Kontinuierliche Glukosemessung

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Bild: www.freestyle-navigator.de

Trend-Gerät

Mit dem Freestyle Navigator ist ein neues, patientenorientiertes CGMS-Gerät auf den Markt gekommen. Ein Trendpfeil und Alarme sind praktische Highlights, technisch glänzt ein nur fünf Millimeter tief stechender Sensor, der fünf Tage hält.

Träume sind wichtig, um im Leben voranzukommen. Der Traum vom Fliegen trieb die Menschheit seit dem mythischen Ikarus um und brauchte bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts, um endlich real zu werden. Heute, nur hundert Jahre nach den ersten echten Flügen der Brüder Wright, ist das Fliegen derart verbreitet, dass man sich Sorgen um die Umweltwirkung macht. Als einen „Traum der Diabetologie“ bezeichnete Prof. Dr. med. Thomas Danne, kontinuierliche Glukosewerte zu haben und strich heraus, dass seine Anwesenheit als Vizepräsident der DDG bei der Präsentation des neuen Messsystems Freestyle Navigator als Symbol verstanden werden darf: Solche Träume seien nur mit Hilfe der Industrie umzusetzen, daher setze sich auch die Fachgesellschaft entsprechend ein. Das seit Mai erhältliche Messgerät von Abbott Diabetes Care misst kontinuierlich den Glukosegehalt in der Interstitialflüssigkeit über einen am Oberarm oder Abdomen unter die Haut gesetzten Sensor. Dieser dringt nur fünf Millimeter tief ein und wird mit Hilfe eines einer Stechhilfe ähnelnden Einsatzsets durch den Patienten selbst aufgebracht. Ein auf den Sensor aufgesteckter Sender überträgt die Messwerte kabellos, nach Herstellerangaben über bis zu drei Meter, an das Anzeigegerät. In der Praxis, so berichtete Danne, funktioniere die Datenübertragung nach ihrer Erfahrung auch durch Wände und wäre daher gut für Eltern, die den Blutzucker ihres Kindes im Blick haben wollen. Für Kinder und auch Jugendliche ist das Gerät jedoch noch nicht zugelassen, auch wenn es nach Aussage des Chefarztes der Kinderkrankenhauses Auf der Bult bei diesen genauso gut funktioniere.

Patient kennt den Trend

Eine typische Erwachsenenanwendung des Freestyle Navigator sei das Autofahren, schilderte Danne die Erfahrungen aus Studien mit dem Gerät. An der Windschutzscheibe befestigt, zeigt der Trendpfeil der Anzeigeeinheit die Tendenz der Blutzuckerwerte und gibt so Sicherheit; Probleme mit Hypos bei der Autofahrt gebe es so nicht mehr, so die Anwender.

Statt eines Fixwertes ohne Vorgeschichte einen Messwertverlauf angezeigt zu bekommen, ist generell der entscheidende Unterschied zwischen Blutzuckerselbstmessung im klassischen Sinn und den kontinuierlichen Systemen. „Auch für die Patienten ist das ein ganz wichtiges Umdenken“, erläuterte Danne in bei der Vorstellung in München, statt retrospektiv aufgezeichnete Werte zu beurteilen, gehe es mit dem Navigator darum, prospektiv Trends in die Entscheidungen einzubauen. Lernen müsse der Patient vor allem, dass interstitiell messende Systeme eine so genannte „Lag Time“ haben, rund zwölf Minuten hinken die Werte je nach Situation denen aus dem Blut hinterher. Zu erkennen, dass dieses Fehlen eines absoluten Wert aber kaum eine Bedeutung hat und der Trend die eigentliche Information ist, lehrt viel über das Wesen der Blutzuckerselbstmessung, eine „andere Arzt-Patienten-Beziehung“ mit mehr Patientenzentriertheit bemerkte Danne sogar durch die Verwendung des kontinuierlichen Geräts. „Ich lerne meinen Diabetes noch mal neu“, bestätigten auch die Anwender diesen Eindruck.

Sport besser planen

Mit der Berliner Diabetesberaterin Ulrike Thurm schilderte eine besondere Anwenderin ihre Erfahrungfen mit dem Freestyle Navigator: Die Typ-1-Diabetikerin hat nicht nur auch beruflich mit Blutzuckermessung und Krankheitsmanagement zu tun, sie ist obendrein sehr aktive Sportlerin, spielt auf Landesliga-Niveau Fußball, läuft und fährt Rad.

Ein „Riesenunterschied zur punktuellen Messung“ sieht Thurm gerade für körperliche Aktivität. Sie konnte dank der kontinuierlichen Messung beim Laufen die Variabilität des Blutzuckers kontrollieren und schon vor dem tatsächlichen Auftreten niedriger Werte gegensteuern. Neben der Trendanzeige seien hier auch die Vorwarnfunktionen des Navigators nützlich gewesen, Alarme nach dem Muster „wenn das so weitergeht, sind Sie in dreißig Minuten im Unterzucker“ helfen bei der Planung von Sport. Augenzwinkernd wies Thurm auch auf die größere Sicherheit im Beruf hin, eine Hypoglykämie während einer Diabetikerschulung oder gar eines Vortrags auf dem DDG-Kongress seien mit kontinuierlicher Messung ausgeschlossen. Schließlich helfe die Warnfunktion auch nachts, wenn am Abend unbekannte Speisen oder Sport den Blutzuckerwert schwer vorauszusehen machen.

Trotz dieser Schilderungen aus der Praxis, die das Potential der kontinuierlichen Glukosemessung verdeutlichen, muss die Diabetes-Welt vom absolutem Mess-Komfort noch ein wenig länger träumen: Nur fünf Tage hält der verwendete Sensor, dann muss er ausgetauscht werden – und das ist schon viel im Bereich der CGMS. Eine Kalibrierung durch das integrierte „normale“ Blutzuckermessgerät ist während der fünf Tage vier Mal nötig, nach dem Anlegen bis zur ersten Kalibrierung gibt es eine zehnstündige Phase, in denen das Gerät keine Werte liefert, je nach Patient und Fragestellung wird der beste Zeitpunkt für dieses „blinde Fenster“ festgelegt.

Wie nicht anders zu erwarten ist auch die Kostenerstattung bisher noch auf Einzelfallentscheidungen angewiesen, Danne sprach in München von einem „Kampf mit der Kasse“, der erfolgreich enden könne, wenn das Gerät bei einem Patienten mit schweren Hypoglykämien eingesetzt werden soll. Wer die Zweiklassenmedizin auf eigene Faust vorwegnehmen will: Das Gerät kostet knapp unter 1.000 Euro, monatlich kommen für eine Packung mit sechs Sensoren 389 Euro hinzu. Und noch mehr zum Träumen: Eine Studie aus Hannover zum Nutzen des Navigator bei schwankenden Glukosewerten ist beendet, war aber zum Zeitpunkt des Kongresses noch nicht veröffentlicht. „Die Ergebnisse sind spannend“, deutete Danne jedoch schon an.