News-Archiv: 2009

30.000 Fußamputationen pro Jahr

(2009)

DDG-Jahrestagung machte Defizite deutlich

Pressemitteilung des Deutschen Diabetiker Bundes e. V. (Kassel, den 26. Mai 2009)

Zurück von der 44. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) in Leipzig, 20.-22.04.2009, zeigte sich der Bundesvorsitzende des Deutschen Diabetiker Bundes enttäuscht über die Ergebnisse dieser Tagung. Dieter Möhler stellte fest, dass eine Zusammenarbeit der in der DDG organisierten Ärzte mit anderen Facharztverbänden, gerade unter Berücksichtigung der Erfahrungen der Patienten, noch viel zu wenig gesucht wird. Wie wichtig eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist, verdeutlichte Dieter Möhler am Beispiel des Diabetischen Fußsyndroms.

Jährlich werden in Deutschland über 30.000 Fußamputationen vorgenommen, bei denen Diabetes mellitus als Auslöser anzusehen ist. Diese Zahl steigt ständig. Wenn man berücksichtigt, dass Deutschland bei den Amputationen im europaweiten Vergleich in der Spitzengruppe liegt, erhält die Anzahl der Fußamputationen in Deutschland eine gewisse Brisanz. Die Frage, warum die Menge der Amputationen in Deutschland so hoch ist, beantwortet Dieter Möhler dahingehend, dass die fehlende Kommunikation zwischen den Ärzten verschiedener Fachrichtungen und den Patienten auch als eine Ursache anzusehen ist. Die Einschränkungen von Therapiemöglichkeiten und Medikamenten durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) wirke sich zusätzlich problematisch aus. Der Aufrechterhaltung und Entwicklung alternativer Therapien zur Verhinderung von Amputationen werde zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das Wissen und die Erfahrungen der Betroffenen müssen für die Willensbildung im G-BA entscheidend sein. Die Leistungserbringer müssen die Selbsthilfeorganisation DDB als die jetzt und in Zukunft bedeutendste Patientenvertretung der Diabetiker in Deutschland stärker in die Diskussionen mit einbeziehen. Der DDB soll als ein zuverlässiger Partner verstanden werden. Nur durch den Erfahrungsaustausch der Leistungserbringer mit den vom DDB entsandten Patientenvertretern im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) kann für die Patienten das Beste erreicht werden.

Dieter Möhler und die Mitglieder des Bundesvorstandes stellen die Forderung auf, dass man von der abstrakten Ausrichtung unseres Gesundheitswesens weg muss. Es müssen konkrete, auf jeden einzelnen Fall ausgerichtete Therapien und Medikamente zur Verfügung gestellt und finanziert werden. Dieter Möhler abschließend: „Die Betroffenen brauchen den Deutschen Diabetiker Bund. Wir sind lebendig wie schon lange nicht mehr!“

Glukosekontrolle wichtiger denn je

(2009)

Der Körper vergisst keine Überzuckerung

Gute Glukosekontrolle wichtiger denn je

LifeScan-Symposium im Rahmen der 44. Jahrestagung der DDG: Wie kann bei gestörter Glukosetoleranz die Manifestation eines Typ-2-Diabetes möglichst lange hinausgezögert werden? Wie muss ein modernes Glukosemonitoring gestaltet sein, damit diabetes­bedingte Folgeerkrankungen, die den Hauptkostenfaktor im Indikationsgebiet Diabetes ausmachen, weitgehend verhindert werden können? Mit diese zentralen Fragen beschäftigte sich das LifeScan-Symposium „Glykämische Variabiltät & Metabolisches Gedächtnis – Von der Kontroverse zum Konsens“.

Anlässlich der diesjährigen Jahrestagung der DDG in Leipzig haben namhafte Experten am 20. Mai 2009 zur Glukosekontrolle bei Diabetes mellitus diskutiert. Die Veranstaltung wurde von der Landesärztekammer Sachsen mit drei Fortbildungspunkten zertifiziert und war damit bundesweit zur Zertifizierung anerkannt. In seiner Begrüßung brachte der Vorsitzende des Symposiums, Professor Stephan Matthaei, Chefarzt des Diabetes-Zentrums Quakenbrück, die wesentliche Botschaft der großen klinischen Studien zur antihyperglykämischen Therapie des Typ-2-Diabetes aus 2008 auf den Punkt: Eine nahe-normo­glykämische Blutzuckereinstellung unter Vermeidung von Nebenwirkungen, insbesondere schwerer Hypoglykämien und ausgeprägter Gewichtszunahme, sollte angestrebt werden. Eine sichere HbA1c-Zielwerterreichung ist damit wichtiger Bestandteil einer multifaktoriellen, zielwertorientierten Therapie des Typ-2-Diabetes, um diabetische Folgeerkrankungen zu reduzieren.

