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Depressionen bei Diabetes

Zwischen Diabetes mellitus und Depressionen besteht eine enge Wechselbeziehung. Statistisch gesehen verdoppelt eine anhaltende Depression das Risiko, Diabetes zu entwickeln. Umgekehrt haben Menschen mit Diabetes ein erhöhtes Risiko, depressive Symptome zu bekommen.

Häufigkeit von Depressionen bei Menschen mit Diabetes

Studien haben gezeigt, dass Depressionen bei Diabetikern im Erwachsenenalter drei- bis vierfach häufiger sind als bei stoffwechselgesunden Personen. Schätzungsweise jeder vierte Mensch mit Diabetes leidet an einer leichten depressiven Störung, etwa jeder zehnte an einer schweren Depression.

Dabei gibt es keine Unterschiede in der Häufigkeit zwischen Typ-1 und Typ-2-Diabetikern. Frauen mit Diabetes erkranken aber deutlich häufiger an Depressionen als Männer. Allgemein besteht eine erhöhte Depressionsneigung insbesondere

  • nach der Diagnosestellung „Diabetes“
  • wenn sich akut Folgeerkrankungen eingestellt haben
  • nach schweren Unterzuckerungen
  • nach Umstellung von oraler auf Insulintherapie

Insgesamt überwiegen milde Formen der Depression (Dysthymie) sowie Anpassungsstörungen, die sich als Reaktion auf die Bewältigung der Erkrankungen entwickeln. Experten sprechen von depressiv-ängstlichen Reaktionen.

Zusammenhänge zwischen Diabetes und Depressionen

  • Diabetes ist eine chronische Krankheit. Bei allen chronischen Krankheiten können sich depressive Störungen als Reaktion auf die Belastungen und Einschränkungen durch die Krankheit einstellen.
  • Auch sind bei depressiven Patienten Risikofaktoren für Diabetes erhöht, wie Rauchen, Übergewicht und zu wenig körperliche Bewegung.
  • Eine Depression geht noch mit weiteren biochemischen Veränderungen im Körper einher, die auf den Stoffwechsel wirken: Manche depressiven Patienten bilden vermehrt „Stresshormone“ wie Kortisol und Adrenalin; bei anderen beobachtet man Störungen des Glukosetransports und erhöhte Blutspiegel entzündungsfördernder Botenstoffe (Zytokine).

Folgen einer Depression bei Diabetes

  • Wie Untersuchungen belegt haben, befolgen Patienten mit Diabetes mellitus und einer Depression in geringerem Umfang die therapeutischen medizinischen Empfehlungen und weisen eine ungünstigere Stoffwechseleinstellung (HbA1C) auf.
  • Menschen mit einem Diabetes und einer Depression haben ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Folgekomplikationen und eine geringere Lebenserwartung.
  • Depressionen beeinträchtigen erheblichen die Lebensqualität und die Therapiezufriedenheit der Betroffenen.
  • Depressive Personen mit einem Diabetes haben ein deutlich erhöhtes Risiko für funktionelle Einschränkungen im Alltag (z.B. Arbeitsfähigkeit).
  • Das Risiko, an einer Depression zu erkranken, steigt mit der Entwicklung und der Anzahl der diabetischen Folgeschäden an den großen und kleinen Gefäßen (Arterien, Augen, Nieren).
  • Besonders in den ersten 30 Tagen nach einer schweren Unterzuckerung (Hypoglykämie) besteht oft eine verstärkte depressive Symptomatik.
  • Eine Depression erhöht das Risiko, Selbstmord (Suizid) zu begehen.
  • Weniger für den individuellen Patienten, mehr für die Gesellschaft relevant ist der Umstand, dass die Kosten der medizinischen Versorgung bei Personen mit einem Diabetes und einer Depression deutlich höher liegen als bei Diabetes ohne Depression.

Was unterscheidet eine „Verstimmung“ von einer Depression?

