Therapieziel Lebensstiländerung
Ganzheitlich zu einer besseren Figur
Einen typischen Adipositas-Fall aus der Praxis schildert Dr. med. Frigga Ferara aus Ludwigshafen
Der Fall: 30 Jahre, 172 cm, 137 kg, BMI 46 kg/m2 - ein "Massen"-Problem für eine junge Frau mit Diabetes mellitus (DM) - und für den Arzt.
Soll das Problem überhaupt angesprochen werden? Erfahrungsgemäß ist das Gesprächsklima rasch vergiftet, wenn der kritische Punkt, das Gewicht, vom Arzt direkt genannt wird.
Also messen wir Blutzucker (BZ) und Blutdruck, sprechen über ihren Stress am Arbeitsplatz, die Belastung durch die Familie und andere Dinge.
Dann werden diverse Materialien für die Patientin zum Mitnehmen zusammengestellt, darunter ein BZ-Pass, ein DM-Gesundheitspass, ein DM-Informationsbuch, eine Ernährungspyramide, ein Flyer unserer Diabetesschule sowie Internet-Adressen für Diabetes-Infos, ein BZ-Tagesprofil, ein Augenbogen und DMP-Infos.
Wir gehen alle Materialien durch. Die Ernährungspyramide wird Stufe für Stufe besprochen. "Ach so, Obst und Säfte können dick machen? Obst ist doch gesund, das soll man doch täglich mehrfach essen." Unsere Patientin hat jeden Vormittag mindestens eine Banane gegessen. Dass diese Kalorien auch zählen, war ihr nicht bewusst. Ein kleines Aha-Erlebnis stellt sich ein.
Und dann kommt die Frage nach Hilfen zum Abnehmen. Es müsste doch sicher Medikamente geben, die das Gewicht problemlos reduzieren? Bestimmt hätte ich ein geheimes Wundermittel um schlank zu werden? Wir besprechen die Medikamente zur Resorptionsverminderung der Fette im Darm, die Appetitzügler und die Formula-Diäten.
Eine Kur von drei Wochen in einer Klinik mit abgezählten Kalorien zu allen Mahlzeiten, das wäre doch eine Patentlösung.
Lässt sich in dieser Zeit eine definitive Gewichtsreduktion erreichen, und wie lange würde der Erfolg anhalten? Unsere Patientin hat bereits eine Karriere diverser "Diäten" hinter sich. Wir stellen gemeinsam fest: Das Leben spielt sich im Alltag ab, die Gewichtsreduktion sollte langsam erfolgen und darf Zeit kosten.
Eine Verhaltensänderung ist nötig. Wir diskutieren als Ziel eine Gewichtsabnahme von 3 kg pro Monat. Die Patientin schaut skeptisch und meint: "Muss man nicht mindestens 10 kg in vier Wochen abnehmen um glaubwürdig zu sein?"
Wir vereinbaren eine Gewichtsabnahme von 100 g täglich bei einer moderaten, aber konsequenten Ernährungsumstellung ohne zu starre Regeln. Wenn die Umstellung im Lebensstil nicht langfristig, dass heißt lebenslang, beibehalten wird, erzielen wir lediglich einen Jo-Jo-Effekt. Und lebenslang wird eine andere Kost nur dann beibehalten, wenn sie unserer Patientin auch schmeckt.
Was isst und trinkt unsere Kandidatin denn überhaupt? Ein Selbstbeobachtungsbogen soll Auskunft darüber geben wann, wo, was, warum und wie lange gegessen wurde und wie viele Kalorien die Mahlzeiten enthielten? Wir empfehlen der Patienten die Broschüre "Kalorien mundgerecht".
Ab sofort wird der Fahrstuhl gemieden und jede Gelegenheit zu etwas körperlicher Betätigung genutzt. Mit ihrer jetzigen Figur wagt sich die junge Frau nicht ins Schwimmbad oder Fitness-Studio. Das Argument ist verständlich. Es gibt nur maßgeschneiderte Empfehlungen für Bewegung, Ernährung und Änderung der Lebensgewohnheiten. Neue Ziele im Leben, positives Denken, andere Ernährung, mehr Bewegung anstelle von Essen - diese Einsichten versuchen wir zu vermitteln.
Auch eine Reise von 1.000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. Ist diese Botschaft bei der Patientin angekommen? Wir vereinbaren einen weiteren Termin in vier Wochen.
Heute ist sie da, 4,6 kg leichter, sie wirkt erleichtert und freut sich über ein großes Lob von uns. Nach ihrer Ferienreise sehen wir uns wieder, sie wird weiter abnehmen. Der Anfang ist geschafft.
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