Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft

Diabetes weiter auf dem Vormarsch

Wenn Deutschland nicht mehr in der Prävention tut, wird in absehbarer Zeit jede/r zehnte Deutsche an Diabetes leiden.

Mit 8,6 Prozent der Gesamtbevölkerung hat der Anteil der Diabetiker im Jahr 2006 einen neuen Höchststand erreicht, sagte Prof. Hauner anlässlich der Eröffnung der 43. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft in München. Rund 7 Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit von Typ 1 oder Typ 2 Diabetes betroffen. Diese Zahlen wurden aktuell hochgerechnet aus den Daten von 300.000 Versicherten aller Altersgruppen der AOK Hessen. „Pro Jahr wächst die Zahl der Betroffenen um etwa 5% oder 300.000, ohne dass bislang eine Trendwende absehbar wäre“, sagte Hauner.

Der Anstieg der Krankenzahlen zieht sich durch alle Altersgruppen. Dahinter steht zum einen ein echter Anstieg neuer Diabetesfälle durch die Zunahme krankhaften Übergewichts (Adipositas), der Hauptursache für die Diabetesentwicklung. Zum anderen führt die längere Lebenserwartung und der steigende Anteil alter Menschen in der Bevölkerung zu einer Zunahme der absoluten Zahlen. Die meisten Neuerkrankungen – 16 pro 1000 Einwohner und Jahr – treten im Alter zwischen 50 und 70 Jahren auf, bei Männern im Durchschnitt etwas früher als bei Frauen. Unter alten Menschen ist heute fast jeder dritte Diabetiker.

Zeitbombe Zuckerkrankheit

„Etwa 30 Prozent der Menschen haben die erbliche Veranlagung zum Typ 2 Diabetes, und bekommen diese Erkrankung, wenn sie alt genug werden und ungesund leben“, erklärte Hauner. Besonders Besorgnis erregend ist die Tatsache, dass sich der Beginn des Typ 2 Diabetes (mit über 90% die dominante Form) in jüngerer Altersgruppen verlagert. Dies geht zurück auf die Zunahme des Übergewichts schon bei Kindern und Jugendlichen. Es bedeutet, dass diese Jugendlichen vergleichsweise früh an Diabetes erkranken können. Damit entwickelt sich die Volkskrankheit Diabetes gegenläufig zu den anderen wichtigen Krankheiten: Die Sterblichkeit durch Diabetes nimmt zu, während die Todeszahlen durch Krebs und Herz-Kreislauf-Krankheiten tendenziell abnehmen.

Diabetes mellitus Typ 2 und Adipositas sind auch die Erkrankungen, von denen Fachleute in den nächsten 10 Jahren den stärksten Anstieg erwarten: vor Krankheiten wie Demenz, Schlaganfall, Rheuma, Osteoporose, Herzkreislauf-Krankheitern, Allergien und Depressionen.

Diabetes ist die teuerste chronische Erkrankung

Nach einer auf der Eröffnungspressekonferenz vorgestellten aktuellen Auswertung verursacht der Diabetes im Durchschnitt jährliche Exzesskosten von knapp € 2.600,- pro Person. Das heißt, um diesen Betrag kostet die Behandlung eines Diabetikers mehr als die eines Nichtdiabetikers. Damit ist sie gut doppelt so teuer. Viel mehr als die Behandlungskosten pro Person sind jedoch die Gesamtkosten der Behandlung gestiegen: nämlich um 41 Prozent von 13 Mrd. Euro im Jahr 2000 auf 18,2 Mrd. Euro im Jahr 2006.

„Trotz aller Kostendämpfungsmaßnahmen sind die Ausgaben für diese Krankheit vor allem wegen der wachsenden Zahl der Betroffenen überproportional gestiegen, so dass der Diabetes mellitus heute die teuerste chronische Erkrankung überhaupt darstellt“, sagte Hauner. Die Kosten für die direkte Behandlung der Grundkrankheit, z.B durch Insulin und orale Antidiabetika, sind eigentlich moderat, sie betragen ein knappes Viertel der gesamten Mittel. Mehr als drei Viertel müssen aber für die Behandlung der im Grunde vermeidbaren Folgeerkrankungen aufgebracht werden.

Diabetes ist durch Prävention vermeidbar

Diabetes mellitus ist eine Erkrankung, die bei den meisten Menschen durch eine Ernährungsumstellung und ein Mehr an Bewegung vermeidbar wäre. Dass diese „Primärprävention“ die Entwicklung des Diabetes zu rund 60 Prozent reduzieren kann, haben mehrere große wissenschaftliche Studien nachgewiesen. Die Herausforderung, die sich daraus für das deutsche Gesundheitssystem ergibt, ist ebenso groß wie naheliegend:

  1. Die Diabetes-Epidemie kann nur durch ein flächendeckendes Angebot von Programmen zur primären Prävention (Vorbeugen, dass die Krankheit gar nicht erst entsteht) eingedämmt werden.
  2. Die Förderung der Prävention ist nicht nur die wirksamste, sondern die kostengünstigste Strategie. Sie wird aber bisher sträflich vernachlässigt.
  3. Bei manifestem Diabetes kann eine gute Behandlung Komplikationen verhindern. Auch das hier investierte Geld ist „kosteneffektiv“ angelegt.

Die Ziele, die sich mit Prävention erreichen lassen, sind für den Einzelnen: Chronische Krankheiten werden vermieden bzw. zumindest hinausgeschoben, bei Erhalt einer hohen Lebensqualität und Produktivität. Für die Gemeinschaft kann die unbedingt notwendige Senkung der Gesundheitskosten erreicht werden.

Kassenfunktionäre, Politiker, Betroffene: Sind wir alle zu bequem?

Mehr Menschen mit Diabetes oder gestörtem Glukosestoffwechsel (Vorstufe des Diabetes) frühzeitig zu erkennen, wäre leicht möglich: durch häufigere Blutzuckermessungen, durch einfache Harntests, die eine Mikroalbuminurie feststellen, durch Diagnose des Augenhintergrundes. Den Ausbruch von Diabetes zu vermeiden, oder seine Folgen zu lindern, ist durch Änderungen im Lebensstil möglich.Doch Lebensstilmaßnahmen kommen z.B. in den flächendeckenden „Disease Management-Programmen“ der Krankenkassen nicht vor, kritisierte Hauner. Die Beträge, die Krankenkassen für die Prävention ausgeben, machen weniger als ein Prozent ihrer Gesamtausgaben aus. Ganze € 2,70 pro Person stehen im Präventionstopf jährlich zur Verfügung, inklusive Impfungen.Diese Untergewichtung erstaunt umso mehr, als die Krankenkassen ein ureigenes Interesse haben, die Kosten für die Versicherten zu begrenzen, und um die Kosteneffektivität der Prävention wissen. Wirksamkeit und Kostendämpfung durch präventive Maßnahmen hinsichtlich des Lebensstils sind wissenschaftlich belegt. Doch es fehlt an einer „Präventionskultur“ nicht nur in der Gesellschaft sondern auch bei den Vertretern der Politik und den Vertretern der Krankenkassen: Maßnahmen der Prävention, die heute Geld kosten, greifen erst in 10, 20 Jahren. Die Bilanzen und Wahlperioden der Verantwortlichen umfassen aber nur wenige Jahre. „Weder die Krankenkassen noch die Politik machen im Hinblick auf Prävention einen guten Job“, meinte Hauner.