Obwohl die Verbindung zwischen Depression und Diabetes mellitus stärker ist als die Verbindung zwischen Diabetes und rein diabetischen Komplikationen, ist es manchmal auch für den Arzt schwierig, die Diagnose einer depressiven Episode zu stellen. Folge: Nur bei jedem dritten Diabetiker mit Depression wird die letztere erkannt und behandelt. Dies hat verschiedene Ursachen:

Zuerst ist nicht jeder depressive Gemütszustand eine echte Depression. Redewendungen wie „Ich hab‘ totale Depressionen“ meinen oft nur eine vorübergehende Niedergeschlagenheit aufgrund eines konkreten Auslösers. Solche Verstimmung gehören zu den normalen Hochs und Tiefs unseres Lebens. Oft sind sie eine adäquate Reaktion auf Verluste, Enttäuschungen und Belastungen.
Erst wenn dieser Zustand über Wochen oder Monate anhält und die Ausprägung der Symptome zunimmt, spricht man von „Depression“ als ernsthafter Erkrankung.
Wer wirklich depressiv ist, dem fällt es oft schwer, dies offen zuzugeben und darüber zu sprechen. Gemäß der Devise „Jeder ist auch einmal depressiv“ oder „Wenn ich einen Diabetes hätte, wäre ich auch depressiv“ werden Depressionen oft auch von Behandlern des Diabetes unterschätzt.
Denn „typische“ depressive Symptome wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, verminderter Appetit oder sexuelle Störungen können Folgen einer schlechten Blutzuckereinstellung sein. Vor einer schnellen Diagnose einer behandlungsbedürftigen Depression sollte daher überprüft werden, ob diese Anzeichen nicht die Folge einer Stoffwechselentgleisung sind. Andererseits sollten Sie sich nicht vorschnell mit der Erklärung abfinden, dass die depressiven Beschwerden „sicherlich mit dem Diabetes“ zusammenhängen.

Wie kann man eine Depression konkret feststellen?

Ihr Arzt kann depressive Symptome im eingehenden Gespräch und/oder mit Unterstützung durch fragebogenartige Tests feststellen. Mittlerweile gibt es auch verschiedene Selbstbeurteilungsfragebögen wie beispielsweise folgenden Kurztest:

Kurztest zur Diagnose einer Depression

Leiden Sie seit mehr als zwei Wochen an

  • gedrückter Stimmung
  • Verlust an Interesse und/oder Freude bei sonst angenehmen Ereignissen
  • Schwunglosigkeit und/oder bleierner Müdigkeit und/oder innerer Unruhe
  • fehlendem Selbstvertrauen und/oder Selbstwertgefühl
  • verminderter Konzentrationsfähigkeit und/oder starker Grübelneigung
  • starken Schuldgefühlen und/oder vermehrter Selbstkritik
  • negativen Zukunftsperspektiven und/oder Hoffnungslosigkeit
  • hartnäckigen Schlafstörungen
  • vermindertem Appetit
  •  tiefer Verzweiflung und/oder Todesgedanken?

Wenn Sie vier oder mehr positive Antworten gegeben haben, sollten Sie (wenn möglich, mit einem Ausdruck dieses kleinen Fragebogens) zum Arzt gehen.

Wie lässt sich die Depression behandeln?

Die Wechselbeziehung zwischen Diabetes und Depression ist für die Therapie sehr bedeutsam: Die konsequente Behandlung einer Depression kann die Stoffwechsellage bei Diabetes bessern. Umgekehrt kann sich eine optimale Blutzuckereinstellung positiv auf den Verlauf einer Depression auswirken. Angesichts der psychischen Belastung und der negativen Auswirkungen auf die Stoffwechsellage sollte eine Depression beim Diabetiker so konsequent behandelt werden wie beim Nichtdiabetiker. Grundsätzlich können auch die gleichen Verfahren eingesetzt werden, psychologischer wie medikamentöser Art.

