Dicke Kinder werden dicke Erwachsene

Dicke Kinder werden dicke Erwachsene

Diabetiker von morgen
Jede/r zweite Deutsche gilt schon als übergewichtig. Und es werden immer noch mehr, vor allem unter Kindern und Jugendlichen. Sie sind die Diabetiker von morgen, meinten Experten auf einem Adipositaskongress. Eltern sollten Vorbild sein und frühzeitig eingreifen
Körperideal und Körperwirklichkeit klaffen immer mehr auseinander
Nur noch eine/r von vier Deutschen hat ein wünschenswertes Körpergewicht (Body Mass Index BMI unter 25). Jede/r zweite gilt als übergewichtig (BMI 25-30), knapp 20% als adipös (BMI 30-35), die weiteren als extrem adipös. Der mittlere BMI liegt in der Deutschland bei ca. 27. (USA ca. 28,5), konstatierte Prof. Alfred Wirth, Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (Adipositas = Fettsucht, definiert als BMI über 30).
Und die Kinder eifern den Erwachsenen nach: Schon 4 bis 8% aller Schulkinder sind adipös, jedes fünfte Schulkind und jeder dritte Jugendliche übergewichtig, bei einem großen Anteil von Kindern ausländischer Mitbürger. 40 bis 70% der Schwankungsbreite im individuellen Gewicht ist zwar durch Vererbung bestimmt. Aber die rasante Zunahme von Übergewicht in allen Altersgruppen und Schichten zeigt, dass Umweltfaktoren erheblich beteiligt sind. Zu kalorienreiches Essen, zu wenig Bewegung sind Hauptrisikofaktoren. Zu Übergewicht neigende Kinder und Jugendliche nehmen dann oft extrem schnell und stark zu, mitunter über 10 kg pro Jahr. Parallel steigt die Insulinresistenz. So werden aus übergewichtigen Kindern i.d.R. übergewichtige Erwachsene.
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Ist Fettsucht eine Krankheit?
Aus medizinischer Sicht eindeutig ja. Adipositas hat eine klare Ursache (Kalorienaufnahme dauerhaft über Kalorienverbrauch) und klare Erscheinungsformen („Pathologie“: vermehrte und vergrößerte Fettzellen). Das „Zentrum“ der Krankheit ist das Fettgewebe: Hier werden Dutzende Hormone und Substanzen gebildet, die den Stoffwechsel von Zucker und Fett beeinflussen und Entzündungen der Gefäße in Gang setzen (u.a. TNF-alpha, CRP, Interleukine, Leptin, Resistin, Adiponectin, freie Fettsäuren). Die Veränderungen ziehen beim Übergewichtigen eine Reihe von Folgekrankheiten nach sich. Es verläuft eine logische Risikokette von Adipositas zu den Krankheiten des metabolischen Syndroms (Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Insulinresistenz, Diabetes), schließlich zu Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall, den häufigsten Todesursachen. Doch statt der Ursache werden heute meist die Folgekrankheiten therapiert. Adipositas (Fettsucht) wird medizinisch und gesundheitspolitisch untergewichtet. „Mit dieser Einschätzung erfüllt die Adipositas alle Kriterien für eine Krankheit, wenngleich die Gesundheitspolitik diese Zuordnung bisher versagt hat“, beklagte Prof. Wirth.

