Adipositas im Kindes- und Jugendalter

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Adipositas im Kindes- und Jugendalter

Ein unterschätztes gesundheitliches Problem – Über die ambulante Adipositasschulung „Obeldicks“ an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln informiert Dr. med. Thomas Reinehr.

In den letzten zehn Jahren hat sich in Deutschland die Häufigkeit von übergewichtigen und massiv übergewichtigen Kindern verdoppelt. Inzwischen sind bereits rund eine Million Kinder adipös. Ein Problem, das nicht nur in Deutschland enorm zunimmt. Die WHO spricht bereits von einer Epidemie der Adipositas. Die Ursachen sind mannigfaltig. Fehlende Bewegungs- und Spielbereiche für Kinder, die modernen Möglichkeiten der Fortbewegung und vor allem die Zunahme des Fernseh- und Computerkonsums haben in den letzten Jahren zu einem deutlichen Rückgang der täglichen körperlichen Aktivität auch bei Kindern geführt. Fett- und zuckerreiche Lebensmittel wie Süßigkeiten, „Snacks“, Fast-Food-Gerichte und so genannte Kinderlebensmittel stellen weitere Risikofaktoren der Adipositas dar. Auch der Konsum von gesüßten und somit kalorienreichen Getränken hat bei Kindern deutlich zugenommen.

Übergewicht wächst sich nicht aus

Aus übergewichtigen Kindern werden entgegen der häufig geäußerten Meinung „Das wächst sich aus!“ meist auch übergewichtige Erwachsene. Die kardiovaskulären Erkrankungen und der Diabetes mellitus Typ 2 als Folgen des Übergewichts sind bei Erwachsenen schon lange bekannt. Diese Erkrankungen bestimmen die Morbidität und Mortalität der Adipositas und verursachen enorme Kosten im Gesundheitssystem. In den USA wird bereits mehr Geld für Folgeerkrankungen der Adipositas ausgegeben, als für Spätschäden durch Rauchen. Sämtliche Folgen der Adipositas kann man nun auch schon im Kindesalter beobachten, so dass die Aufgabe des betreuenden Arztes nicht nur im Ausschluss von seltenen Grunderkrankungen und der Zuweisung zu geeigneten Therapieprogrammen besteht, sondern auch in der Erfassung und Behandlung der Komorbidität. Bei rund einem Drittel der adipösen Kinder liegt ein Bluthochdruck vor und bei einem Viertel eine Fettstoffwechselstörung.

Screening auf Diabetes sinnvoll

Auch der Typ-2-Diabetes kann schon bei etwa einem Prozent der adipösen Jugendlichen nachgewiesen werden. Bei rund einer Million adipösen Kindern in der BRD ist daher mit einer Inzidenzrate von 5.000-10.000 Kindern mit Typ-2-Diabetes zu rechnen. Da die Manifestation meist oligosymptomatisch verläuft, ist bei adipösen Kindern ein Screening mittels Nüchternblutzucker oder oralem Glucosetoleranztest ab dem Pubertätsalter einmal jährlich sinnvoll.

Die Therapie der Wahl aller Folgeerkrankungen stellt die Gewichtsreduktion dar, die jedoch nur bei motivierten Kindern und Familien mit multidisziplinären langfristigen ambulanten Schulungsprogrammen zu erreichen ist. Kann keine Gewichtsreduktion erzielt werden, ist zur Behandlung des Typ-2-Diabetes Metformin das Medikament der Wahl. Neben seiner blutzuckersenkenden Wirkung führt es in der Regel auch zu einer geringen Gewichtsreduktion. Es ist allerdings bisher in Deutschland nicht für das Kindesalter zugelassen, so dass eine Aufklärung der Jugendlichen und ihrer Eltern erfolgen muss. Die Adipositasschulung „Obeldicks“, die in der Vestischen Kinderklinik in Kooperation mit dem Forschungsinstitut für Kinderernährung entwickelt wurde, ist ein Beispiel für ein evaluiertes strukturiertes Schulungsprogramm für Kinder und Jugendliche. Ziel des rein ambulanten Programms ist nicht die kurzzeitige Behandlung des Übergewichts, sondern eine langfristige Verbesserung des Gesundheitsverhaltens durch Integration der gesamten Familie. Das einjährige Programm besteht aus einer Bewegungs-, Ernährungs- und Essverhaltenstherapie für Kinder und Eltern und wird von einem multiprofessionellen Team aus Diätassistentinnen, Psychologen, Sporttherapeuten und Kinderärzten geleitet. An ihr können Kinder im Alter von fünf bis 15 Jahren teilnehmen. Die Erfolgsquote am Ende der Schulung beträgt 70 Prozent (intention to treat), und auch zwei Jahre nach Therapieende ist diese erzielte Gewichtsreduktion noch nachweisbar. Das Erfolgsrezept dieser Schulung beruht auf der intensiven Einbeziehung der Eltern, der individuellen psychologischen Betreuung, der Übertragung auf den familiären Alltag und dem Netzwerk mit Sportgruppen für Übergewichtige und Elternselbsthilfegruppen rund um das adipöse Kind, das auch nach Abschluss der Behandlung in Anspruch genommen werden kann.

Sämtliche Arbeitsmaterialien sowie die genaue Durchführung der Schulung sind als Trainingsmanual publiziert

Reinehr/Dobe/Kersting
Therapie der Adipositas im Kindesalter
Das Adipositasschulungsprogramm Obeldicks
Hogreve Verlag 2003