Adipositas bei Männern und Frauen

Adipositas – Unterschiede besser verstehen

22. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft

Mehr Frauen als Männer sind derzeit adipös, und Frauen leiden besonders häufig unter extremer Fettleibigkeit. Die an der Regulation des Körpergewichts beteiligten Faktoren sind komplex: Neben Bewegungsmangel, Essgewohnheiten und verschiedenen psychosozialen Einflüssen sind, wie biomedizinische Untersuchungen zeigen, genetische Faktoren wesentlich an der Regulation des Körpergewichts beteiligt, resümiert die Marburger Nachwuchsforschergruppe „Psychosoziale, ethische und rechtliche Konsequenzen genetischer Befunde bei Adipositas“ auf ihren Internetseiten. Zwillings-, Familien- und Adoptionsstudien zeigten, dass etwa 30-70% des Körpergewichts genetisch bedingt sind. Die molekulargenetische Forschung weise darauf hin, dass es Formen der Adipositas gibt, die auf Veränderungen nur einer einzigen Erbanlage beruhen (z.B. Mutationen im Melanocortin-4-Rezeptor-Gen), die allerdings selten auftreten. Weitaus häufiger resultiere die Adipositas aus dem Zusammenspiel mehrerer Erbanlagen. Es lägen Hinweise darauf vor, dass mehr als 100 Erbanlagen hierbei von Bedeutung sind.

Vermehrte gesellschaftliche Abwertung

Aber genetische Faktoren allein können eben nicht das gesamte Ausmaß der Adipositas erklären. Die Leiterin der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Nachwuchsforschergruppe an der Philipps-Universität Marburg, Dr. rer. nat. Anja Hilbert, berichtete während der Adipositas-Tagung in Köln davon, dass derzeit mehr Frauen als Männer adipös sind, und Frauen besonders häufig unter extremer Fettleibigkeit leiden. Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede sind laut Hilbert vermutlich auf eine Vielzahl biologischer, psychologischer und sozialer Einflüsse zurückzuführen, darunter Veränderungen der Geschlechtshormone im weiblichen Fruchtbarkeitszyklus, geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf die Nahrungsbereitstellung oder Unterschiede im Erwerbseinkommen.

Auch die mit Adipositas einhergehenden medizinischen sowie psychologischen Folgeprobleme wiesen Geschlechterunterschiede auf: Frauen berichten mit steigendem Körpergewicht beispielsweise über mehr Depressivität und Figursorgen, über ein niedrigeres Selbstwertgefühl und eine geringere Lebensqualität als Männer. Dies könne darauf zurückzuführen sein, dass Frauen einen größeren Schlankheitsdruck und eine vermehrte gesellschaftliche Abwertung aufgrund ihres Übergewichts empfinden – das so genannte „Adipositas-Stigma“. „Es ist wichtig, in Beratung und Therapie zu berücksichtigen, dass fettleibige Frauen unter einer erhöhten psychischen Belastung stehen können, wobei jedoch zugleich festzuhalten ist, dass die meisten fettleibigen Menschen nicht unter psychischen Auffälligkeiten leiden“, so Hilbert.

Um die Gesundheit der Betroffenen zu fördern und Diagnostik, Prävention und Therapie spezifischer zu gestalten, sollten Geschlechterunterschiede bei Fettleibigkeit insgesamt stärker berücksichtigt werden. Notwendig sei außerdem weitere geschlechtspezifische Forschung.

Weitere Informationen über das Forschungsprojekt erhalten Sie unter: www.uni-marburg.de/nfg-adipositas