Russisch Roulette im Internet

Russisch Roulette im Internet

Immer mehr Arzneimittelfälschungen in Deutschland

Bis zu 50% der Internet-Versender von Medikamenten liefern Fälschungen. Manchmal liefern sie auch gar nichts.

Übergewicht? Potenzprobleme? Haarausfall? Kein Problem: Per Internetorder kommen entsprechende Pillen auch ohne Rezept, glauben viele Interessierte. Der Haken: Zwischen 10 und 50 Prozent solcher Ware sind Fälschungen, zum Teil wird trotz Vorkasse gar nichts geliefert, warnte die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft e.V. auf einer Pressekonferenz in München.

Zunehmend werden „normale“ Arzneimittel gefälscht

„Zunehmend betreffen Fälschungen nicht nur Lifestyle-Arzneimittel, sondern auch gewöhnliche Wirkstoffgruppen wie Antibiotika, Hormone, Schmerzmittel oder Verhütungsmittel“, sagte Prof. Ulrike Holzgrabe, Pharmazeutin an der Universität Würzburg. Neben den wirtschaftlichen Schäden setzen die Arzneimittelfälscher Leben und Gesundheit von Menschen aufs Spiel. Nur drei Beispiele:

  • Im Jahr 2006 musste die Herstellerfirma Pfizer 120.000 gefälschte Packungen ihres Lipidsenkers LipitorTM aus dem Markt kaufen.
  • Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA warnte vor Internetportalen, die total wirkstofflose „Kontrazeptiva“ (die Antibabypille) versenden.
  • Im Jahr 2006 kostete mit Diethylenglykol verschnittenes Glyzerin aus China mehrere Dutzend Menschen das Leben.

In China sollen pro Jahr insgesamt Zigtausende an gefälschten Arzneimitteln sterben. Zahlen für Deutschland sind nicht bekannt.

Fakten zu Fälschern

  • Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind zehn Prozent aller versendeten Arzneimittel gefälscht, im illegalen Internethandel gar 50 Prozent.
  • Die meisten Fälschungen kommen nach Angaben des German Pharma Health Fund heute aus Afrika, wo die Häufigkeit von Arzneimittelfälschungen 60% erreicht, sowie aus Lateinamerika und Asien, vor allem China und Indien mit 30% Fälschungen.
  • Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (2006) enthalten 16 Prozent der Nachahmungen einen anderen Wirkstoff, 17 Prozent den Wirkstoff in abweichender Menge und 60 Prozent gar keinen Wirkstoff.
  • Sieben Prozent sind Fälschungen mit dem richtigen Wirkstoff.
  • Nach Wirkstoffgruppen werden am häufigsten gefälscht: Antibiotika (28 Prozent), Hormone (18 Prozent), Asthmamittel und Antiallergika (8%), Malariamittel (7%), Schmerzmittel (6%).
  • Verunreinigungen durch den Einsatz billiger Ausgangsstoffe und unhygienische Produktionsbedingungen stellen eine zusätzlich Gefahr dar.

Verbraucher über Risiken aufklären

„Täglich erreichen uns Anfragen, ob oder wo man via Internet bestimmte Medikamente billig und ohne Rezept beziehen kann“, berichtete Dr. Katharina Larisch, Ärztin beim Gesundheitsportal Netdoktor. Eklatant, ja frappierend erscheinen dabei die Wissenslücken und das fehlende Sicherheitsbewusstsein vieler Internetnutzer. Da wird ein Gesundheitsportal schon mal für eine Apotheke gehalten, da schenken Nutzer anonymen Einträgen in Foren Glauben, wo bestimmte Versender gelobt werden. Es werden „Generika“ von Viagra® geordert (die es nicht geben kann, da Viagra® noch Jahre patentgeschützt ist), stark wirksame Medikamente ohne Verschreibung bestellt, per Vorkasse an dubiose Anbieter gezahlt. „Wenn Medikamente marktschreierisch angepriesen werden, wenn mit Billigpreisen geworben wird, wenn man kein Rezept mitschicken muss oder wenn die Internetseite kein Impressum mit einem verantwortlichen Apotheker enthält – Hände weg von solchen Angeboten!“ warnt Dr. Larisch (vgl. Kommentar).

Kontrollbehörden sind überfordert

Gefälschte Arzneimittel gelangen überwiegend auf dem Postweg und durch Reisende nach Deutschland. Manchen Besteller erreichen sie erst gar nicht, denn: Gefälschte Arzneimittel oder solche, bei deren Herstellung gegen Marken- oder Patentrechte verstoßen wurde, muss der Zoll bei der Einfuhr beschlagnahmen. 2007 geschah dies an den Flughäfen Frankfurt, München und Köln und Bonn in 3.200 Fällen – dreimal so oft wie im Vorjahr.

Kommentar Ein hausgemachtes Problem?
Auch Deutschland ist von Pillenfälschern zunehmend bedroht. Das hat mehrere Gründe. Heute werden satte 80 Prozent der in der BRD und den USA eingesetzten Wirkstoffe sowie 40 Prozent der Fertigprodukte in China und Indien produziert. Verwunderlich? Wohl kaum, vielmehr eine logische Folge der Globalisierung: Ob Handys oder Arzneimittel, Hersteller verlagern ihre Produktion gerne in Länder mit niedrigem Lohn. Auch die regulatorischen Anforderungen und Kontrollen sind z.B. in Osteuropa und Asien gelegentlich lascher.
Wenn in der Folge die selben Hersteller über mehr Fälschungen ihrer Produkte klagen, handelt es sich auch um ein hausgemachtes Problem. Wo Kontrollen vor Ort und am Beginn der Produktions- und Distributionskette fehlen, können Zoll und Polizei am Ende der Verteilungskette den Karren nicht mehr aus dem Dreck ziehen.
Einfallstor Nummer eins für die Fälschungen ist das Internet, gefolgt von Fernreisenden, die sich im Ausland „günstig“ eindecken. Das anonyme Computernetz ebnet kriminellen Fälschern den Weg. Im Grunde vermag jeder, der über Kenntnisse im Aufbau von Webseiten und genügend kriminelle Energie verfügt, im Internet eine Versandapotheke zu eröffnen, die von Kunden zunächst nicht als Fälschung zu erkennen ist.
Die Gefährdung geht schließlich vom Konsumenten selbst aus. Grenzenlos erscheint die Naivität mancher User. Wer stark wirksame Medikamente ohne Rezept aus dubiosen Quellen ordert, spart, wenn er Glück hat, ein paar Euro, und den Weg zum Arzt. Ob man dafür seine Gesundheit aufs Spiel setzen sollte?
Ralf Schlenger