Übergewicht: Motor des metabolischen Syndroms
Seine Hauptbedeutung hat Adipositas aber als Motor für die Entwicklung des metabolischen Syndroms. Das Risiko für Bluthochdruck, Fettstoffwechelstörungen, Typ-2-Diabetes wird wesentlich von Fettablagerungen im Bauchraum (viszerale Adipositas), Leber und Muskulatur bestimmt, sagte Prof. M. Hanefeld, Dresden, der das Syndrom 1981 erstmals beschrieb. In den neueren Definitionen des metabolischen Syndroms ist die Adipositas daher ein zentrales Merkmal. Einfach zu ermitteln und für den klinischen Alltag geeignet sind die Kriterien einer amerikanischen Expertenkommission des National cholesterol education program (NCEP): Demnach liegt ein metabolisches Syndrom vor, wenn drei oder mehr von fünf Kriterien erfüllt sind: zentrale Adipositas (Übergewicht vom „Apfeltyp“. D.h. dicker Bauch), erhöhte LDL-Cholesterinwerte, erniedrigte HDL-Werte, Hypertonie und erhöhter Nüchtern-Blutzucker (vgl. Tab.2).
Bauchfett ist am gefährlichsten
Die Internationale Diabetes Föderation (IDF) ging dieses Jahr noch einen Schritt weiter und erhob die abdominelle (Bauch-)Adipositas zum wichtigsten Merkmal. Demnach liegt ein metabolisches Syndrom vor, wenn zu diesem einzig unabdingbaren Kriterium nur zwei weitere hinzukommen. Kritisch anzumerken ist, dass Grenzwerte für den Bauchumfang nicht ohne weiteres auf alle Länder zu übertragen sind. Die IDF-Definition gilt ausdrücklich nur für Europäer („europide Menschen“).

Kriterien des metabolischen Syndroms
NCEP 2002 IDF 2005
Bauchumfang Männer > 102 cm Frauen > 88 cm Männer > 94 cm Frauen > 80 cm
Hypertrigylzeridämie > 150 mg/dl
(1.69 mmol/L)
> 150 mg/dl oder Lipidtherapie
erniedrigtes HDL- Cholesterol Männer < 40 mg/dL Frauen < 50 mg/dL Männer < 40 mg/dL Frauen < 50 mg/dL oder Lipidtherapie
Arterielle Hypertonie > 130/85 mmHg > 130/85 mmHg
Erhöhte Nüchternglukose > 110 mg/dL > 100 mg/dL oder Typ-2-Diabetes
BU: Nach den amerikanischen (NCEP) und europäischen (IFD) Kriterien haben rund 50% der Amerikaner wie auch der Europäer ein metabolisches Syndrom.

Schon jeder zweite in Industrieländern stoffwechselkrank?
Nach der engeren IDF-Definition hat jeder zweite Deutsche ein metabolisches Syndrom. Doch was sagt dies? Um bei der Risikobewertung des Patienten einer „Übervereinfachung“ durch den Stempel „metabolisches Syndrom“ zu entgehen, empfiehlt Prof. Hanefeld, Dresden, die Kriterien differenziert zu gewichten. Bei Patienten, die unter die IDF-Definition fallen, steigt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall beispielsweise um den Faktor 5,67, wenn Hypertonie und hohes LDL-Cholesterin zusammen vorkommen. Es erhöht sich auf 6,17, wenn zentrale Adipositas und Hypertonie vorliegen. Zu exakteren Risikobewertung werden noch weitere Werte herangezogen: die Insulinresistenz und die Fettmasse im Bauch (die Entzündungsfaktoren wie CRP und Interleukine produziert und die Insulinresistenz fördert) kann bestimmt werden, ebenso der Fettgehalt der Leber. Ferner können im Blut Adiponektin (schützender Faktor) und CRP gemessen werden.
Adipositas hat Zukunft
Nur eine erhebliche Gewichtsreduktion vermag das langfristige kardiovaskuläre Risiko signifikant zu verbessern. Und das muss schon im Kindesalter bedacht sein. Als effektive Therapiebausteine gelten auch bei Kindern und Jugendlichen

  • Ernährungsumstellung (weniger energiedichte Nahrungsmittel)
  • Verhaltensmodifikation
  • mehr körperliche Bewegung

Guten Erfolg haben diese Methoden allerdings nur bei hochmotivierten und gut betreuten Patienten, sagte Prof. M. Wabitsch, Leiter einer pädiatrischen Adipositasambulanz an der Uniklinik Ulm. Und das trifft auf die Mehrzahl der Patienten leider nicht zu. Insbesondere verhaltentherapeutische Maßnahmen werden zu wenig angenommen. Für chancenreicher hält Wabitsch die stationäre Langzeittherapie sowie Medikamente und ggf. auch chirurgische Eingriffe (vgl. Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter www.a-g-a.de). Eine stationäre Therapie der Adipositas über 4-6 Wochen führen Fachkliniken für Kinder und Jugendliche durch.
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