Insulinstaub in der Lunge

Welchen Nutzen hat einatembares Insulin?
Insulinstaub in der Lunge

Seit 15. Mai 2006 können Ärzte Exubera verordnen, ein Insulin zum Einatmen, das Diabetikern mit Spritzenangst den Einstieg in die Insulintherapie erleichtern soll.
Kritische Stimmen sehen mehr Probleme als Nutzen durch die Innovation.

Das erste inhalative Insulin wirkt etwas schneller als subkutanes Normalinsulin und erzielt eine vergleichbare Blutzuckerkontrolle. Der Hauptvorteil dürfte für eine begrenzte Anzahl Patienten der höhere Behandlungskomfort (Vgl. News und Kommentar v. 21.3.2006: Erstes inhalatives Insulin zugelassen). Großen Hoffnungen in das neue Insulin seitens der Hersteller und vieler Patienten stehen schon lange ebenso große Vorbehalte mancher Experten gegenüber.
Kein Nutzen von der Insulinwolke zum Einatmen?
Zuerst zögerte die amerikanische FDA lange mit der Zulassung. Nun hat das britische National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) den Einsatz von inhalativen Insulinen für den staatlichen Gesundheitsdienst (NHS) und Wales vorerst abgelehnt. Anders als die europäische Arzneimittelagentur (EMEA), die das Mittel zugelassen hat, bewertet die NICE auch die Kosten-Effektivität. Daher ähneln die Kontra-Argumente der Briten weitgehend denen des deutschen Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Das IQWiG hat mit der Markteinführung von Exubera einen Kurzbericht („Rapid Report“) mit folgenden Kernpunkten der Kritik veröffentlicht:

  1. Keine gesundheitlichen Vorteile: Der Patient darf keine bessere Blutzuckereinstellung gegenüber herkömmlichem Insulin zur Injektion erwarten. Die vorliegenden Studien geben sogar Hinweise auf Nachteile wie zum Beispiel häufigere schwere Unterzuckerungen.
  2. Begrenzte Zielgruppe: Exubera ist ein kurzwirksames Insulin. Damit bietet es eine Alternative nur für die begrenzte Zahl von Typ-2- Diabetikern, die anfangs mit prandialem Insulin auskommen. Weder Typ-1- oder Typ-2-Diabetiker unter intensivierter Insulintherapie (Basis plus Bolus), noch Typ-2-Diabetiker unter Kombinationsinsulin werden auf das Spritzen von Insulin verzichten können.
  3. Piksen bleibt: Kein insulinpflichtiger Diabetiker wird auf das Piksen zur Blutzuckerkontrolle verzichten können – oftmals als lästiger empfunden als das Spritzen.
  4. Umständlicher als Spritzen: Eine generelle Überlegenheit hinsichtlich Lebensqualität und Therapiezufriedenheit ist aus den Studien des Herstellers nicht abzuleiten. Die nur teilweise veröffentlichten, amerikanischen Ergebnisse stammen vorwiegend aus Vergleichen von inhalativem Insulin mit herkömmlichen Spritzen, die hierzulande kaum mehr benutzt werden. Die bei uns dominierenden Insulinpens sind in der Anwendung komfortabel und diskreter anwendbar als der größere, schwerere Insulininhalator.
  5. Unbekannte Risiken: Langzeitrisiken des Einatmens von „Insulinstaub“, namentlich die Verschlechterung der Lungenfunktion und die Bildung von Antikörpern, sind völlig ungeklärt.
  6. Als möglichen Vorteil sieht man, dass Exubera bestimmten Diabetikern den Einstieg in die Insulintherapie erleichtert – was allerdings ebenfalls nicht belegt wurde.

Der Preis dafür ist dreimal so hoch wie bei Normalinsulin.