Angststörungen bei Diabetes

Angststörungen bzw. unterschwellige Ängste im Zusammenhang mit der Diabetesbehandlung können die Ursache für eine schlechte Stoffwechseleinstellung sein. Diabetiker mit einer Angststörung sind zudem durch den Diabetes überdurchschnittlich belastet. Dies belegen Fragebögen zur Lebensqualität.

Was versteht man unter Angststörungen?

Angst ist eine völlig natürliche und – ähnlich dem Schmerz – evolutionär sinnvolle Reaktion auf das Empfinden einer Bedrohung, z.B. einen Einbruch oder ein außer Kontrolle geratenes Auto. Angst ist ein unangenehmes Gefühl weniger eindeutigen Ursprungs. Evolutionär gesehen bietet die Angstreaktion einen Überlebensvorteil in einer Welt voller Gefahren. Eine adäquate Angstreaktion äußert sich als angemessene Vorsicht in potenziell bedrohlichen Situationen. Das Niveau der Ängstlichkeit passt sich beim Gesunden den Bewusstseinszuständen von Schlaf, Wachsamkeit, Angst und Furcht an.

So werden Angststörungen eingeteilt:

Generalisierte Angststörung: Übertriebene, fast täglich auftretende Ängste und Sorgen bezüglich einer Vielzahl von Aktivitäten und Ereignissen.

Panikattacken bedeuten akute und extreme Angst und gehen mit körperlichen Symptomen einher, z.B. Kurzatmigkeit, Ohnmachtsgefühl, Herzklopfen, Zittern oder auch die Furcht verrückt zu werden.

Phobien sind anhaltende irrationale extreme Ängste vor bestimmten Situationen, z.B. Höhenangst oder Angst vor kleinen Hunden.

Angststörungen bei Menschen mit Diabetes

Angststörungen im Sinne einer übertriebenen und häufig oder dauernd auftretenden Angst sind bei Diabetikern im Allgemeinen nicht häufiger als in der sonstigen Bevölkerung. Bestehen bei Menschen mit Diabetes Angststörungen, haben sie teilweise einen engen Bezug zu der Krankheit. Ängste vor Folgekomplikationen und Unterzuckerungen (Hypoglykämien) stellen die beiden stärksten krankheitsspezifischen Belastungen im Zusammenhang mit der Diabetestherapie dar.

Die Angst vor Hypoglykämien (Unterzuckerungen)

Die übermäßige Angst vor möglichen zukünftigen Hypoglykämien kann zu irrationalem Verhalten führen: Um nur ja nicht in den gefürchteten Unterzucker zu kommen, werden meist deutlich überhöhte Blutzuckerwerte in Kauf genommen – höher und häufiger als es zur Vermeidung von Hypoglykämien nötig wäre. So ist der Schaden dieser Taktik auf Dauer größer als der Nutzen. Je nach Ausgestaltung der Hypoglykämie-Angst können die Kriterien einer Panikstörung, Agoraphobie oder sozialen Phobie erfüllt sein.

Die Angst vor Folgeschäden des Diabetes

Übermäßige Ängste und Sorgen über mögliche Spätfolgen und Komplikationen des Diabetes können mit einer generalisierten Angststörung verbunden sein. Eine Studie der Bad Mergentheimer Diabetesakademie entdeckte folgende Bedenken und Ängste bei Patienten zu Beginn einer Insulintherapie:

  1. Gewichtszunahme (50% der Befragten)
  2. Verschlechterung der Therapie (41%)
  3. Endgültigkeit der Entscheidung für das Insulin (41%)
  4. Angst vor der Spritze und vor Schmerzen (33%)
  5. Überforderung durch die Insulintherapie (29%)
  6. Unterzuckerungen (25%)

Im Vergleich zu den Diabetikern, die dem Insulin offener gegenüberstanden, waren die Insulin-Skeptiker

  • häufiger weiblich (56% vs. 44%), waren
  • länger an Diabetes erkrankt, hatten
  • höheres Übergewicht und einen
  • höheren HbA1c (8,8 vs. 6,3)

Die Stoffwechseleinstellung war bei den Insulin-Ablehnern deutlich schlechter. Dies deuten die Forscher als Hinweis auf eine eigentlich längst fällige Insulintherapie. Außerdem fanden sie bei den insulinskeptischen Patienten höhere Fragebogenwerte für Ängstlichkeit und Depressivität.

Die Angst, den Diabetes öffentlich zu zeigen

Die Angst vor negativer Bewertung durch andere kann die Diabetesbehandlung verschlechtern. Diese soziale Phobie äußert sich z.B. in der Angst, in der Öffentlichkeit als Diabetiker durch Blutzuckermessen und Insulinspritzen unangenehm aufzufallen. Der Verzicht auf die notwendigen Maßnahmen kann natürlich gesundheitlich negative Folgen haben.

Wie kann man eine Angststörung feststellen?

An erster Stelle steht das vertrauensvolle Gespräch mit Ihrem Arzt. Eine Angststörung kann von anderen psychischen Problemen oder einer Depression abgegrenzt werden, dies ist in Hinblick auf die Therapie auch notwendig. Ergänzend können Sie einen Gesundheitsfragebogen, der Angst- und Depressionssymptome erfasst, ausfüllen und Ihrem Arzt vorlegen.

Wie lässt sich die Angststörung behandeln?

Unterschwellige Ängste können oft schon durch Beratung und Aufklärung aufgedeckt werden. In einem vertrauensvollen Arztgespräch kann es gelingen, leichtere Ängste aufzulösen. Beispielsweise kann ein geschulter Arzt oder Psychologe Sie ermutigen, sich der angstbesetzten Situation auszusetzen und Sie anleiten, in welcher Weise man ihr begegnet (verhaltenstherapeutischer Ansatz). Ist nach etwa vier Wochen keine Besserung in Sicht, wird eine Psychotherapie oder eine medikamentöse Behandlung empfohlen.

Psychotherapie bei einer Angststörung

Angststörungen können generell durch Psychotherapie wirksam behandelt werden. Eine Psychotherapie sollte erfolgen, wenn eine mittelgradige oder schwere Angststörung vorliegt oder im Rahmen der Grundversorgung (Arztgespräch, s.o.) keine durchgreifende Besserung erreicht werden konnte. Geeignete Therapieverfahren sind die kognitive Verhaltenstherapie und die psychodynamische Psychotherapie. Bei diabetesspezifischen Ängsten (z.B. Hypoglykämieangst, Insulinspritzenphobie) sollte als Methode der ersten Wahl eine Verhaltenstherapie bei einem diabetologisch erfahrenen Psychotherapeuten erfolgen.

Medikamente gegen Angststörungen

Folgende Medikamente können als Ergänzung zur Psychotherapie in der Behandlung von Angststörungen bei Diabetikern empfohlen werden:
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI; sind gegenüber den trizyklischen Antidepressiva aufgrund des günstigeren Nebenwirkungsprofils zu bevorzugen), Benzodiazepine (nur zeitlich begrenzt).