Fördert Olivenöl die Arteriosklerose?

Fördert Olivenöl die Arteriosklerose?

Im Experiment schädigt Olivenöl die Gefäße. Die Deutsche Herzstiftung sagt, die Ergebnisse sind irrelevant .

Die Internetforen zu Ernährung, Gesundheit und Bodybuilding standen Kopf: Im Januar 2008 berichteten Marburger Pharmakologen von Laboruntersuchungen, nach denen Olivenöl, speziell seine einfach ungesättigten Fettsäuren, die Gefäßinnenwand schädigen kann. Demnach würde Olivenöl das Gegenteil dessen machen, was man ihm gemeinhin zuschreibt, nämlich Arteriosklerose fördern statt bremsen.
Die Medienberichte dürften auch viele übergewichtige oder diabetische Menschen verunsichert haben – und alle, die glauben, sich mit Olivenöl und der „Mittelmeerküche“ eigentlich gesund zu ernähren.

Um es vorweg zu nehmen: Die deutsche Herzstiftung kommentierte im März die in vitro-Studien als irrelevant für die Praxis. Zumindest an der Empfehlung mediterraner Kost, in der Olivenöl eine zentrale Rolle spielt, sei uneingeschränkt festzuhalten.

Was war untersucht worden?

Der Pharmakologe Prof. Krieglstein und seine Kollegin Prof. Klumpp von der Universität Münster hatten nach Laboruntersuchungen den Verdacht geäußert, dass die im Olivenöl enthaltene Ölsäure die Entstehung von Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) fördern könnte. Genauer gesagt würden einfach ungesättigte Fettsäuren – aus denen Olivenöl zu 77% besteht – in hohen Konzentrationen die Aktivität eines Enzyms (Proteinphosphatase Typ 2C) massiv steigern, welches Zellen des Endothels (der Gefäßinnenwand) in die Apoptose („programmierter Zelltod“) treibt. Die Gefäßwand werde durchlässiger für Fettpartikel und weiße Blutkörperchen, die Bildung arteriosklerotischer Plaques nehme zu. „Sicher muss vor einer endgültigen Aussage die Wirkung von Olivenöl beim Menschen geprüft werden. Aber schon jetzt darf man berechtigte Zweifel an den so einseitig gepriesenen Vorteilen von Olivenöl haben“, meint Krieglstein.

Experten der Deutschen Herzstiftung winken ab

„Reagenzglas-Studien lassen normale biologische Prozesse wie Verdauung und Stoffwechsel unberücksichtigt, weshalb sie generell keine wissenschaftlichen Beweise für Beziehungen zwischen einer Substanz und einem Erkrankungsrisiko liefern können“, urteilt Prof. Helmut Gohlke, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung und Chefarzt im Herz-Zentrum Bad Krozingen. „Deshalb kann man aus Reaktionen im Reagenzglas auch keine Ernährungsempfehlungen ableiten.“

Der Tierversuch erbrachte zwiespältiges

Die Marburger Forscher hatten jedoch den Reagenzglas-Experimenten einen Tierversuch folgen lassen. Meerschweinchen, die vier Monate lang mit einer ölsäurereichen Kost gefüttert wurden, zeigten dabei zwar keine gesteigerte Plaquebildung. Aber die Tiere hatten nach der Olsäure-Diät im Vergleich zur Kontrollgruppe kleinere und leichtere Herzen und geschädigte Herzmuskelzellen.

Mediterrane Kost gilt nach wie vor als Gesundbrunnen

„Diesen isolierten Reagenzglasversuchen stehen die Ergebnisse zahlreicher auch bei großen Bevölkerungsgruppen durchgeführter wissenschaftlicher Untersuchungen gegenüber, die den gesundheitlichen Nutzen der mediterranen Küche mit Olivenöl als Haupt-Fettlieferant klar belegen“, widerspricht Prof. Gohlke. Tatsächlich stehen die Marburger Ergebnisse in Widerspruch zu allen Studienergebnissen der letzten Jahre. Die Schutzwirkung der mediterranen Kost im Hinblick auf Gefäßerkrankungen und mögliche Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall sei von daher unstrittig, betont Gohlke. Die Verbraucher sollten sich nicht verunsichern lassen: „Olivenöl – am besten kalt gepresst – ist im Rahmen einer ausgewogenen mediterranen Ernährung nach wie vor empfehlenswert, um das Risiko für die Entstehung von Gefäßkrankheiten zu vermindern oder deren Verlauf günstig zu beeinflussen“, resümiert Gohlke.

Was macht die mediterrane Kost so wertvoll?

Nun steht nach den Marburger Experimenten aber auch nicht die mediterrane Küche zur Disposition, sondern eben große Mengen einfacher Fettsäuren. Dass die – ursprüngliche – mediterrane Küche das Risiko für Herzinfarkte senken kann, bestreiten auch die Marburger Forscher nicht. Doch zu ihr gehöre ja auch, sagt Prof. Krieglstein, weitaus mehr als nur Olivenöl. Viel Obst und Gemüse, reichlich Fisch, wenig rotes Fleisch und eben Olivenöl sind die wichtigen Ingredienzien der mediterranen Küche. Dass es ausgerechnet das Olivenöl ist, das so gesundheitsfördernd wirkt, sei niemals nachgewiesen worden.

Steckbrief Olivenöl
Olivenöl stellt – neben viel Obst und Gemüse, reichlich Fisch und wenig Fleisch – einen wichtigen Bestandteil der ursprünglichen mediterranen Küche dar. Die Schutzwirkung dieser Ernährungsform im Hinblick auf Gefäßerkrankungen – und mögliche Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall – wurde in Studien an großen Bevölkerungsgruppen belegt. Olivenöl hat ein besonderes Fettsäurespektrum, es setzt sich aus 77% einfach ungesättigten, 9% mehrfach ungesättigten und 14% gesättigten Fettsäuren zusammen. Daneben sind günstige Mikronährstoffe enthalten wie Polyphenole.
Für Olivenöl sind antioxidative, entzündungs- und gerinnungshemmende und blutfettsenkende Effekte gezeigt worden. Insbesondere die einfach ungesättigten Fettsäuren und Polyphenole scheinen sich günstig auf die Cholesterinwerte auszuwirken. Das volle Inhaltsspektrum bietet nur qualitativ hochwertige, kalt gepresste Ware. Als nativ bezeichnet man ein hochwertiges Olivenöl, das kalt gepresst wurde, etwa bei Raumtemperatur. Nur so bleiben Aroma und empfindliche Inhaltsstoffe weitgehend erhalten. Die erste Pressung liefert die erste Güteklasse, nativ extra (ital.: extra vergine).