Beratung und Psychotherapie bei einer Depression

An erster Stelle steht das vertrauensvolle Gespräch mit Ihrem Arzt. Wer sich anvertraut, hat schon den ersten Schritt zur Entlastung getan. Je nach Situation kann es darum gehen, zuerst Informationen zu vermitteln (über Depression als Verstimmung oder als Krankheit), Schuldgefühle zu nehmen, Akzeptanz zu erfahren. Ihr Arzt kann Sie bei Bedarf an einen Psychologen oder Psychotherapeuten überweisen. Bei der ambulanten wie auch stationären Behandlung der Depression haben sich Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie als effektiv erwiesen. Wichtig ist, dass Sie sich klar machen, dass eine Depression nichts mit persönlicher Schuld oder Versagen zu tun hat. Obwohl man nicht gerne über psychische Probleme spricht, ist es so, dass sie jeden Menschen treffen können.

Medikamente zur Behandlung einer Depression

Zur medikamentösen Behandlung depressiver Störungen empfiehlt die Deutsche Diabetes Gesellschaft in erster Linie neuere Antidepressiva vom Typ der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Klassische (trizyklische) Antidepressiva sind ebenfalls wirksam, können aber eher Gewichtszunahme und Unterzuckerung verursachen. Bei zusätzlicher Angststörung können Benzodiazepine (zeitlich begrenzt wegen Gewöhnung) und/oder niederpotente Neuroleptika verordnet werden.

Menschen mit Diabetes können sich an besonders qualifizierte Fachpsychologen wenden. Weiteer Informationen dazu finden Sie auf der Internernetseite www.diabetes-psychologie.de.

Rauchen und Diabetes

Die Zigarette ist eindeutig und mit Abstand das am weitesten verbreitete legale Suchtmittel, die Nikotinabhängigkeit die gängigste Sucht. Insgesamt rauchen in Deutschland rund 28% der Bevölkerung über 15 Jahre (Männer 35%, Frauen 22% mit steigender Tendenz). Nach medizinischen Kriterien sind ca. 70 bis 80% der Raucherinnen und Raucher nikotinabhängig. Das heißt, bei mindestens 15,6 Millionen Menschen in Deutschland führt Nichtrauchen zu körperlichen Entzugssymptomen. Die Prävalenz der Tabakabhängigkeit bei Patienten mit Diabetes unterscheidet sich im Durchschnitt nicht von der in der Allgemeinbevölkerung.

Wenn Diabetiker rauchen

Nikotinabhängigkeit ist teilweise mit schlechterer Selbstbehandlung des Diabetes und schlechter metabolischer Kontrolle verbunden. Diabetiker, die rauchen, haben ein erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu Personen, die noch nie geraucht haben. Das Risiko ist abhängig von der Dauer des Rauchens und der Anzahl der gerauchten Zigaretten. Bei Rauchern erhöht sich das Risiko für die Entwicklung diabetesbedingter Folge- und Begleiterkrankungen, in erster Linie kardiovaskulärer Erkrankungen wie

  • Herzinfarkt,
  • Schlaganfall,
  • Bluthochdruck (Hypertonie) und
  • diabetische Nephropathie
  • diabetische Retinopathie

Diabetes plus Rauchen = Hochrisiko

Rauchen ist ein Hauptrisiko für die Gefäße – beim Diabetiker wie beim Gesunden. Das Problem ist, dass ein Diabetiker an sich schon ein erhöhtes Gefäßrisiko hat: Jeder zweite Diabetiker stirbt einen vorzeitigen Herztod. 80% aller Herzinfarktpatienten haben einen Diabetes. Die Schlaganfallrate ist verdoppelt.

Wann liegt eine Nikotinabhängigkeit vor?

Es ist verständlich: Häufig leugnen Raucher eine Abhängigkeit und meinen, sie könnten aufhören zu rauchen, wenn sie wollten. Dabei unterschätzen sie oft sowohl die Abhängigkeit als auch die negativen Auswirkungen auf diabetesbedingte Folge- und Begleiterkrankungen.