Einführend betonte Professor Manfred Dreyer, Diabetologe und Leiter des Zentrums für Innere Medizin im Asklepios Westklinikum Hamburg, dass der HbA1c als Parameter international akzeptiert und etabliert sei und bleibe. „Allerdings können die beobachteten diabetischen Folgekomplikationen nur teilweise mit den Abweichungen vom HbA1c-Zielwert erklärt werden – neben genetischen Faktoren könnten daher weitere pathophysiologische Schädigungsmechanismen, wie eine erhöhte Variabilität der Blutglukose, zukünftig von Bedeutung sein. Insbesondere wird die Prävention von Hypoglykämien eine eigenständige, besondere und noch wichtigere Rolle spielen.“

Dysglykämische Effekte auf zellulärer Ebene

Dr. Michael Morcos, Diabetologe an der Medizinischen Klinik der Universität Heidelberg, vertiefte den Aspekt, dass die Güte der Stoffwechseleinstellung zu Beginn der Diagnose auch noch viele Jahre später das Risiko für das Auftreten diabetischer Folgeerkrankungen signifikant beeinflusst. Dieser Mechanismus wird als „Legacy Effect“ bzw. „Metabolic Memory“ bezeichnet. Er basiert u. a. auf der Aktivierung zellulärer Abwehrsysteme, oxidativem Stress und der Bildung so genannter „Advanced Glycation End-Products“ (AGEs). Von großer Bedeutung für anzustrebende Zielwerte in der Diabetestherapie ist hierbei, dass die durch Hyperglykämie induzierten Mechanismen gerade auch bei Schwankungen des Blutzuckerspiegels zum Tragen kommen. Die glykämische Variabilität muss also als eigenständiger Risikofaktor für das Auftreten diabetesbedingter Komplikationen angesehen werden.

Diabetesprävention konkretisiert

Peter Schwarz, Professor für Prävention und Versorgung des Diabetes am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, übertrug in seinem Vortrag die auf Zellebene gewonnenen Erkenntnisse von Morcos in Vorschläge für konkrete Präventionsmaßnahmen. „Die Diabetesprävalenz liegt schon heute bei acht Millionen diagnostizierten Typ-2-Diabetikern. Bis zum Jahr 2010 werden weitere 1,5 Millionen hinzu kommen. Dramatisch hierbei ist, dass über 50% der Typ-2-Diabetiker bereits mit mikrovaskulären und kardiovaskulären Folgeerkrankungen diagnostiziert werden.“ Ein frühes, allgemeines Screening sei lohnenswert, da dann durch die Änderung des Lebensstils eine sehr erfolgreiche Diabetesprävention möglich wäre. Der glykämischen Variabilität, bei Prädiabetes insbesondere durch postprandiale Hyperglykämien, sollte auch nach Ansicht von Schwarz besonderes Augenmerk gelten.

Modernes Glukosemonitoring mit der Glukosetrias

Der Dresdner Professor Markolf Hanefeld, Gesellschaft für Wissens- und Technologietransfer der TU Dresden, führte die wesentlichen Erkenntnisse aus den Beiträgen seiner Vorredner für ein modernes Glukosemonitoring unter einem Begriff zusammen: Die Glukosetrias bestehend aus Nüchternblutzucker, postprandialer Glukose und glykämischer Variabiltät. „Diese drei Parameter sind entscheidend für eine effektive Glukosekontrolle und müssen im vereinbarten Zielkorridor gemanagt werden, um Folgeerkrankungen zu vermeiden. Die Messzeitpunkte des Patienten werden dabei je nach Art der Therapie und der persönlichen Lebenssituation festgelegt“, so Hanefeld.

Schließlich fasste der Vorsitzende Matthaei den Stufenplan der Deutschen Diabetes-Gesellschaft zur antihyperglykämischen Therapie des Typ-2-Diabetes zusammen und betonte dabei die Bedeutung einer rechtzeitigen Insulintherapie bei Nichterreichen der Zielwerte.

Langzeitwert HbA1c

(2009)

Seniorengerechte Diabetes-Therapie

diabetesDE fordert individuell angepasste Behandlung: Sinnvolle Therapieziele für ältere Diabetiker

 

2 Drittel aller an Typ-2-Diabetes erkrankten Menschen sind über 60 Jahre alt. Bei ihnen kann eine Diabeteserkrankung wie bei jüngeren Diabetikern das Leben verkürzen. Die Blutzuckerkontrolle bleibt deshalb ein wichtiger Bestandteil der Diabetes-Therapie. Sie muss aber Rücksicht auf das Alter der Patienten nehmen, fordern diabetesDE und die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG). Wie ältere Patienten gut versorgt werden können, erläutert Dr. med. Ann-Kathrin Meyer, Hamburg, in einem Übersichtsartikel der Fachzeitschrift „Diabetologie und Stoffwechsel“.

Jüngeren Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 raten die Ärzte heute dazu, einen normalen Blutzucker anzustreben. Der Langzeitwert HbA1c sollte 6,5% nicht überschreiten. Ein Teil der Typ-2-Diabetiker erreicht dieses Ziel mit einer gesunden Lebensweise, andere benötigen blutzuckersenkende Tabletten. Oft ist das Spritzen von Insulin notwendig. Ist bei älteren Menschen ein idealer HbA1c-Wert nur noch unter Einsatz mehrerer Mittel zu erreichen, können die Nachteile möglicher Nebenwirkungen die Vorteile der Blutzuckersenkung überwiegen. diabetesDE und DDG raten in solchen Fällen dazu, das Therapieziel entsprechend anzupassen und einen höheren HbA1c-Wert zu tolerieren. Diese Empfehlungen gründen auf einer im letzten Jahr publizierten US-Studie mit über 10.000 Typ-2-Diabetikern (ACCORD-Studie). Die im Durchschnitt 62 Jahre alten Teilnehmer hatten zu Beginn HBA1c-Werte von über 8%, ein aus Sicht der DDG inakzeptabler Wert. Die Hälfte der Patienten strebte in der Studie einen HbA1c von 7,0% bis 7,9% an, ein für Senioren realistisches Ziel, das die meisten Teilnehmer der Studie unter Einsatz von einem oder zwei Antidiabetika erreichten. Einige spritzten zusätzlich Insulin.

