Starker Lobbyismus – Hand in Hand

Starker Lobbyismus – Hand in Hand
4. Regionalkonferenz des Berufsverbandes Deutscher Diabetologen (BDD)
Die diabetologischen Verbände für Kliniker und Niedergelassene verfügen über sehr selbstbewusste Regionalverbände. Zum 4. Mal trafen sich die Vertreter aus den Ländern mit den Spitzen des Dachverbandes BDD sowie seiner zwei Säulen, dem BVDK und dem BVND. Joachim Stier, Pressereferent des BVND, berichtet.
Finanziell gut ausgestattet und mit funktionierenden Strukturen sind die Diabetologen dabei, regional eine starke Struktur aufzubauen. BVND-Vorstandsmitglied Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Klaus Kusterer betonte denn auch die Bedeutung der regionalen Gliederungen: „Dort werden die auf Bundesebene ausgehandelten Rahmenverträge mit Leben gefüllt und umgesetzt. Dies macht ein starkes regionales Netz so notwendig.“ Die Bundesverbände, so der Rat von Siegfried Oeter, BDD-Geschäftsstellenleiter aus Potsdam, sollten nicht versuchen, zentralgesteuert eine große Linie vorzugeben, sondern die bereits vorhandenen regionalen Strukturen zu nutzen.
Als „Know-how“-Austausch kann man die Arbeitsgrundlage bezeichnen, auf der sich die Bundes- und die Regionenebene treffen. Die drei auf Bundesebene tätigen Verbände informieren über politischen Rahmenbedingungen; die Umsetzung kann dann, sofern angebracht, schließlich auf der regionalen Ebene erfolgen.

