Perspektiven ungeschminkt

Gesundheitsreform: Die Perspektive – ungeschminkt

Das Gesundheitssystem ist nur auf der Basis von definierten Grundleistungen und mehr finanzieller Eigenverantwortung des Versicherten neu aufzustellen, so Prof. Fritz Beske, der Namensgeber des renommierten Kieler Fritz-Beske-Instituts.

Einschränkungen beim Leistungskatalog und vermehrt Zuzahlungen durch die Patienten, das sind die Instrumente in Verbindung mit der Bestandsgarantie des freiberuflichen Arztes, mit denen das deutsche Gesundheitswesen in Zukunft in seiner gegenwärtigen Form erhalten werden kann. Damit ließe sich das ausgewogene System aus Klinik und freier Praxis am besten stabilisieren – und dies ist, so Prof. Fritz Beske während eines Vortrags vor der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, auch das Beste für den Patienten. Ein internationaler Vergleich belegt: Ein unmittelbarer Arztzugang – auch weil sich keine Wartelisten in großem Stil aufbauen – ist in Verbindung mit einer hohen Qualität der medizinischen Versorgung nur in Deutschland gegeben.

Umlageverfahren sind Murks

Die Finanzierungsfrage lässt sich nicht über ein wie auch immer benanntes Umlageverfahren – beides sind Bürgerversicherung und Gesundheitsprämie – lösen, denn: „Im gleichen Jahr, in dem die Ausgaben entstehen, müssen die Einnahmen aufgebracht werden, und dies bedeutet eben auch, dass wir jährlich oder alle zwei oder drei Jahre die gleiche Diskussion führen werden, wie wir sie heute führen: »Wie können wir steigende Kosten finanzieren, wie können wir mit begrenzten Mitteln die Bevölkerung auch weiterhin versorgen«.“

Finger weg von Steuererhöhungen

Auch der Einsatz von Steuermitteln bringe keine Entlastung – im Gegenteil. Länder mit einem hohen steuerfinanzierten Anteil, also einer hohen Staatsquote, verfügen über ausufernde Wartelisten – und dies auch, weil hier die Neigung groß ist, den freien Arztberuf einzuschränken. Bislang sei der verstärkte Einsatz von Steuermitteln aber weniger an ideologischen Barrieren gescheitert, sondern eher am fiskalischen Denken der Politiker aller Couleur. Sie bringen es, so Beske, einfach nicht zustande, Teile der Steuermittel gezielt nur für einen Bereich – etwa für das Gesundheitssystem – einzusetzen. So kamen 4,2 Mrd. Euro aus der Tabaksteuererhöhung nie im System an. Auch die Hoffnung auf einen Kapitalstock analog zur privaten Krankenversicherung nannte Beske unrealistisch: Für rund 80 Mrd. habe die PKV Jahrzehnte gebraucht. Im System der gesetzlichen Krankenversicherung seien dagegen 660 Mrd. Euro notwendig: „Das rechnet sich nicht in Jahrzehnten, sondern in der Dimension von Jahrhunderten“, so Beske.

Demographischer Faktor: vier Prozentpunkte …

Beske rechnete vor, welche Steigerungsrate allein der demographische Faktor ausmachen wird: Ein 40-Jähriger etwa 1.100,- €, ein 75-Jähriger etwa 4.200,- €, ein 90-Jähriger 600,- €. Jetzt braucht man nur die Daten des Statistischen Bundesamtes in der Prognose bis zum Jahre 2050 zu nehmen und man kann hochrechnen. Dies würde bedeuten, dass im Jahre 2050 ein Beitragssatz von 18% erforderlich wäre.

… plus medizinischer Fortschritt: Beitragssatz von 42 Prozent

„Wir wissen es nicht, aber wir nehmen einmal an, dass die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung jährlich um 1% steigen bedingt durch den medizinischen Fortschritt. Wenn man das, und das ist eine sehr moderate Annahme über die Kosten des medizinischen Fortschritts, der Prognose der Bevölkerung zu Grunde legt, dann würde im Jahre 2050 der Beitragssatz 28% betragen, legt man 2% zu Grunde, keine absolut unrealistische Annahme, steigt der Beitragssatz auf 42%.“ Die Politik hat sich bereits über diese Zahlen aufgeregt – doch den Beweis des Gegenteils ist sie bis heute schuldig geblieben.