In der zweiten Gruppe sollten die Diabetiker den HbA1c-Wert auf unter 6% senken. Erlaubt war der Einsatz aller verfügbaren Antidiabetika. Die Mehrzahl der Teilnehmer nahm im folgenden Jahr 3 bis 5 Medikamente ein. Doch das Ziel wurde nicht vollständig erreicht. Am Ende lag der HbA1c-Wert im Durchschnitt bei 6,4% und damit signifikant besser als der der Kontrollgruppe. Die Studie wurde jedoch abgebrochen, weil es unter der aggressiven Blutzuckersenkung zu mehr Todesfällen gekommen war.

Die Gründe dafür sehen Experten in der höheren Rate von lebensgefährlichen Unterzuckerungen und der deutlichen Gewichtszunahme vieler Patienten. Außerdem könnte die gleichzeitige Einnahme vieler Medikamente schaden: Gerade bei alten Menschen steigt beim Einsatz mehrerer Medikamente die Gefahr, dass Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der einzelnen Wirkstoffe nicht mehr kontrollierbar sind. Schon bei einzelnen Medikamenten kann die Dosierung wegen der nachlassenden Nierenleistung schwierig werden. Außerdem fällt es vielen älteren Menschen schwer, unfangreiche Medikationen einzuhalten. Hinzu kommt die im Alter oft einseitige und eingeschränkte Ernährung, die die Aufnahme der Wirkstoffe im Darm beeinflusst. Viele hochbetagte Patienten sind nicht mehr in der Lage, sich körperlich zu betätigen, was sich günstig auf den Blutzucker auswirken würde. Und die bedarfsabhängige Insulinbehandlung bereitet Senioren mitunter Schwierigkeiten. Alle diese Faktoren müssen die Ärzte bei der Betreuung von betagten Typ-2-Diabetetikern beachten. Das bedeutet aber nicht, dass alte Menschen keine günstigen HBA1c-Werte erreichen können. In einer weiteren Studie (ADVANCE) gelang es den Teilnehmern, unter einer umsichtigen Therapie den HBA1c-Wert auf 6,5% zu senken, ohne dass es zu vermehrten Komplikationen kam. Dort hatten die Ärzte auf bewährte Medikamente gesetzt und es war gelungen, das Körpergewicht zu halten und andere Gesundheitsrisiken zu vermeiden. Das Ergebnis war eine geringere Rate von Diabetesschäden an der Niere als in einer Vergleichsgruppe mit höheren HbA1c-Werten.

Studie gegen Vorurteile

(2009)

Insulinbehandlung macht nicht dick

Laut einer Studie ist eine Diabetesbehandlung mit Insulin besser als ihr Ruf Diabetologen-Berufsverband BdSN erfreut über neue Ergebnisse

Die Behandlung von Diabetes mit Insulin macht entgegen aller bisherigen Vorurteile nicht dick. Dies belegt eine vor Kurzem veröffentlichte Studie des Deutschen Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Die teilnehmenden Patienten nahmen in 2 Jahren je nach Behandlungsart durchschnittlich nur 0,4 bis 2,1 kg zu. „Die Ergebnisse sind bemerkenswert, da sie erstmals zeigen, dass es keinen Grund gibt, eine medizinisch sinnvolle Insulinbehandlung wegen der gefürchteten Gewichtszunahme abzulehnen oder zu verzögern“, so Dr. Matthias Riedel vom Berufsverband der diabetologischen Schwerpunktpraxen in Nordrhein (BdSN).

Früher lehnten Diabetespatienten immer wieder die erforderliche Insulinbehandlung ab, weil sie erwarteten, durch die Behandlung mit Insulin stark zuzunehmen. „Es gibt zwar einzelne Patienten, die falsch oder gar nicht beraten wurden und während einer Behandlung mit Insulin statt mit Tabletten drastisch zugenommen haben“, erklärt Dr. Riedel, „Dies sind aber Einzelfälle.“

