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Übergewicht und Diabetes bei Kindern - gibt es nur eine Behandlungsmöglichkeit?

Prävention von Adipositas und Typ 2 Diabetes mellitus bei Kindern und Jugendlichen

15% der Kinder in Deutschland sind übergewichtig, 6% leiden unter massivem Übergewicht. "Übergewicht und Diabetes bei Kindern - gibt es nur eine Behandlungsmöglichkeit?" ist eines der spannenden Themen der Diabetes Messe 2010 in Münster am 28.02.2010 (Patiententag).

Interview von Susan Röse mit Herrn Prof. Dr. Reinehr

Herr Prof. Dr. Reinehr, können Sie sich bitte kurz vorstellen?

Prof. Dr. Reinehr
 Prof. Dr. Reinehr

Ich bin Professor für Pädiatrie, leite das Institut für Pädiatrische Ernährungsmedizin an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik, Universität Witten/Herdecke, und forsche im Bereich kindliche Adipositas und Typ 2 Diabetes. Aktuell versuchen wir, exakte Daten für Deutschland bezüglich des Typ 2 Diabetes im Kindes- und Jugendalter zu erheben, denn voraussichtlich kennen wir nur etwa jeden 6. adipösen Jugendlichen mit Typ 2 Diabetes. Darüber hinaus versuchen wir, wirksame Interventionen für die Therapie des Typ 2 Diabetes zu entwickeln.

Zu welchen neuen Ergebnissen kommt Ihre Studie?

Eine Lifestyleintervention mit Bewegungssteigerung und Ernährungsumstellung, die zur Reduktion des Übergewichts führt, ist die Methode der Wahl zur Therapie des Typ 2 Diabetes. Bereits geringe Gewichtsabnahmen führen zu einer Verbesserung des Glucosestoffwechsels. Anderseits erreichen wir mit diesen Interventionen nur die Minderzahl der Patienten. Mehr als 2/3 der adipösen Jugendlichen mit Typ 2 Diabetes gehen nach der Diagnose in Deutschland den Diabeteszentren verloren. Hier ist also ein dringender Verbesserungsbedarf notwendig.

"Übergewicht und Diabetes bei Kindern - gibt es nur eine Behandlungsmöglichkeit?" ist Ihr Vortragsthema auf der Diabetes Messe 2010 in Münster. Was können Sie uns dazu sagen?

Bewegung zu steigern und Gewicht abzunehmen ist leicht gesagt aber schwer umzusetzen. Die Kinder und Jugendlichen sind auf die Mithilfe ihrer Familie und peer-group angewiesen. Eine Lifestyleintervention muss sich daher immer individuell an der Situation des Patienten ausrichten und Gruppenschulungen sind nur bedingt möglich. Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, auch direkt mit einer medikamentösen Therapie zu beginnen, insbesondere wenn die Voraussetzungen für eine langfristige Teilnahme an Lifestyleinterventionen in der Familie nicht gegeben sind. Erstaunlicherweise gehen Kinder mit medikamentösen Therapien im Verlauf den Diabeteszentren seltener verloren.

Sie sagen, dass die Therapie der Wahl des Diabetes mellitus Typ 2 und seine Prävention auch im Kindesalter die Behandlung der Adipositas ist. Was ist "Obeldicks"?

Obeldicks ist ein einjähriges Schulungsprogramm für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern. Spielerisch lernen die Kinder und Jugendlichen wieder Spaß an Bewegung zu finden und das erforderliche Ernährungswissen. Individuelle psychologische Betreuung ermöglicht eine individuelle Therapie der jeweiligen Familien. Obeldicks wird an vielen Standorten in Deutschland angeboten, z.B. auch an der Vestischen Kinderklinik. Alle Therapeuten werden bei uns in der Kinderklinik geschult, um ein hohes Niveau in der Behandlung zu erreichen. Infos unter www.kinderklinik-datteln.de/obeldicks.htm. Weitere hilfreiche Infos und andere Therapieangebote finden sich unter www.a-g-a.de.

Sollte sich der Verbraucherschutz mehr dem Schutz unserer Kinder widmen?

Die Werbung suggeriert, dass viele Produkte eine normale Ernährung mit frischem Obst und Gemüse vom Markt ersetzen, dabei ist der Zuckeranteil in solchen künstlichen Produkten sehr hoch. Warum nicht einfach mehr frisches Obst und Gemüse essen und sich mehr bewegen, es kann doch mit einfachen Mitteln so einfach sein?

Naturbelassene Produkte sind immer industriell hergestellten Getränken vorzuziehen. Der meiste Zuckeranteil findet sich in Getränken (Vorsicht auch Apfelsaft kann dick machen). Werbung zielt immer darauf ab, das Produkt zu verkaufen, und nicht darauf, objektiv zu beraten. Ein Ampelsystem könnte hierfür eine Erleichterung für den Verbraucher darstellen, wird aber von der Industrie und Politik in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern (noch) abgelehnt.


Wie sieht die Zukunft aus?

Der Anteil von Kindern mit Typ 2 Diabetes in Deutschland wird parallel zur Zunahme der Adipositas (Verdoppelung der Häufigkeit in den letzten 15 Jahren) zunehmen. Allerdings werden wir bei weitem nicht die Zahlen aus den USA erreichen, wo der Typ 2 Diabetes bei Jugendlichen fast so häufig in einigen Regionen ist wie der Typ 1 Diabetes. Hierfür sind genetische Gründe verantwortlich, die weiße Bevölkerung erleidet deutlich seltener bei Übergewicht bereits im Kindesalter einen Diabetes.

Herr Prof. Dr. Reinehr, danke für das Interview.

Pressekontakt:
Susan Röse - Freie Journalistin
Avenariusstraße 15
22587 Hamburg/Germany

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