Günstig ist, dass bei den DMP-Programmen regelmäßig nach dem Nikotinkonsum gefragt wird und damit ein Gesprächseinstieg zur Änderung des Verhaltens erleichtert wird.

Den Grad der Abhängigkeit bestimmen

  • Die Zahl der täglich gerauchten Zigaretten (Zigarren, Pfeife),
  • der Zeitpunkt der morgendlich gerauchten Zigarette,
  • das Raucher-Tagesprofil sowie
  • die Inhalationstiefe

Wie kommt man von der Zigarette los?

Es gibt eine Vielzahl an psychosozialen und medikamentösen Therapieansätzen, z.B.

  • Raucherentwöhnungstraining
  • beim Arzt oder Psychologen
  • an der Volkshochschule
  • in Selbsthilfegruppen
  • mit Hilfe bestimmter Methoden wie Akupunktur, Hypnose

Basis jeder Behandlung sollte eine klare Zielvorstellung sein. Machen Sie sich keine Vorwürfe, wenn es nicht beim ersten Mal klappt und Sie nach einer gewissen Zeit „rückfällig“ werden. Halten Sie aber an Ihrem Ziel fest nach dem Motto: „Nichts erreicht man im ersten Anlauf“.

Bewährt haben sich Raucherentwöhnungs-Gruppen, deren soziale Kontakte einen Rückhalt und eine gegenseitige Unterstützung und Kontrolle der Teilnehmer bieten.

Nikotinersatz in Form von Kaugummi, Pflastern und Sprays

Medikamentöse Unterstützung bieten u.a. Nikotinersatz-Präparate und u.U. bestimmte Psychopharmaka. Als entwöhnungswilliger Diabetiker müssen Sie bei Anwendung dieser Medikamente nicht befürchten, dass Sie die eine Abhängigkeit gegen eine andere eintauschen. Allein die Zigarette führt durch das inhalative Prinzip zu dem raschen Anfluten des Nikotins im Gehirn, das mit dem Phänomen des „Kicks“ und der Erzeugung einer Abhängigkeit verbunden ist. Nikotin-Präparate in Form von Kautabletten oder Pflastern setzen den Wirkstoff Nikotin sehr viel langsamer frei und halten den Pegel über eine gewisse Zeit konstant.

Weitere Tipps und eine Suche nach Anbietern von Programmen zum Rauchverzicht bietet die Seite www.rauchfrei-info.de.

Ärzte können sich bei Ihrem strukturierten Therapieangebot z.B. an Richtlinien der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft orientieren.

Alkoholabhängigkeit bei Diabetes

Alkoholmissbrauch tritt bei Menschen mit Diabetes genauso häufig auf wie in der Allgemeinbevölkerung (ca. 4%). Akut alkoholabhängig sind ca. 2,4% der Bevölkerung ab 18 Jahren. Das heißt, bei fast zwei Millionen Menschen führt Nicht-Trinken zu körperlichen Entzugssymptomen.

Die Blutzuckereinstellung wird durch Alkoholmissbrauch zweifach negativ beeinflusst

  • durch die direkten Einwirkungen des Alkohols auf den Zuckerstoffwechsel,
  • sowie indirekt, indem das Trinken die Motivation zur Behandlung unterläuft.

Folgen der Alkoholabhängigkeit bei Diabetes

Alkoholmissbrauch erhöht das Risiko für Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck (Hypertonie) oder Fettstoffwechselstörungen (Hyperlipidämie) sowie für diabetesbedingte Akut- und Folgekomplikationen:

  • Polyneuropathie
  • diabetisches Fußsyndrom
  • Impotenz (erektile Dysfunktion)
  • schwere Hypoglykämien und Ketoazidosen mit Todesfolge.

Die Diabetesbehandlung wird häufig sehr erschwert, aufgrund

  • mangelnder Behandlungsmotivation
  • Fehler bei der Selbstbehandlung
  • chronischer Folgen des Alkoholabusus (z. B. Magen-Darm-Störungen) sowie
  • unzureichender, unregelmäßiger medizinischer Betreuung.