Die Studie basiert auf Daten von 3.000 neu auf Insulin eingestellten Diabetes-Patienten aus dem Disease-Management-Programm (DMP). Das DMP regelt die Versorgung der Diabetiker, so dass Diabetologen, Kliniken und Hausärzte die Behandlung der Patienten und die Therapieverlaufskontrolle optimal abstimmen können. Von den 3.000 Patienten wurden 444 auf moderne Analoginsuline und 1700 auf Standardinsuline eingestellt. Analoginsuline wirken schneller und Zwischenmahlzeiten können entfallen. Bei Standardinsulinen sind diese Mahlzeiten nötig, um einer Unterzuckerung vorzubeugen. Die übrigen Patienten erhielten Mischungen aus Standard- und Analoginsulinen. Innerhalb 2 Jahren zeigte sich, dass von den Patienten, die mit Standardinsulinen behandelt wurden, Männer im Schnitt nur 1,25 kg zunahmen und Frauen 2,15 kg. Männer, die Insulin-Mischungen erhielten, hatten eine Gewichtszunahme von lediglich 1,4 kg und Frauen 1,1 kg. Am niedrigsten war die Gewichtszunahme bei den Patienten, die auf Analoginsuline eingestellt worden waren: Sie nahmen durchschnittlich nur 0,5 kg zu (Männer 0,54 kg und Frauen 0,41 kg). Zudem ergab die Studie, dass Patienten, die vor Beginn der Insulintherapie bereits Übergewicht hatten, unter der Behandlung vergleichsweise am wenigsten zunahmen.

„Diese Studie zeigt uns 3 Dinge“, stellt Dr. Riedel fest: „Erstens führt eine Insulinbehandlung nicht zu Übergewicht. Zweitens sehen wir, dass die Behandlung einiger Patienten mit den neuen Analoginsulinen durchaus sinnvoll sein kann, wenn eine Gewichtszunahme vermieden werden soll.“ Das dritte wichtige Ergebnis der Studie sei, dass die Versorgung diabeteskranker Menschen verbessert werden könne, wenn die Daten aus dem DMP sinnvoll ausgewertet würden. In Nordrhein geschieht dies bereits seit Jahren zu verschiedensten Zwecken, zum Beispiel um die Behandlungskosten zu rechtfertigen.

Hintergrund: Der BdSN

Im Berufsverband der diabetologischen Schwerpunktpraxen in Nordrhein (BdSN) haben sich über 100 niedergelassene Diabetologen organisiert und die bisherige positive Entwicklung in der Betreuung von Diabetes-Patienten mitgestaltet. Ziel ist es, die ambulante Versorgung von Diabetikern weiter zu verbessern.

Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

(2009)

Wie viele Einstiche verträgt eine Kinderseele?

Es kann jedes Kind treffen, von einer Minute auf die andere, ohne große Vorwarnung: zuckerkrank!

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 2.000 Kinder neu an dieser unheilbaren Krankheit. Der Typ 1 Diabetes bei Kindern und Jugendlichen ist eine Autoimmunkrankheit, bei der es zu einer Selbstzerstörung der insulinproduzierenden ß-Zellen kommt, die Ursache hierfür ist bis heute immer noch ungeklärt. In der breiten Öffentlichkeit ist die Zuckerkrankheit bei Kindern meist unbekannt, obwohl in Deutschland jeden Tag 3 – 4 neu diagnostizierte kleine Patienten hinzukommen – über 25.000 Kinder und Jugendliche sind bereits davon betroffen. Besorgniserregend ist der ständige, rapide Anstieg des kindlichen Diabetes: In den letzten 10 Jahren hat sich die Zuckerkrankheit bei Kindern verdoppelt!

Bis noch vor einigen Jahrzehnten war der Diabetes Typ 1 eine tödliche Diagnose und erst die Entdeckung und Herstellung des Insulins vor 90 Jahren brachte die Wende. Aber bis heute muss das Insulin jeden Tag gespritzt werden. Eine Behandlung, die besonders Kinder hart trifft. Je besser der Diabetes behandelt wird, umso sicherer sind die Kinder vor den fatalen Spätfolgen wie Erblindung, Amputation, Nieren- und Nervenschäden. Aber eine gute Behandlung erfordert, dass täglich mehrmals Insulin gespritzt wird, bis zu 8 Injektionen am Tag, oft auch nachts – so kann es ein, dass zuckerkranke Kinder bis zu ihrem 15. Lebensjahr 27.000 Mal eine Spritze ertragen müssen. Vor jeder Spritze muss am Finger ein Blutstropfen entnommen werden, damit die Höhe des Zuckers im Blut gemessen werden kann. Viele Kinder wehren sich gegen die Spritze, aber die Eltern müssen das lebensnotwendige Insulin spritzen. So spielt sich der Alptraum jeden Tag aufs Neue ab: Das Kind läuft vor der Spritze weg, versteckt sich und muss festgehalten werden. Das belastet das Eltern-Kind-Verhältnis sehr. Viele Eltern sind schon nach einiger Zeit der lebenslangen Behandlung erschöpft und ausgebrannt.

Aber das Insulin ist nur ein Teil der Behandlung. Ebenso wichtig ist die Umstellung der Ernährung. Das Essen muss abgewogen, berechnet und eingeteilt werden. Spontane Süßigkeiten gehören bei Kindern mit Diabetes der Vergangenheit an. Für die Mutter eines 4-jährigen zuckerkranken Mädchens ist dies eine der größten Belastungen: „Wenn im Kindergarten spontan etwas gefeiert wird, sitzt meine Tochter tapfer aber traurig daneben und isst ihre eigene Mahlzeit“.

Obwohl die medizinische Behandlung Fortschritte bringt, bleiben die seelischen Folgen der Krankheit meist ungelöst. Betroffene Familien brauchen besonders nach der gravierenden Diagnose und bei den vielen psychischen und sozialen Belastungen, denen sie Tag für Tag ausgesetzt sind, intensive Unterstützung, damit sie die Kraft nicht verlieren, die Kinder bestmöglichst zu versorgen.

