Sport und Diabetes

Sport und Diabetes

Dabei sein ist alles
Das Highlight des 3. Münchner Workshops Sport bei Diabetes war die Vorstellung der 1-Jahres-Daten der Evaluation des DiSko-Projekts.
Die Kulisse des 3. Münchner Workshops Sport bei Diabetes war passend und irreführend zugleich: Die Aula der Fakultät Sportwissenschaft der TU München liegt mitten in einer Ikone des Sports, dem Olympiapark, Blick auf das Olympiastadion von 1972 inklusive. Um olympische Höchstleistungen ging es jedoch gar nicht, auch wenn man unter den Typ-1-Diabetikern auch Olympiasieger wie den Schwimmer Gary Hall findet.
Während hier die Fragen nach den richtigen Insulindosen beim Sport im Vordergrund stehen, sorgen sich die Ärzte bei Menschen mit Typ-2-Diabetes um eine vermeintlich viel einfachere Frage: Wie Diabetiker zum Sport kommen. Aus dieser Frage entstand auch das Akronym des DiSko-Projekts, das sich seit 2002 um Wege bemüht, nachhaltig mehr Bewegung im Alltag der Patienten zu verankern.
Denn um die große Diabetes-Pandemie aufzuhalten, braucht es gar nicht olympischer Rekorde, sondern, so der verblüffend einfache Ansatz, einmal am Tag einen halbstündigen Spaziergang. Auf dem Münchner Workshop wurden nun die Ergebnisse der Evaluierung des DiSko-Projekts anhand einer einjährigen kontrollierten Studie vorgestellt, an der insgesamt 92 nicht-insulinipflichtige Diabetiker teilgenommen haben.
Aktivität und Leistungsfähigkeit erhöht
Am Anfang des DiSko-Projekts stand die Erkenntnis, dass in der am meisten praktizierten Diabetes-Schulung, der ZI-Schulung, Bewegung ebenso nur eine Randbedeutung hat wie in der Diabetestherapie allgemein und eben auch bei den Patienten. Durch ein zusätzliches, 90-minütiges Modul mit erlebnispädagogischem Ansatz soll diese Lücke gefüllt werden und ein erster Anstoß zur Verhaltensänderung in Richtung mehr Bewegung gegeben werden.
"Das ist kein Bewegungsprogramm, sondern eine Initialzündung!", stellte Mitinitiator Dr. med. Wolf-Rüdiger Klare in München klar. Die 90 Minuten sind aufgeteilt in die Vermittlung von Hintergrundwissen, einen halbstündigen Spaziergang mit Blutzucker- und Herzschlagfrequenz-Messung und danach Empfehlungen für Alltagsaktivitäten – mehr nicht!
Die Therapieziele dieser Zusatzschulung waren ambitioniert, Steigerung der körperlichen Aktivität, Teilnahme an gezielter Sporttherapie, Verbesserung des KHK-Risikoprofils (Risiko für eine koronare Herzerkrankung), des BMI (body mass index) und der waist hip ratio (Taille-Hüft-Verhältnis) sowie eine Steigerung der Leistungsfähigkeit und Verbesserung der Lebensqualität.
"Kann man das durch DiSko schaffen?", fragte auch Dr. phil. Monika Siegrist, die die Evaluationsergebnisse in München vorstellte, mit leichter Ehrfurcht. Man kann, zumindest in Teilen: Die DiSko-Gruppe war verglichen mit Menschen, die nur eine normale ZI-Schulung (Schulungsprogramm des Zentral Instituts der Kassenärztlichen Vereinigung) erhalten hatten, signifikant körperlich aktiver, vor allem im Basis- und Freizeitbereich, gemessen mit dem Freiburger Aktivitätsfragebogen.
Eine vermehrte Teilnahme am organisierten Sport von Vereinen oder Fitnessstudios war dagegen nicht zu beobachten. Die DiSko-Teilnehmer waren deutlich leistungsfähiger, die Gehleistung im Sechs-Minuten-Gehtest war um 50 ± 119 Meter besser. Gewicht und BMI sanken signifikant, auch wenn es, so Siegrist, keinen spektakulären Gewichtsverlust gegeben habe, sondern einen kontinuierlichen leichten Rückgang um am Ende 1,5 Kilo.
Die metabolischen Parameter wie HbA1c und Lipidprofil wiesen keine wesentlichen Änderungen auf, die Nahrungsaufnahme wurde jedoch auch nicht kontrolliert, so dass es die Möglichkeit gibt, dass sich die Teilnehmer nach der Aktivität eine Belohnung gönnten. Auch nach einem Jahr noch, das ist die erfreuliche Schlussfolgerung der Evaluation, konnte das wesentliche Ziel der Schulung, die Zunahme der körperlichen Aktivität, erreicht werden.

Missverhältnis im Arsenal
Warum es Programme wie DiSko als Motivation zur Bewegungssteigerung gibt, führte Dr. med. Peter Zimmer aus Ingolstadt auf der Veranstaltung aus. Der Vorsitzende der Initiativgruppe Diabetes und Sport diagnostizierte das Missverhältnis, das zwischen dem theoretischen Arsenal gegen die Komponenten des Typ 2 Diabetes und der praktischen Umsetzung herrscht. Bewegungssteigerung und Ernährungsumstellung seien in der Theorie die beiden wichtigsten Pfeiler, erst dahinter käme die medikamentöse Therapie.
In den Empfehlungen der amerikanischen ADA sind 30 und mehr Minuten moderate Bewegung möglichst an jedem Tag der Woche unter den Zielen der Diabtestherapie genannt. In der NHANES-Studie von 1999 bis 2002 gehörte dieses Ziel zusammen mit dem HDL und dem Anteil von Ballaststoffen in der Nahrung zu denen, die von den wenigsten erreicht wurden.
Das tatsächliche Arsenal gegen den Diabetes, schlussfolgerte Zimmer, bestünde eben hauptsächlich aus Medikamenten und kaum aus Bewegungsmotivation. "Es gibt genug Literaturstellen", zur positiven Wirkung von Bewegung, fügte er hinzu, zum Beispiel aus der italienischen Arbeitsgruppe um Loretto, die die Wirkung von vier Kilometern schnellem Gehen pro Tag über zwei Jahre untersuchte und unter anderem ein Minus von 0,6 % beim HbA1c und eine 40-prozentige Kostenreduktion für das italienische Gesundheitssystem fand. Auch die Steno2-Studie, oft Kronzeugin des Erfolgs der vor allem medikamentös intensivierten Diabetes-Therapie, beinhaltet im Interventionsarm drei bis fünf Mal pro Woche mindestens 30 Minuten mäßige körperliche Aktivität, betonte Zimmer.