Eine frühe Diagnose ist wegen des Risikos der Gewohnheitsbildung des Trinkens und der negativen Auswirkungen von Substanzabhängigkeiten auf die Diabetestherapie besonders wichtig. Psychisch verständlich ist, dass Alkoholabhängigkeit häufig geleugnet wird – bewusst oder auch ungewollt, aus Unwissen, dass eigentlich schon eine Abhängigkeit besteht.

Als tolerabler Alkoholkonsum für Gesunde gilt

  • bei Männern eine Menge von 20 – 40 Gramm Alkohol pro Tag (entspricht z.B. 0,5 bis 1 Liter Bier mit 5 Volumenprozent Alkohol, oder 0,2 bis 0,4 Liter Wein mit 12 Volumenprozent Alkohol
  • bei Frauen von 10 – 20 Gramm pro Tag.

Zur individuellen Diagnose sollten Sie Ihrem Arzt ungeschönt sagen, wieviel und wie oft Sie Alkohol trinken. Er wird Sie auch nach körperlichen bzw. psychischen Beeinträchtigungen fragen, eine körperliche Untersuchung vornehmen und gegebenenfalls eine Blutuntersuchung veranlassen. Hilfreich für den Arzt sind dabei spezifische Fragebögen (z.B. Lübecker Alkoholabhängigkeits- und Alkoholmissbrauchs-Screening-Test (LAST), Trierer Alkoholismusinventar und Münchner Alkoholismus-Test (MALT)).

Wie wird Alkoholmissbrauch behandelt?

Als alkoholabhängiger Patient haben Sie Anspruch auf ein strukturiertes Therapieangebot. Bitte wenden Sie sich in Ihrem eigenen Interesse vertrauensvoll an ihren Arzt, oder an eine Drogenberatungsstelle.

Die Diabetestherapie muss, solange eine Entwöhnung nicht erreicht wurde, insbesondere die Gefahr von Unterzuckerungen (fehlende Gegenregulation der Leber) berücksichtigen. Soweit verfügbar, sollten Suchtberater und Angehörige in die Diabetesbetreuung einbezogen werden.

 

 

Essstörungen bei Diabetes

Psychogene Essstörungen stellen neben den Depressionen und Angststörungen die wichtigsten psychischen Krankheiten bei Patienten mit Diabetes mellitus dar. Neben den klassischen Essstörungen Magersucht (Anorexia nervosa) und Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) ist vor allem die so genannte „Binge-Eating-Störung“ von Bedeutung, bei der den Heißhungerattacken keine gegensteuernden Maßnahmen wie Erbrechen folgen. Im Hinblick auf die Stoffwechseleinstellung können alle Formen gestörten Essverhaltens einen negativen Effekt haben.

Formen der Essstörungen

Anorexia nervosa

Unter einer Anorexia nervosa versteht man eine psychisch bedingte Essstörung mit beabsichtigtem, durch Erbrechen, Abführen oder übertriebene körperliche Aktivitäten selbst herbeigeführtem Gewichtsverlust. Die Magersucht kommt v.a. bei jungen Frauen zwischen dem 10. und dem 25. Lebensjahr vor. Sie ist eine seltene Erkrankung (ca. 1-2% der Bevölkerung) und tritt bei Diabetikern nicht häufiger auf als bei Stoffwechselgesunden.

Bulimia nervosa

Bulimia nervosa-Patienten nehmen in exzesshaften „Fressattacken“ in kurzer Zeit große Mengen Nahrungsmittel auf, um anschließend Maßnahmen zu ergreifen, das Körpergewicht in normalem Rahmen zu halten, z.B. durch periodisches Fasten, Missbrauch von Abführmitteln, übertriebene körperliche Aktivitäten. Die Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) ist in den letzten Jahrzehnten deutlich häufiger geworden. Man schätzt, dass ca. 3 bis 6 Prozent der jungen Frauen mit Diabetes an dieser Essstörung leiden.