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Genau hier wirkt die Stiftung „Dianiño – Kindern mit Diabetes eine Zukunft“ durch konkrete Maßnahmen entlastend und unterstützend. Dianiño kümmert sich aktiv um erkrankte Kinder, betroffene Familien und betreut sie in akuten Notfällen bei ihren Sorgen und Problemen. Durch diese Hilfe kann oft weiteres Leid verhindert werden.

Neue Wirkstoffe gesucht

(2009)

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Prof. Dr. Hannelore Daniel vom Lehrstuhl für Ernährungsphysiologie in ihrem Labor am Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München (Bild: TUM)

Suche nach neuen Wirkstoffen – Ziel: Zuckeraufnahme im Darm hemmen

Neue Wege bei der Diabetes-Prävention

Ernährungsforscher, Gesundheitspolitiker und Mediziner haben ein gemeinsames gesundheitspolitisches Ziel: Sie wollen die beiden Geißeln der Zivilisationsgesellschaft – Übergewicht und Diabetes – eindämmen. Am Lehrstuhl für Ernährungsphysiologie der TU München (TUM) startete ein Forschungsprojekt, das neue Wege zur Vorbeugung von Diabetes finden soll. Dieses Projekt zur Entdeckung neuer Präventionsmöglichkeiten wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen seiner Projekte zur Biomedizinischen Ernährungsforschung 3 Jahre lang mit insgesamt 1,1 Millionen Euro gefördert.

Der Lehrstuhl für Ernährungsphysiologie der Technischen Universität München unter Leitung von Frau Prof. Hannelore Daniel geht gemeinsam mit Kollegen anderer Forschungseinrichtungen und Biotech-Firmen der Frage nach, welche physiologischen Möglichkeiten es gibt, um die Blutzuckerregulation zu stabilisieren. Die neue Fragestellung lautet: Gibt es außer der Veränderung des Ernährungsverhaltens auch noch andere Präventionsstrategien, um die Zuckerkrankheit zu vermeiden? Deshalb untersuchen die Forscher die Wirkung von Nahrungsinhaltsstoffen auf die Zucker-Transporter in den Darmzellen. Ließe sich ein Wirkstoff finden, der die Aufnahme von Glukose durch die molekular gut charakterisierten Glukosetransporter hemmt, hätte man ein (vom Ernährungsverhalten unabhängiges) Mittel gegen die gefährlichen überschießenden Blutzuckeranstiege gefunden, die aus dem Konsum von Lebensmitteln mit rasch verfügbaren Zuckern herrühren. Die mit diesem neuen Präventionsmittel vermeidbaren Schwankungen tragen langfristig zum Entstehen von Diabetes bei. Der schwankende Glukosetransport im Darm stört das empfindliche Blutzuckergleichgewicht, macht in der Folge Körperzellen unempfindlich gegenüber Insulin und fördert so den Niedergang der Insulin-produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse.

In einer Partnerschaft mit der Firma Bioactive Foods unter Leitung von Dr. Hennig Vollert, Prof. Wolfgang Blaschek vom Pharmazeutischen Institut der Universität Kiel sowie dem Max-Planck-Institut für Biophysik und der Firma IonGate Biosciences in Frankfurt werden geeignete Inhaltsstoffe aus Obst und Gemüse isoliert und charakterisiert. Die Wechselwirkung der Substanzen mit den Glukosetransportern wird in einer ersten Stufe mit einer Reihe von Screening-Systemen untersucht. In den weiteren Entwicklungsstufen sollen so identifizierte, potente Naturstoffe dann an Versuchspersonen auf die Blutzuckerverläufe nach Glukosebelastungen und auf ihre Verträglichkeit geprüft werden.

Wenn das Forschungsprojekt erfolgreich abgeschlossen ist, soll eine industrielle Umsetzung folgen, so Prof. Daniel von der TUM: „Unser langfristiges Ziel ist es, Nahrungsmittel zu entwickeln, die die Verwertung von Zucker aus der Nahrung verringern und damit der Entwicklung von Übergewicht und Diabetes entgegnen können.“

Erhöhtes Risiko

(2009)

Aktuelle Studien deuten möglicherweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko durch Lantus hin

DDG und diabetesDE fordern sorgfältige Analyse neuer Studienergebnisse

Lang wirksame Insulinanaloga sind bislang Teil des Therapieangebotes für Menschen mit Diabetes Typ 2. In 2 von 4 am 26. Juni 2009 veröffentlichten Studien zeigt sich bei Menschen mit Typ 2 Diabetes ein erhöhtes Krebsrisiko unter der ausschließlichen Gabe des lang wirksamen Analoginsulins Glargin (Lantus®). In 2 weiteren Studien wurden diese Zusammenhänge jedoch nicht bestätigt. Wie die European Association for Study of Diabetes (EASD) fordern auch die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) und diabetesDE dringend weitere Analysen, damit ein möglicher Zusammenhang zwischen lang wirksamen Analoginsulinen und erhöhtem Krebsentrisiko aufgeklärt werden kann. Menschen mit Typ 2 Diabetes sollten jedoch auf keinen Fall ihre Insulingaben verändern, sondern das Gespräch mit ihrem Arzt suchen.

