Unkonventionelle Diabetes-Therapien

Bittermelone, Zimt & Co
Unkonventionelle Diabetes-Therapien

Nicht wenige Diabetiker greifen eigenständig zu unkonventionellen Therapien mit Naturstoffen. Aber wie sicher, wie wirksam sind diese nicht als Arzneimittel zugelassenen Produkte?
Der Blutspiegel schwankt stark. Der Stoffwechsel läuft aus dem Ruder. Neue Tabletten will man nicht probieren. Was tun? Bei unzureichendem Therapieerfolg probieren viele Diabetiker Mittel wie Zimt, Chrom, Bittermelone, Kaffee, um die „konventionelle“ Behandlung zu unterstützen. Was bezüglich Wirksamkeit und Unbedenklichkeit dieser unterstützenden Therapeutika bekannt ist, fasste der Pharmakologe Prof. Ingo Rustenbeck aus Braunschweig auf einer Apotheker-Fortbildung zusammen.
Zimt in aller Munde
Zimt ist die gemahlene Rinde von Cinnamomum verum bzw. C. cassia. Bei einem Screening von Naturstoffen entdeckte man in den 80er Jahren, dass Zimtextrakte die Wirkung von Insulin verstärken. Im Jahr 2003 wurde eine kontrollierte, randomisierte (mit bewusst zufälliger Zuordnung eines Studienteilnehmers zu Wirkstoff- oder Plazebogruppe) Studie mit Zimt als Antidiabetikum durchgeführt, die Aufsehen erregte (Khan et al., Diabetes Care 26:3215-8, 2003).
60 Diabetiker nahmen teil, die trotz Sulfonylharnstoff-Therapie überhöhte Nüchternglukosewerte aufwiesen (um 220 mg/dl /12,5 mmol/l). 30 von ihnen erhielten zusätzlich zu dem Antidiabetikum 1, 3, oder 6 g Zimt pro Tag, 30 Patienten bekamen Plazebokapseln. Nach 40 Tagen hatten die verschiedenen Zimtdosen den Blutzucker, verglichen mit Plazebo, um 18 bis 29 Prozent gesenkt. Darüberhinaus besserten sich unter allen Zimt-Dosierungen die Werte für Triglyzeride, LDL- und Gesamt-Cholesterin.
Die Blutzuckersenkung nahm über die 40 Tage in den Verumgruppen stetig zu und hielt nach Absetzen zum Teil noch bis zum Ende der Beobachtungszeit (60 Tage) an. „Die Ergebnisse lassen neben den verbesserten Blutwerten grundsätzlich eine Absenkung des Diabetes-assoziierten Herz-Kreislauf-Risikos erwarten“, meinte Rustenbeck, bemängelte jedoch:
Die Dosis-Wirkungs-Beziehung von Zimt ist unklar, so dass niemand genau weiß, wieviel Zimt welche Blutzuckerabsenkung bewirkt. Außerdem ist ein Hypoglykämierisiko vorhanden, wenn auch schwer abzuschätzen. Die in der Studie verwendeten Dosierungen liegen zehn- bis hundertfach oberhalb der üblichen Anwendung als Gewürz, so dass die toxikologische Unbedenklichkeit für eine Zulassung als antidiabetisches Arzneimittel erst noch belegt werden muss.

Die Top Seven der Natur-Antidiabetika
Die Abteilung für Komplementärmedizin der Harvard-Universität legte kürzlich eine bewertende Übersicht über pflanzliche Substanzen und Nahrungsergänzungsmitteln in der Diabetestherapie vor (Yeh et al., Diabetes Care 26:1277-94, 2003). Die Forscher nahmen 108 Studien mit 45 pflanzlichen Substanzen und Nahrungsergänzungsmittel unter die Lupe.
Die vielversprechendsten Substanzen waren

  • Coccinia indica (der amerikanische Ginseng)
  • Momordica charantia (Bittermelone)
  • Nopal (Feigenkaktus)
  • L-Carnitin
  • Gymnema sylvestre
  • Aloe vera
  • Vanadium

