Inkretin-Mimetika

Dr. John Eng stellte 1992 fest, dass das Hormon Exendin-4, das er im Speichel des Gila Lizard entdeckte, die gleiche Wirkung hat wie das menschliche Darmhormon GLP-1 (Glukagon-Like-Peptide). „Es steuert die Insulinproduktion im Körper ganz eigenständig und je nach Bedarf und wird nur dann aktiv, wenn der Blutzuckerspiegel erhöht ist“, erläutert Privatdozent Dr. Oliver Schnell vom Institut für Diabetesforschung in München. Diese Erkenntnisse führen dazu, dass neben oralen Diabetesmedikamenten und Insulinen künftig auch Darmhormone (Inkretine) in der Diabetes-Therapie eine wichtige Rolle spielen werden. Exendin-4 ist der erste Vertreter einer neuen Wirkstoffklasse: der Inkretin-Mimetika. Im ursprünglichen Sinn bezeichnet man mit dem griechischen Wort „Mimese“ die nachahmende Darstellung der Natur oder des Charakters einer Person. Unter Inkretin-Mimetika versteht man demnach Substanzen, die die Wirkung von Inkretinen imitieren.

Inkretin-Mimetika denken mit

Inkretin-Mimetika haben für Menschen mit Diabetes Vorteile, die bislang keine anderen Diabetesmedikamente bieten konnten. Sie kurbeln die Insulinproduktion nur dann an, wenn der Blutzucker erhöht ist. Bei einem niedrigen Blutzuckerspiegel bleibt die Stimulation der Insulinausschüttung aus. Inkretin-Mimetika verzögern einerseits die Magenentleerung, andererseits hemmen sie den Appetit. Darüber hinaus kann die neue Wirkstoffklasse zur Gewichtsreduktion beitragen, die bei Menschen mit Typ-2-Diabetes oft nötig wird. Studien zeigten, dass Patienten unter Gabe von Exenatide mit oralen Antidiabetika innerhalb von 30 Wochen zwischen 1,6 und 2,8 Kilogramm abnahmen(1).
„Bei den Inkretin-Mimetika handelt es sich um eine innovative Wirkstoffklasse, deren zentraler Vorteil darin besteht, dass es die Insulinproduktion streng vom Blutzucker abhängig ankurbelt. Praktisch bedeutet das, dass es die Hypoglykämierate senkt“, erläutert Professor Dr. med. Michael Nauck, Leiter der Fachklinik für Diabetes und Stoffwechselkrankheiten Bad Lauterberg, der maßgeblich an der weltweiten Forschung der Inkretin-Mimetika beteiligt ist.

Wirkung auch auf die insulinproduzierenden Zellen

In Tierversuchen konnte bereits gezeigt werden, dass Inkretin-Mimetika die insulinproduzierenden Zellen, die sogenannten Beta-Zellen, regenerieren, die Beta-Zellmasse erhöhen und die Neubildung von Beta-Zellen fördern. Wenn sich diese Beobachtungen bestätigen, wären Inkretin-Mimetika eine neue Wirkstoffklasse, die den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen kann (2).

Das Inkretin-Mimetikum Exenatide

Exenatide – synthetisch hergestelltes Exendin-4 – ist der Vertreter der neuen Substanzklasse der Inkretin-Mimetika. Es bietet neue therapeutische Optionen für Menschen mit Typ-2-Diabetes. Der verschreibungspflichtige Wirkstoff ist seit Ende April in den USA zugelassen. Er wurde von Eli Lilly and Company in Zusammenarbeit mit Amylin Pharmaceuticals Inc. entwickelt. In Deutschland werden die Zulassungsunterlagen im Jahr 2006 bei der EU-Behörde eingereicht.

Diabetes – eine globale Epidemie

Sechs bis acht Millionen Deutsche leiden an Diabetes. Rund 350.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich neu an der Stoffwechselkrankheit. Da die Erkrankung häufig über Jahre hinweg unerkannt bleibt, wird vermutet, dass die Dunkelziffer der nicht diagnostizierten Diabeteserkrankungen fast genauso hoch ist wie die Zahl der diagnostizierten Erkrankungen (3). Bei dieser Krankheit hat der Körper die Fähigkeit verloren, den Blutzuckerspiegel zu kontrollieren. Bei Typ-2-Diabetes produzieren die Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse das Insulin nicht mehr bedarfsgerecht. Der Blutzucker ist dann erhöht und kann nicht mehr richtig reguliert werden. Typ-2-Diabetes entsteht meistens schleichend und aus einem Zusammenspiel vieler Faktoren. Genetik, Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen als Folge von Bewegungsmangel und falscher Ernährung sind besonders wichtige Risikofaktoren bei seiner Entstehung. Trotz zahlreicher Behandlungsmöglichkeiten können viele Patienten, das Therapieziel für Blutzuckerwerte nicht erreichen. Dies führt zu verheerenden Folgekomplikationen, die eine kostenaufwendige Therapie verlangen.

Literatur

  1. Buse J. et al., Diabetes Care 2004 (Vol 27, No 11): 2628-2635 DeFronzo R. et al.; Diabetes Care 2005 (Vol 28, No 5): 1092 – 1100 Kendall D. et al.; Diabetes Care 2005 (Vol 28, No 5): 1083-1091
  2. DJ. Curr Pharm Des 2001; 7:1399-1412, Drucker DJ. Mol Endocrinol 2003; 17:161-171
  3. Rathmann et al., Diabetologia 2003 (46): 182-189