Typ 2 Diabetiker haben bekanntlich ein erhöhtes Risiko, an Brust-, Darm- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken. Übergewicht und Bewegungsmangel fördern nicht nur die Entstehung von Diabetes Typ 2, sondern sie erhöhen auch das Risiko verschiedener Krebsarten. Studien aus Deutschland, Schweden, Schottland und England haben jetzt untersucht, ob die Gabe unterschiedlicher Insuline das Krebsrisiko erhöhen könnte. Ingesamt wurden 301.136 Menschen mit Typ 2 Diabetes beobachtet. 34.392 von ihnen erhielten ausschließlich das langwirksame Analoginsulin Lantus. In 3 der 4 Studien wurde insbesondere die Entstehung von Brust-, Darm-, Prostata- und Bauspeicheldrüsenkrebs untersucht.

Allen 4 Studien zeigten keine erhöhte Krebsgefahr durch Humaninsulin. Anders ist es bei dem lang wirksamen Analoginsulin Glargin: In 2 der Studien zeigte sich bei den Patienten, die ausschließlich mit Lantus behandelt wurden, ein erhöhtes Krebsrisiko. Aus den Daten der deutschen Studie errechnet sich ein Erkrankungsrisiko von einem Patienten von 100 pro Jahr Glargintherapie mehr an einem Krebs.* In der schwedischen Studie entwickelte eine Frau von 1000 mehr einen Brustkrebs als in Vergleichsgruppen.

* Welche Ergebnisse zeigten sich in der deutschen Studie?

Sowohl bei Humaninsulin als auch bei den Analoga war die Insulindosis mit dem Krebsrisiko assoziiert. Dieser Befund ist nicht unerwartet, da Insulinresistenz mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergeht; ein kausaler Zusammenhang (Insulin verursacht Krebs) lässt sich dadurch aber nicht belegen. Da die mittlere Glargin-Dosierung niedriger als die von Humaninsulin war, war die Häufigkeit der Krebserkrankungen in der Lantus-Gruppe sogar niedriger als in der Humaninsulin-Gruppe. Wenn allerdings für die verwendete Dosis und weitere Interaktionen korrigiert wurde, ergab sich für die Glargin-Gruppe verglichen mit der Humaninsulin-Gruppe ein um den Faktor 1,19 (1,09-1,29) erhöhtes Risiko. Dieses errechnete relative Risiko zum Humaninsulin stieg mit den Dosierungen an: 1,09 (1,0-1,19) bei 10IU, 1,19 (1,1-1,30) bei 30 IU und 1,31 (1,20-1,42) bei 50 IU. Für Insulin Aspart und Lispro fand sich bei dieser Berechnung kein erhöhtes Risiko.

Warum ist die Studie umstritten?

Ein erhöhtes Risiko errechnete sich erst nach statistischer Korrektur für die Insulindosis und auch nur dann, wenn Lantus das einzige verschriebene Insulin war; derartige Korrekturen können falsch-positive Ergebnisse liefern. Ein grundsätzliches Problem des Studienaufbaus ist, dass er keine Aussagen zur Kausalität zulässt. Das Krebsrisiko kann durchaus durch einen anderen Faktor erhöht sein, der wieder mit der Insulin-Glargin-Dosis assoziiert ist. Für diese Interpretation spricht die kurze Expositionszeit (1,3 Jahre!), denn es ist biologisch wenig plausibel, dass das Analogon innerhalb dieser kurzen Zeit Tumore verursacht. Die retrospektive Analyse birgt zudem die Gefahr des so genannten Allokations-Bias, indem Ärzte kränkeren Patienten häufiger Lantus verschrieben haben könnten, und des Survival bias, indem Patienten durch das Medikament länger überlebt haben könnten, so dass sie deshalb häufiger an Krebs erkrankten. Schließlich fehlte eine Adjustierung für andere Krebsrisikofaktoren wie BMI (als Marker für Insulinresistenz) oder die Familienanamnese.

Aufgrund der Schwierigkeiten der Interpretation wurde die Publikation dieser Studie in Diabetologia zunächst von der Analyse auch anderer Datenbanken in anderen Ländern abhängig gemacht. Diese Analysen konnten die in der deutschen Studie gefundene Assoziation nicht reproduzieren (Currie et al.) und/oder wurden von ihren Autoren so interpretiert, dass sie keine Hinweise für eine krebserzeugende Wirkung von Insulin Glargin liefern (Jonasson et al., Colhoun et al.)

Aus der Stellungnahme von diabetesDE und der Deutschen Diabetes Gesellschaft zum Zusammenhang zwischen Lantus und Krebs

Wird das langwirksame Insulin Lantus in Kombination mit anderen Insulinen verabreicht, stellt sich die Situation wieder anders dar: Hier erhöhte sich in keiner der Studien das Risiko, einen Krebs zu entwickeln. In einer der Studien konnte das Krebsrisiko durch die kombinierte Gabe des langwirksamen Insulins mit anderen Insulinen sogar leicht gesenkt werden. Eine weitere Studie fand überhaupt keine Unterschiede in Bezug auf die unterschiedlichen Insulingaben.