Gefahr einer Essstörung: Insulin wird bewusst reduziert

Mindestens 90% aller Diabetiker mit einer Anorexia oder Bulimia nervosa sind Frauen. Junge Frauen mit Diabetes und einer Anorexia oder Bulimia nervosa reduzieren nicht selten bewusst ihre Insulininjektionen oder die Insulindosis, um mittels der nachfolgenden Zuckerauscheidung im Urin (Glukosurie) Kilokalorien bzw. Gewicht zu verlieren. Dieses Insulin-Purging“ kann auf Dauer zu erheblichen Folgeschäden führen.

Binge-Eating-Störung

Die Binge-Eating-Störung ist insbesondere für Typ 2 Diabetiker von Bedeutung, da sie in der Regel mit Übergewicht und Adipositas einhergeht. Der Anteil an erkrankten Männern beträgt hier mindestens 30%.

Wie wird eine Essstörung bei Diabetes festgestellt?

Bei jungen Mädchenmit Diabetes mellitus liegt im Vergleich zu stoffwechselgesunden Gleichaltrigen häufiger ein gestörtes Essverhalten vor, das zwar nicht alle Kriterien (z.B. einer bulimischen Essstörung) erfüllt, welches aber (z.B. durch Heißhungerattacken) ein erhöhtes Risiko für eine Entgleisung des Stoffwechsels und die Entwicklung von diabetischen Spätschäden beinhaltet.

Hinweise sind:

  • Untergewicht (BMI unter 18,5)
  • Adipositas (BMI über 30) und/oder
  • deutlich gestörte Stoffwechselregulierung

Trifft einer dieser Punkte zu, sind folgende Fragen für eine Beurteilung wichtig:

Bei Untergewicht: Ist das Untergewicht selbst verursacht (Fasten oder exzessive gegensteuernde Maßnahmen, z.B. Sport oder Insulin-Purging)?
Besteht die Überzeugung, trotz Untergewicht zu dick zu sein (Körperschemastörung)?

Bei schlechtem Stoffwechsel: Liegen Essanfälle (Verzehr von großen Mengen Nahrung in kurzer Zeit, Kontrollverlust) vor? Besteht die panische Befürchtung, zu dick zu werden? Bestehen gegensteuernde Maßnahmen (Erbrechen, Abführen oder übertriebene körperliche Aktivitäten)?

Bei Übergewicht: Liegen Essanfälle ohne gegensteuernde Maßnahmen vor? Es kann notwendig sein, dass Ihr Arzt einen Spezialisten für Psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie hinzuzieht.

Wie werden Essstörungen behandelt?

Im Hinblick auf die Stoffwechseleinstellung können alle Formen gestörten Essverhaltens einen negativen Effekt haben und sind insofern behandlungsbedürftig.

Psychotherapie bei Essstörungen

Hat Ihr Arzt eine psychogene Essstörung festgestellt, ist in der Regel eine Psychotherapie angebracht. Sie ist der wichtigste einzelne Behandlungsansatz. Geeignete Verfahren sind die kognitive Verhaltenstherapie, die psychodynamische Psychotherapie, die interpersonelle Psychotherapie und insbesondere bei jungen Menschen, die noch in ihren Familien leben, die
Familientherapie.

Eine psychotherapeutische Behandlung sollte auch bei isoliertem „Insulin-Purging“ erwogen werden, da dieses selbstschädigende Verhalten mit einer deutlich schlechteren Stoffwechselkontrolle einhergeht. Ein frühzeitiger Behandlungsbeginn und eine ausreichende Behandlungsdauer sind wesentlich, um die Gefahr einer Chronifizierung zu vermindern. Die Frage, ob eine ambulante oder stationäre Behandlung sinnvoll ist, sollte durch einen entsprechenden Facharzt geklärt werden.