Bessere Kommunikation
Im Mittelpunkt der 4. Regionalkonferenz stand das Bemühen, die Kommunikation zwischen Bund und Regionen untereinander zu verbessern. Eine Maßnahme: das Internet. Auf der Homepage des BVND findet sich seit Ende Januar das Kapitel „Regionalverbände“. Mittels eines Passwortes gelangt der Nutzer schnell an die relevanten Bausteine des Wissens. In diesem geschlossenen Bereich besteht zum Beispiel die Möglichkeit, seine Informationen schnell über E-Mail zu verbreiten. Der BVND hat einen Mail-Verteiler eingerichtet, der es ermöglicht, in einem einzigen Schreibvorgang beliebig viele Teilnehmer zu erreichen. Zentraler Bestandteil ist die Download-Möglichkeit von aktuellen Berichten und Dokumenten. Die Nutzer können außerdem selbst Texte, Dokumente und so weiter auf den Server aufspielen und somit Dritten schnell zugänglich zu machen. Als eine weitere Form des Austausches besteht ein Diskussionsforum, der so genannte Chatroom.
Auf der Regionalkonferenz in Frankfurt am Main ging es auch inhaltlich zur Sache. Wenig Positives aus Sicht der Diabetologen hatte Dr. med. Richard Daikeler in Sachen EBM 2000 plus zu berichten. Besonders ärgerlich: Die chirurgischen Ziffern können von Diabetologen nicht mehr genutzt werden, da sie künftig allein den Chirurgen vorbehalten bleiben. Problematisch werde dies beim diabetischen Fuß, so Daikeler. Ein Lichtblick: Ein fachärztlicher Internist ohne Schwerpunkt kann sich zuordnen lassen. Und der Wermutstropfen wird gleich nachgeschenkt: Ziffern der Dermatologen sind in diesem Falle nicht anrechenbar – darunter die Fußfräse. Kusterer, im Vorstand des BVND für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, berichtete, er finanziere seine Diabetologische Schwerpunktpraxis derzeit über die Endokrinologie – ein Weg, der in Zukunft nicht mehr gangbar sein wird.
Aktionen bündeln
Daikeler stellte klar, dass die Schwerpunktpraxen sich nicht dauerhaft über das DMP Typ 2 finanzieren könnten. Nicht allein deshalb sei es Zeit, das DMP Typ 1 umzusetzen. Die Qualifikation der Schwerpunktpraxen sieht das BVND-Vorstandsmitglied in der Betreuung von Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1, Schwangeren, Pumpeneinstellungen und in der Behandlung von Spätkomplikationen, insbesondere im Diabetischen Fuß. Die Honorierung, wie sie für das DMP Typ 2 geleistet wird – 35 € pro Quartal ohne Schulung zuzüglich 50 € für die Neueinstellung von Patienten inklusive der Bezahlung der Beraterinnen etc. – ist für die aufwendige Beratungstätigkeit bei einer Neumanifestation eines Patienten mit Typ 1 zu wenig. Dr. med. Eva-Maria Fach, Vorsitzende des BVND, betonte die Chance, die im DMP 1 liege: „Pro Bundesland gibt es rund 20.000 Patienten – da haben wir sicherlich genug zu tun.“
Einen Blick zurück warf der zweite Vorsitzende des BVDK, PD Dr. med. Rainer Lundershausen, um zu begründen, warum starke Bundesverbände notwendig sind. Weil eine Umfrage in den 90er Jahren unter Mitgliedern der Deutschen Diabetologischen Gesellschaft (DDG) nur ausreichende bis ungenügende Noten in Sachen Berufspolitik, PR und Nachwuchsförderung ergab und sich eine große Mehrheit für die Eigenständigkeit eines Berufsverbandes aussprach, kam es 1996 zur Gründung des BDD. Aus den beiden Sektionen des BDD für Klinikärzte und Niedergelassene wurden schließlich zwei selbstständige Verbände, die sich unter dem Dach des BDD zusammenfanden.
Lundershausen beschrieb die Arbeitsteilung zwischen der DDG und dem BDD folgendermaßen: „Die Fachgesellschaft definiert die Ziele, der BDD setzt diese um.“ Aus Sicht der Kliniken spreche die Förderung der Berufspolitik, der Überzeugungsarbeit bei Kostenträgern und die Mitgestaltung der Vertragslandschaft (DMPs und Integrierte Versorgung) für einen Berufsverband. Kontraindikationen seien dagegen in gewisser Weise die Existenz der Fachgesellschaft und die heterogenen Ziele der einzelnen Kliniken. Der BVDK-Vorsitzende Prof. Dr. med. Thomas Haak sprach sich auch dafür aus, jetzt die Aktionen zwischen den drei Verbänden zu bündeln und die Zusammenarbeit zu schärfen: „Die Zeit der Findung ist abgeschlossen.“ Als mögliches Ziel formulierte Lundershausen, den Verband der Klinikträger (BVKD) unter das Dach des BDD zu holen.
Diabetologen als Dienstleister
Für eine völlige Neuorientierung der Diabetologen an Kliniken sprach sich der BVDK-Schatzmeister PD Dr. med. Erhard Siegel aus. Er formulierte in Frankfurt die berufspolitischen Ziele der Kliniker: „Diabetologen in Kliniken sollen sich als Dienstleister verstehen. Rund ein Drittel der Patienten dort hat Diabetes. Dies bedeutet, die diabetologische Betreuung trägt zur Reduktion des Klinikaufenthalts bei und ein gut eingestellter Blutzuckerwert verringert Komplikationen. Dies muss den Kliniken die Einrichtung eigener Abteilungen mit Diabetologen als Chefärzten an der Spitze wert sein.“
Siegel trat für ein langfristiges Ziel ein, der Integration der Diabetologen in der Weiterbildungsordnung: „Gelingt diese nicht, werden wir von den Kardiologen geschluckt.“ Die Herausforderung bestehe überdies in der effektiven Umsetzung von Modellen zur Integrierten Versorgung, dem DMP-Typ 1 Diabetes mellitus (Integrationsmodell) und dem DFS (Sektor übergreifende Versorgung). Als mittelfristiges Ziel sieht Siegel die einheitliche Definition der dritten Versorgungsebene in Deutschland im Rahmen von DMPs. Zwischen den Klinikern und den Niedergelassenen sieht der Arzt eine weitere Gemeinsamkeit: „Krankenhäuser sind jetzt auch existenziell betroffen – und haben sich darin den Niedergelassenen angenähert.“
Der stellvertretende Vorsitzende des BVND, Daikeler, formulierte Gründe, warum aus Sicht der Niedergelassenen ein starker Bundesverband notwendig ist. Der Bundesverband werde ein lautstarker Vertreter diabetologischer Interessen in der Öffentlichkeit sein, meinte Daikeler. Denn: „Wir müssen trommeln, da wir keine anerkannte Facharztgruppe sind, kein spezifisches diabetologisches Leistungsspektrum haben, was zu Konkurrenz mit anderen Fachgruppen führt, von den klassischen Ärzteverbänden nicht vertreten werden und sehen müssen, wie wir unsere hohen Kosten wieder einspielen.“
In seiner Formulierung der berufspolitischen Ziele für den BVND betonte Kusterer: „Der Verband muss der Vertragspartner der Kassen werden. Die Geldmittel aus den Töpfen der Kassenärztlichen Vereinigungen werden immer knapper. Daher heißt für die Zukunft: Direktverträge mit den Kassen. Die Diabetologen sind eine kleine, nicht ausdefinierte Fachgruppe. Die KVen sind die Vertreter der Großfachgruppen, haben in der Vergangenheit und werden in der Zukunft bei knappen Resourcen noch weniger die Interessen der Diabetologen vertreten, sie sind daher leider unsere Kontrahenten von morgen. Wenn wir uns dauerhaft behaupten wollen, müssen wir die Versorgungsqualität sichern. Stimmt diese nicht, werden wir nicht wahrgenommen.“
Die BVND-Vorsitzende Fach unterstrich denn auch, dass durch eine diabetologische Qualitätssicherung „Trittbrettfahrer schnell aus dem System fallen.“ Der BVND arbeite an der bundesweiten Herstellung einheitlicher Versorgungsstrukturen, um die Existenz und die Planungssicherheit herzustellen. Auch gegenüber dem Gesetzgeber müsse Flagge gezeigt werden: „SGB V fordert der Gesetzgeber zwar die beste Versorgung, stellt diese aber in Frage, wenn er gleichzeitig die Handlungsfähigkeit des Arztes etwa über Off-Label-Use und Festbeträge einschränkt.“ Auch Kusterer plädierte für die Facharztanerkennung mit dem Schwerpunkt Diabetologie in der Weiterbildung.
Die 4. Regionalkonferenz in Frankfurt zeigte deutlich, welche gewaltigen Probleme auf dem Tisch liegen. Dies macht einen starken Lobbyismus im Bündnis aus Klinikern und Niedergelassenen in Sachen Diabetologie vom Bund und von der Basis – den Regionen – dringlicher denn je notwendig.

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