält den Niedergang der Betazellen nicht auf, sondern beschleunigt ihn sogar. Ein Ausweg aus diesem Teufelskreis kann womöglich die frühzeitigere Behandlung mit Inkretin-Verstärkern oder, zu gegebener Zeit, mit Insulin bieten. Zu den Inkretin-Verstärkern zählen Inkretinmimetikum (wie Exenatid) und DPP-4-Hemmstoffe (wie Sitagliptin und Vildagliptin).

1 INSTIGATE / Choose Control- Studie