Von diesen spielen in Deutschland Momordica charantia und Gymnema sylvestre eine gewisse Rolle.
Bittermelone kann sogar Unterzucker machen
Die Bittermelone oder Karolla (Momordica charantia) ist ein tropisches Gemüse. Experimentell und am Menschen wurden antidiabetische Wirkungen nachgewiesen: verminderte Insulinresistenz (dadurch bessere Wirkung des vorhandenen Insulins), gesteigerte Insulinsekretion wie auch eine Hemmung der alpha-Glukosidase (des Enzyms, das im Darm Stärke in Glukose spaltet, wodurch der Blutzucker steigt).
Jedoch gibt es auch Fallberichte von Hypoglykämien. Zudem wurden die Untersuchungen mit sehr unterschiedlichen Zubereitungen (injizierbare Extrakte, Fruchtsaft, gebratenes Fruchtfleisch) durchgeführt. Eine randomisierte, kontrollierte Studie mit Wirkungsnachweis am Menschen, wie bei Zimt, fehlt für die Bittermelone. Wirksamkeit und Unbedenklichkeit in randomisierten Studien werden heute für die Zulassung eines Arzneimittels gefordert.
Gymnema sylvestre aus der ayurvedischen Medizin
Der Hindi-Name Gurmar deutet darauf hin, dass beim Kauen der Blätter der Geschmackssinn für das Süße verloren geht. Ein alkoholischer Extrakt aus den Blättern senkt den Blutzucker und scheint mit einer gesteigerten Insulinsekretion einherzugehen. Experimentell wurde eine Regeneration von geschädigten Pankreasinseln und eine Zunahme der B-Zellzahl beobachtet. Eine randomisierte kontrollierte Studie mit Wirkungsnachweis am Menschen fehlt.
Spurenelemente: Vanadium jein – Chrom nein!
Vanadium, zumeist als Vanadylsulfat verwendet, hat in vitro und tierexperimentell eine blutzuckersenkende Wirkung und einen Schutzeeffekt auf die Pankreasinseln. In klinischen Studien am Menschen sind die antidiabetischen Wirkungen allerdings weniger ausgeprägt, wenn auch vorhanden. Problematisch sind zum Teil erhebliche gastrointestinale Nebenwirkungen sowie die Gefahr einer giftigen Wirkung des Schwermetalls Vanadium bei zu hoher Dosis. Randomisierte Studien stehen noch aus.
Chrom ist gegen die Zuckerkrankheit wirkungslos: Eine Metaanalyse von 20 randomisierten kontrollierten Studien, in denen die antidiabetische Wirkung von Verbindungen mit dreiwertigem Chrom geprüft wurde, konnte einen blutzuckersenkenden Effekt nicht sichern, weder bei Stoffwechselgesunden, noch bei Personen mit beeinträchtigter Glucosetoleranz (D Althuis et al., Am J Clin Nutr 76:148-55,2002). Auch bei Patienten mit manifestem Typ-2-Diabetes konnten drei von vier Studien keinen Nutzen feststellen. Erst jüngst kam eine in den Niederlanden durchgeführte Studie zu dem Schluss, dass die Chrom-Therapie keinen Effekt bei übergewichtigen, insulinbehandelten Typ-2-Diabetikern hat (Diabetes Care 2006).
„Genussgifte“ gegen Diabetes?
Das Trinken von Kaffee und Alkohol (in begrenzter Menge) könnte als quasi unabsichtliche, unkonventionelle adjuvante Therapie eingeordnet werden. Untersuchungen in den Niederlanden, USA, Finnland, Schweden und Japan weisen recht eindeutig darauf hin, dass Typ-2-Diabetes bei Kaffeetrinkern seltener vorkommt (z.B. Salazar-Martinez et al., Ann Intern Med 140:1-8,2004). Eine Dosis-Wirkungsbeziehung ließ sich nachweisen. Das Diabetesrisiko fiel bei beiden Geschlechtern signifikant um so stärker ab, je mehr Kaffee getrunken wurde. Bei vier bis fünf Tassen täglich lag das Risiko für Diabetes bei etwa 70% im Vergleich zum Kaffee-Abstinenten. Dass dies einen relevanten Outcome darstellt, zeigt der Vergleich zu antidiabetischen Arzneimitteln, ergänzte Rustenbeck: Das relative Diabetesrisiko beträgt unter Metformin 0,69, bei Acarbose 0,75, bei Orlistat 0,63 und bei Troglitazon (nicht mehr am Markt) 0,45.
Wie wirkt Kaffee?
Bei chronischem Kaffeekonsum ist der Blutglukoseanstieg im oralen Glukosetoleranztest vermindert, die Nüchternglucosekonzentration aber praktisch unverändert – „eigentlich genau das, was Sie sich von einem Antidiabetikum wünschen“, so Rustenbeck. Aber: Was genau im Kaffee wirkt, ist nicht untersucht; koffeinfreier Kaffe hat die blutzuckersenkenden Effekte jedenfalls nicht.
Koffein kann für Übererregbarkeit, Schlaflosigkeit, verstärkte Ausscheidung durch die Nieren und Herzprobleme sorgen: Das kardiovaskuläre Risiko kann gesteigert sein, was die Verringerung der Gefahr, Diabetes zu entwickeln, aufheben würde.
Also: Es wäre voreilig, einen starken Kaffeekonsum als Mittel der Diabetesprävention zu empfehlen!
Alkohol nur in Maßen
Sicher noch problematischer wäre eine Empfehlung pro Alkohol; aber die Mehrheit der Studien belegt für mäßigen Alkoholkonsum (z.B. ½ bis 1 Glas Wein pro Tag) eine gut 30%-ige Reduktion der Diabeteshäufigkeit und einer damit verbundenen koronaren Herzkrankheit (Howard et al., Ann Intern Med 3: 2119,2004, Carlsson S et al. Diabetologia 48:1051-4,2005). Bei steigender Dosis geht aber die protektive Wirkung verloren; sie kehrt sich in ein erhöhtes Diabetesrisiko um.
Fazit: Blutzuckersenkende und andere positive Effekte lassen sich bei einigen der genannten „natürlichen Antidiabetika“ nachweisen, aber keines lässt sich uneingeschränkt empfehlen. Andererseits sind bisher auch keine wesentlichen toxischen Effekte belegt, so dass nach Rücksprache mit dem Arzt und/oder dem Apotheker ein Versuch z.B. mit Zimt oder Bittermelone gewagt werden kann.
Wichtig: Wer als Typ-2-Diabetiker solche Substanzen zusätzlich zu oralen Antidiabetika einnimmt, sollte in jedem Fall den behandelnden Arzt informieren und auf keinen Fall die Dosierung der Antidiabetika ohne Rücksprache verändern!