Fasten birgt große Gefahren für die Gesundheit

Insbesondere sind zentrale Begriffe wie „Entschlackung“ und „Entgiftung“ wissenschaftlich nicht haltbar, da der Organismus die aus den Nahrungsbestandteilen entstehenden Abbauprodukte (Wasser, Kohlendioxid, Harnsäure und Ammoniak) ausscheidet. Eine Anhäufung unerwünschter, toxischer Stoffwechsel-Endprodukte tritt unter physiologischen Bedingungen nicht ein, Schlacken fallen im menschlichen Organismus nicht an, betont Reiche.
Buchingers Heilfasten geht fälschlicherweise davon aus, dass die unangenehme Atemluft beim Fasten vom Abbau „alter Eiweißschlacken“ aus dem lockeren Bindegewebe und versäuertem Gewebe herrührt. Dabei nimmt Buchinger irrtümlich an, dass der Organismus aufgrund seiner „biologischen Weisheit“ das Schädliche, Krankhafte und Überflüssige abbaut, Gesundes und Lebensnotwendiges aber solange wie möglich schont (1). Tatsächlich ist der starke Mund- und Körpergeruch auf die Verbrennung von Ketonkörpern aus dem Fettabbau für die Energiegewinnung des Gehirns zurückzuführen. Das mit zunehmender Fastendauer vermehrt entstehende Azeton bewirkt eine Übersäuerung, die Ketoazidose, sowie durch die Ausscheidung der Ketonkörper über Urin und Atemluft den unangenehmen Geruch.
Dieser Prozess hemmt die Fähigkeit der Niere zur Harnsäureausscheidung, wodurch es zu einem Anstieg der Harnsäurekonzentration im Serum kommt. Menschen mit erhöhten Harnsäurewerten (Hyperurikämie-Patienten) sollten wegen der Gefahr eines akuten Gichtanfalls nicht fasten. Des Weiteren kann das Gehirn die Ketonkörper beim mehrtägigen Fasten allerdings erst nach einigen Tagen nutzen. Daher baut der Organismus in der Anfangsphase des Fastens verstärkt körpereigenes Eiweiß aus der Skelett- und Herzmuskulatur ab (etwa 75 Gramm pro Tag), um aus den Aminosäuren Glukose zu bilden (Glukoneogenese).
Besonders gefährlich ist der Muskelabbau des Herzmuskels, dem Myokard. Bei sehr schneller Gewichtsabnahme kann es, auch bei einer gewissen Eiweißzufuhr, zu einer erheblichen Mobilisierung von Körpereiweiß aus dem Myokard kommen. Dies gilt vor allem für Personen mit Normalgewicht oder nur leichtem Übergewicht, die beim Fasten mehr fettfreie Körpermasse, also Muskulatur, verlieren als stark Übergewichtige (3). Vor diesem Hintergrund sind die fastenbedingten Todesfälle durch Herzrhythmusstörungen mit plötzlichem Herztod zu erklären.
Auf keinen Fall dürfen daher Patienten mit bestehenden Herzerkrankungen fasten, warnt Reiche. Fasten ist als Therapie zur Gewichtsreduktion denkbar ungeeignet. Im fortgeschrittenen Hungerzustand fällt der Gewichtsverlust infolge eines verringerten Energieverbrauchs immer spärlicher aus. Der Grundumsatz während des Fastens sinkt in erster Linie durch den Rückgang an stoffwechselaktiver Körpermasse (hauptsächlich Muskelmasse).
Diese erhöhte energetische Effizienz des Stoffwechsels führt bei der Rückkehr zu den gewohnten Ernährungsmustern zum gefürchteten „Jo-Jo-Effekt“: dem Wiederanstieg des Körpergewichts, meist über das Ausgangsgewicht vor der Fastenkur hinaus. Generell sollten Fastenkuren nur in Absprache mit einem Arzt, besser noch stationär unter ärztlicher Aufsicht, durchgeführt werden, so Reiche. Nur so sind einerseits die gesundheitlichen Komplikationen beherrschbar. Andererseits kann eine intensive Schulung in einer Fastenklinik den Einstieg in eine Ernährungsumstellung erleichtern. Dafür braucht man sich aber nicht – bei nicht unerheblichen Gesundheitsgefahren – wochenlang zu kasteien. Viel sinnvoller ist es, schrittweise einfache Regeln in seinen Lebensstil zu integrieren: beispielsweise mehr Gemüse und Obst zu essen, reichlich (Mineral-)Wasser zu trinken, übermäßigen Kaffeekonsum durch Teegenuss zu ersetzen (zum Beispiel Früchte-, Kräuter- oder grüner Tee) oder zwei alkoholfreie Tage einzuhalten, so Ernährungsexperte Reiche abschließend.
(1) Buchinger, O. (1951): Das Heilfasten und seine Hilfsmethoden als biologischer Weg. 15. Aufl., Stuttgart.
(2) Tschannen, M. P. (2003): Das Fasten aus medizinhistorischer Sicht. INAUGURAL-DISSERTATION zur Erlangung der Doktorwürde der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich.
(3) von Herz, U. und Müller, M. J. (1996): Heilfasten. Akt. Ernähr.-Med. 21, 25-28.
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