Auch wenn sich die verschiedenen Wissenschaftlergruppen einig sind, dass diese Erkenntnisse aus retrospektiven Studien noch keine abschließende Bewertung über den Zusammenhang zwischen lang wirksamen Analoginsulinen und Krebsentstehung zulassen, ist eine sorgfältige Analyse der Ergebnisse gefordert. Daher unterstützen DDG und diabetesDE die Position der EASD, bestehende Therapiekonzepte mit Lantus zu überprüfen. Die EASD weist in ihrer Stellungnahme auf die sehr guten Alternativen hin: Humaninsuline oder auch die Kombination von kurz- und langwirksamen Analoginsulinen haben in allen vier Studien keinerlei erhöhtes Krebsrisiko aufgewiesen. Insbesondere Menschen, die bereits an Krebs erkrankt sind oder Frauen, in deren Familie Brustkrebs gehäuft vorkommt, sollten diese Alternativen mit ihrem Arzt besprechen. Davon unbelastete Patienten, die mit lang wirksamen Analoginsulinen gute Erfahrungen gemacht hätten, bräuchten jedoch keine voreiligen Schlüsse ziehen – so die EASD.

Wichtig ist festzustellen, dass sich aus diesen Ergebnissen keinerlei Hinweise auf die Behandlung von Menschen mit Diabetes Typ 1 ableiten lassen, da es sich hier um eine andere Erkrankung als Typ 2 Diabetes handelt. Ebenso lassen sich keine Rückschlüsse auf die Behandlung mit anderen Analoginsulinen (Detemir (Levemir®, Lispro (Humalog®), Aspart (Novorapid®) und Glulisin (Apidra®)) aus diesen Studien begründen.

Schwangerschaftsdiabetes

(2009) diabetes-news-pinguin

Wiederkehren des Diabetes nach einem Schwangerschaftsdiabetes verhindern

Diabetes-Präventionsstudie PINGUIN bis Ende 2010; Teilnahmemöglichkeit für Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes, bei dem Insulin gespritzt werden musste, verlängert

Das Institut für Diabetesforschung der Forschergruppe Diabetes e.V. am Helmholtz Zentrum München verlängert die Möglichkeit bis zum Jahresende 2010, an der Diabetes-Präventionsstudie PINGUIN (Postpartale Intervention bei Gestationsdiabetikerinnen unter Insulintherapie) teilzunehmen! Das angestrebte Ziel besteht darin, mit Ernährungsberatung, Lebensstilintervention und dem Medikament Vildagliptin ein Wiederkehren des Diabetes nach einem Schwangerschaftsdiabetes zu verhindern oder zu verzögern. Vildagliptin ist bereits für die Behandlung eines Typ-2-Diabetes zugelassen und zeigt eine gute Wirksamkeit.

Die PINGUIN-Studie läuft seit Beginn des Jahres 2008. Bei den Teilnehmerinnen handelt es sich um eine Hochrisikogruppe von Frauen mit Gestationsdiabetes, die während der Schwangerschaft Insulin spritzen mussten. Vorausgegangene Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte aller Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes innerhalb von zehn Jahren einen Diabetes entwickelt (Löbner et al., Diabetes 55:792, 2006). Bei Frauen, die während der Schwangerschaft Insulin spritzen mussten, um den Zuckerhaushalt im Normbereich zu halten, steigt das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, innerhalb von 3 Jahren nach der Entbindung sogar auf 61% an.

Die ersten Teilnehmerinnen machen seit 18 Monaten bei der PINGUIN-Studie mit und vertragen das Studienmedikament Vildagliptin gut. Es gibt keine auffälligen Nebenwirkungen und noch keine Probandin hat einen Diabetes entwickelt.

Wie wichtig eine Intervention bei diesen Frauen ist, zeigt die Tatsache, dass drei Viertel der an der Studie teilnehmenden Frauen übergewichtig sind und einige sogar adipös. Bei Studienbeginn hatten viele bereits eine gestörte Glukosetoleranz. Eine Diabeteserkrankung bei nahen Verwandten ist sehr häufig. Eine weitere Zwischenauswertung bestätigt, dass etwa die Hälfte der Probandinnen keinerlei sportlicher Betätigung nachgeht und beim Aktivitätsmonitoring mit dem Schrittzähler unter der geforderten Minimalanforderung von 8000 Schritten pro Tag bleibt.

Diese ersten Ergebnisse zeigen im Rahmen der PINGUIN-Studie die Wichtigkeit einer Lebensstiländerung und Intervention. Faktoren wie Inaktivität und Übergewicht erhöhen das Risiko eines Typ-2-Diabetes oder eines erneuten Diabetes in einer folgenden Schwangerschaft. Das möchte das Institut für Diabetesforschung verhindern.

