Schwangerschaft und Typ-2-Diabetes mellitus

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Schwangerschaft und Typ-2-Diabetes mellitus – Eine neue Herausforderung

Dr. med. Helmut Kleinwechter aus Kiel, Sprecher der AG Diabetes und Schwangerschaft der DDG, lädt zur Unterstützung einer Studie über Schwangerschaften von Typ-2-Diabetikerinnen ein.

Über Diabetes und Schwangerschaft ist in den letzten Jahren viel berichtet worden. Die erfolgreiche Betreuung einer Schwangeren mit Typ-1 Diabetes mellitus gilt als Meisterprüfung jedes frisch gebackenen Diabetologen DDG, rechtzeitiges Screening und Diagnostik eines Gestationsdiabetes ist für Frauen- und Diabetesärzte zur Verpflichtung geworden. Und – man wird den Verdacht nicht los, dass sich hinter so manchem Gestationsdiabetes in Wirklichkeit ein unerkannter Typ-2-Diabetes mellitus verbirgt, der einfach wegklassifiziert wird.

Die Perinatalstatistiken der Bundesländer erfassen den präkonzeptionell bekannten Diabetes und den Gestationsdiabetes – präkonzeptionell findet aber keine Unterscheidung in Typ-1- oder Typ-2-Diabetes statt. Das ist gefährlich! Es gibt Erkenntnisse, dass in den entwickelten Ländern schon seit einigen Jahren mehr Frauen mit Typ-2-Diabetes Kinder bekommen als mit Typ-1-Diabetes, zu diesen Ländern zählen auch die USA und Australien. In den Industrienationen zeigt sich folgender Trend: Frauen legen zunehmend Schwangerschaft und Geburt an das Ende ihrer reproduktiven Phase, obwohl im vierten und fünften Lebensjahrzehnt die Fertilität ab- und die Aborthäufigkeit zunimmt. Frauen, die älter sind als 30 Jahre, wenn sie sich ein Kind wünschen, sind häufiger als jüngere übergewichtig oder adipös und haben eine Glukosetoleranzstörung oder bereits einen manifesten Typ-2-Diabetes. Auf diese Weise treffen späte Schwangerschaft und frühe diabetische Stoffwechsellage zusammen. Perinatale Mortalität bei Kindern von Typ-2-Diabetikerinnen gestiegen Frauen mit Typ-2-Diabetes erhalten Diät, orale Antidiabetika oder Insulin, Antihypertensiva, Lipidsenker. Zunehmend werden Migrantinnen mit höheren Diabeteshäufigkeiten in ihrer Ursprungsbevölkerung am neuen Wohnort in Kiel oder Gelsenkirchen schwanger, sie sprechen und verstehen kaum deutsch, sind verschüchtert und zurückhaltend. Andererseits wollen und sollen sie mehr als 1,4 Kinder im Durchschnitt haben als derzeit in Deutschland registriert. Von präkonzeptioneller Beratung, HbA1c-Absenkung, Folsäureeinnahme, diabetologischer Mitbetreuung haben sie nichts mitbekommen. Die adäquate Reaktion des Hausarztes oder Gynäkologen auf die Schwangerschaftsdiagnose ist – wie bei hiesig geborenen Schwangeren auch – eher zufällig, denn ohne Insulin heißt: „Das kann nicht so problematisch sein.“

Die Realität spricht dagegen. In einer Analyse von Tine Clausen, Elisabeth Mathiesen und Mitarbeitern aus Dänemark, die 2005 in „Diabetes Care“ veröffentlicht wurde, steht: „Perinatale Mortalität und große Fehlbildungen haben bei den Kindern von Frauen mit Typ-2-Diabetes über den beobachteten Zeitraum von 1982-1990 im Vergleich zu 1996-2001 zugenommen und das Schwangerschaftsergebnis war äußerst unbefriedigend. Die perinatale Mortalität war im Vergleich zu Frauen mit Typ-1-Diabetes oder Frauen in der Normalbevölkerung vier- bis neunfach gesteigert und die Rate an großen Fehlbildungen lag mit 6,75 Prozent mehr als doppelt so hoch. Der Anteil von Migrantinnen (Nicht-Kaukasierinnen) hatte mit der Zeit zugenommen.“

In Deutschland wird eine große Diabetes-Schwerpunktpraxis oder Poliklinik nicht mehr als ein bis drei Schwangere mit Typ-2-Diabetes pro Jahr sehen. Eine Herausforderung ist es deshalb für die nahe Zukunft, die Sensibilität für diese vergessenen Frauen schon bei (vermutetem) Kinderwunsch zu fördern, Erkenntnisse über die Resultate von Schwangerschaften bei Typ-2-Diabetes zu sammeln, die Behandlung und Betreuung über Leitlinien zu standardisieren und bedarfsweise an bestimmten Orten zu zentralisieren. Hierzu soll die Multicenterstudie „Diabetes mellitus Typ 2 und Schwangerschaft“ beitragen. Bitte nehmen Sie mit Ihren Schwangeren teil und melden sich schon jetzt unter www.dm2s.de an.

Weitere Informationen über

Dr. med. Helmut Kleinwechter
Sprecher der AG Diabetes und Schwangerschaft der DDG
Diabetes-Schwerpunktpraxis und Schulungszentrum
Alter Markt 11, 24103 Kiel
praxis.kleinwechter.demandt@t-online.de