Behandlung der Binge-Eating-Störung bei Diabetes

Diabetische Patienten mit einer Binge-Eating-Störung sind in aller Regel adipös, so dass Überlegungen zu allen drei Krankheitsentitäten (Diabetes mellitus, Adipositas, Binge-Eating Störung) in die Behandlung einfließen müssen. Von daher ist ein multimodales Behandlungskonzept sinnvoll, dessen integrale Bestandteile eine Psychotherapie und ein Gewichtsmanagement (entsprechend den Leitlinien der Deutschen Adipositas Gesellschaft) darstellen.

Psychopharmaka bei Essstörungen

Bei der Bulimia nervosa können ergänzend zur Psychotherapie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eingesetzt werden. In höheren Dosen bewirken sie u.a. eine Hemmung des Appetits und vermindern Heißhungeranfälle). Bei der Anorexia nervosa oder der Binge-Eating Störung sind bislang keine spezifisch wirkenden Psychopharmaka bekannt.

Angststörungen bei Diabetes

Angststörungen bzw. unterschwellige Ängste im Zusammenhang mit der Diabetesbehandlung können die Ursache für eine schlechte Stoffwechseleinstellung sein. Diabetiker mit einer Angststörung sind zudem durch den Diabetes überdurchschnittlich belastet. Dies belegen Fragebögen zur Lebensqualität.

Was versteht man unter Angststörungen?

Angst ist eine völlig natürliche und – ähnlich dem Schmerz – evolutionär sinnvolle Reaktion auf das Empfinden einer Bedrohung, z.B. einen Einbruch oder ein außer Kontrolle geratenes Auto. Angst ist ein unangenehmes Gefühl weniger eindeutigen Ursprungs. Evolutionär gesehen bietet die Angstreaktion einen Überlebensvorteil in einer Welt voller Gefahren. Eine adäquate Angstreaktion äußert sich als angemessene Vorsicht in potenziell bedrohlichen Situationen. Das Niveau der Ängstlichkeit passt sich beim Gesunden den Bewusstseinszuständen von Schlaf, Wachsamkeit, Angst und Furcht an.

So werden Angststörungen eingeteilt:

Generalisierte Angststörung: Übertriebene, fast täglich auftretende Ängste und Sorgen bezüglich einer Vielzahl von Aktivitäten und Ereignissen.

Panikattacken bedeuten akute und extreme Angst und gehen mit körperlichen Symptomen einher, z.B. Kurzatmigkeit, Ohnmachtsgefühl, Herzklopfen, Zittern oder auch die Furcht verrückt zu werden.

Phobien sind anhaltende irrationale extreme Ängste vor bestimmten Situationen, z.B. Höhenangst oder Angst vor kleinen Hunden.

Angststörungen bei Menschen mit Diabetes

Angststörungen im Sinne einer übertriebenen und häufig oder dauernd auftretenden Angst sind bei Diabetikern im Allgemeinen nicht häufiger als in der sonstigen Bevölkerung. Bestehen bei Menschen mit Diabetes Angststörungen, haben sie teilweise einen engen Bezug zu der Krankheit. Ängste vor Folgekomplikationen und Unterzuckerungen (Hypoglykämien) stellen die beiden stärksten krankheitsspezifischen Belastungen im Zusammenhang mit der Diabetestherapie dar.

Die Angst vor Hypoglykämien (Unterzuckerungen)

Die übermäßige Angst vor möglichen zukünftigen Hypoglykämien kann zu irrationalem Verhalten führen: Um nur ja nicht in den gefürchteten Unterzucker zu kommen, werden meist deutlich überhöhte Blutzuckerwerte in Kauf genommen – höher und häufiger als es zur Vermeidung von Hypoglykämien nötig wäre. So ist der Schaden dieser Taktik auf Dauer größer als der Nutzen. Je nach Ausgestaltung der Hypoglykämie-Angst können die Kriterien einer Panikstörung, Agoraphobie oder sozialen Phobie erfüllt sein.

Die Angst vor Folgeschäden des Diabetes

Übermäßige Ängste und Sorgen über mögliche Spätfolgen und Komplikationen des Diabetes können mit einer generalisierten Angststörung verbunden sein. Eine Studie der Bad Mergentheimer Diabetesakademie entdeckte folgende Bedenken und Ängste bei Patienten zu Beginn einer Insulintherapie:

  1. Gewichtszunahme (50% der Befragten)
  2. Verschlechterung der Therapie (41%)
  3. Endgültigkeit der Entscheidung für das Insulin (41%)
  4. Angst vor der Spritze und vor Schmerzen (33%)
  5. Überforderung durch die Insulintherapie (29%)
  6. Unterzuckerungen (25%)

Im Vergleich zu den Diabetikern, die dem Insulin offener gegenüberstanden, waren die Insulin-Skeptiker

  • häufiger weiblich (56% vs. 44%), waren
  • länger an Diabetes erkrankt, hatten
  • höheres Übergewicht und einen
  • höheren HbA1c (8,8 vs. 6,3)

Die Stoffwechseleinstellung war bei den Insulin-Ablehnern deutlich schlechter. Dies deuten die Forscher als Hinweis auf eine eigentlich längst fällige Insulintherapie. Außerdem fanden sie bei den insulinskeptischen Patienten höhere Fragebogenwerte für Ängstlichkeit und Depressivität.

Die Angst, den Diabetes öffentlich zu zeigen

Die Angst vor negativer Bewertung durch andere kann die Diabetesbehandlung verschlechtern. Diese soziale Phobie äußert sich z.B. in der Angst, in der Öffentlichkeit als Diabetiker durch Blutzuckermessen und Insulinspritzen unangenehm aufzufallen. Der Verzicht auf die notwendigen Maßnahmen kann natürlich gesundheitlich negative Folgen haben.

Wie kann man eine Angststörung feststellen?

An erster Stelle steht das vertrauensvolle Gespräch mit Ihrem Arzt. Eine Angststörung kann von anderen psychischen Problemen oder einer Depression abgegrenzt werden, dies ist in Hinblick auf die Therapie auch notwendig. Ergänzend können Sie einen Gesundheitsfragebogen, der Angst- und Depressionssymptome erfasst, ausfüllen und Ihrem Arzt vorlegen.

Wie lässt sich die Angststörung behandeln?

Unterschwellige Ängste können oft schon durch Beratung und Aufklärung aufgedeckt werden. In einem vertrauensvollen Arztgespräch kann es gelingen, leichtere Ängste aufzulösen. Beispielsweise kann ein geschulter Arzt oder Psychologe Sie ermutigen, sich der angstbesetzten Situation auszusetzen und Sie anleiten, in welcher Weise man ihr begegnet (verhaltenstherapeutischer Ansatz). Ist nach etwa vier Wochen keine Besserung in Sicht, wird eine Psychotherapie oder eine medikamentöse Behandlung empfohlen.

Psychotherapie bei einer Angststörung

Angststörungen können generell durch Psychotherapie wirksam behandelt werden. Eine Psychotherapie sollte erfolgen, wenn eine mittelgradige oder schwere Angststörung vorliegt oder im Rahmen der Grundversorgung (Arztgespräch, s.o.) keine durchgreifende Besserung erreicht werden konnte. Geeignete Therapieverfahren sind die kognitive Verhaltenstherapie und die psychodynamische Psychotherapie. Bei diabetesspezifischen Ängsten (z.B. Hypoglykämieangst, Insulinspritzenphobie) sollte als Methode der ersten Wahl eine Verhaltenstherapie bei einem diabetologisch erfahrenen Psychotherapeuten erfolgen.

Medikamente gegen Angststörungen

Folgende Medikamente können als Ergänzung zur Psychotherapie in der Behandlung von Angststörungen bei Diabetikern empfohlen werden:
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI; sind gegenüber den trizyklischen Antidepressiva aufgrund des günstigeren Nebenwirkungsprofils zu bevorzugen), Benzodiazepine (nur zeitlich begrenzt).