Teilnehmen können Frauen, die

  • während ihrer letzten Schwangerschaft einen insulinpflichtigen Schwangerschaftsdiabetes hatten
  • bis zum Studieneintritt abgestillt haben (Studieneintritt: frühestens ab Entbindung, spätestens neun Monate nach Entbindung)
  • mindestens 18 Jahre alt sind

Bei Interesse und für ausführliche Informationen wenden Sie sich bitte an

PINGUIN-Team
Forschergruppe Diabetes
Leitung: Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler
Kölner Platz 1
80804 München
Tel: 089 30682917
Fax: 089 30687509

Infos und Anmeldung (PDF 179KB)

Neue Zusammenhänge entdeckt

(2009)

Neue Zusammenhänge zwischen Leber und Diabetes Typ 2 entdeckt

Entscheidende Faktoren für Körpergewicht und Insulinwirkung

Die Entstehung von Diabetes Typ 2 und die Leber sind engeren Wechselwirkungen unterworfen, als Wissenschaftler dies bisher annahmen. Experimente zeigen, dass die Leber und ihr Stoffwechsel ein entscheidender Faktor ist, ob und wo der Körper Fett einlagert. Geschieht dies außerhalb des üblichen Fettgewebes, beispielsweise in der Leber selbst, kann dies zur so genannten Insulinresistenz führen. Die neu entdeckten Zusammenhänge zwischen Fettleber, Übergewicht, Insulinsresistenz sowie Diabetes mellitus und wie diese Erkenntnisse zukünftig Diabetes Typ 2 verhindern könnten, ist ein Schwerpunktthema der 44. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG). Diese fand vom 20. bis 23. Mai 2009 im Congress-Centrum Leipzig statt.

Bisher gingen Experten davon aus, dass die Fettleber eine Folge von Typ 2 Diabetes oder Adipositas ist. Neueste Studien belegen nun das Gegenteil: Die Fettleber könnte – bereits in einem frühen Stadium – auch eine Ursache für die verminderte Insulinwirkung und damit für Diabetes Typ 2 und Übergewicht sein. „Die Fettleber ist wahrscheinlich integraler Bestandteil des so genannten Metabolischen Syndroms“, meint Tagungspräsident Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland, Chefarzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Endokrinologie sowie Diabetologie an der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg. Weshalb der Körper Fett in die Leber oder in andere Regionen außerhalb des üblichen Fettgewebes einlagert, zeigen Versuche mit Mäusen. „Wir haben einen fettstoffwechselspezifischen Genregulator selektiv in der Leber verändert“, berichtet Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland, „bei gleicher Nahrungsmenge haben die Mäuse dann eine ausgeprägte Adipositas entwickelt. Wurde der Mechanismus deaktiviert, blieben die Mäuse dünn.“ Daraus folgt: Veränderungen des Leberstoffwechsels können ursächlich für Adipositas und weiteren Erkrankungen wie Insulinresistenz oder Diabetes Typ 2 sein.

Neue Ergebnisse von ADVANCE

(2009)

ADVANCE bietet neue Erkenntnisse im Kampf gegen schwere Diabetes-Komplikationen

Die neuen Ergebnisse von ADVANCE (Action in Diabetes and Vascular Disease: Preterax and Diamicron MR Controlled Evaluation), der weltweit größten klinischen Studie, an der Patienten mit Diabetes vom Typ 2 teilnahmen, führen zu wichtigen Erkenntnissen im Bezug auf Therapiemöglichkeiten mit einer effizienten und sicheren Kontrolle des Blutzuckers, um ernsthafte Komplikationen des Diabetes reduzieren zu können.(1) Die neuen Daten von ADVANCE, die auf dem IDF-Kongress (International Diabetes Federation) bekannt wurden, zeigen, dass die Wirksamkeit und Sicherheit der intensiven Kontrolle des Blutzuckers mit der Gliclazid MR (Modified Release) (Diamicron MR)-basierenden Behandlung bei unterschiedlichen Patienten unter verschiedenen klinischen Bedingungen weiterhin gegeben ist.(1) ADVANCE zeigte, dass die intensive Kontrolle des Blutzuckers mit einer auf Gliclazide MR basierenden Behandlung von Typ-2-Diabetikern das kombinierte Risiko von makrovaskulären und mikrovaskulären Komplikationen reduziert. Diese Reduktion erfolgte primär aufgrund einer Verkleinerung des Nephropathie-Risikos.(2)

Sophia Zoungas, ADVANCE Study Investigator, vom George Institute for International Health, Australien: „Die intensive Kontrolle des Blutzuckers einer auf Gliclazide MR basierenden Behandlung senkte den HbA1C, unabhängig vom Alter, der Dauer des Diabetes, des Geschlechts, des Body-Mass-Index oder des HbA1C bei Beginn der Studie sowie der anfänglichen Behandlungmethoden zur Blutzuckersenkung. Die auf Gliclazid MR basierende Behandlung zeigte eine gute Verträglichkeit mit nur wenigen schweren Hypoglykämien und keiner Gewichtszunahme.“

ADVANCE zeigte einen positiven Trend bei der Reduzierung schwerer kardiovaskulärer Komplikationen bei Patienten, die mit einer intensiven Blutzuckerkontrolle behandelt wurden.(2) Das Ergebnis wurde in einer kürzlich durchgeführten gemeinsamen Metaanalyse mit 4 Versuchen bezüglich der intensiven Blutzuckersenkung bestätigt, einschließlich ADVANCE und ACCORD, die eine signifikante Reduzierung der kardiovaskulären Komplikationen um 9% und primär eine Reduzierung der Herzinfarkte um 15% zeigten.(3) Basierend auf Beobachtungsdaten haben mehrere nationale Register (die mehr als 70.000 Typ-2-Diabetiker umfassen) kürzlich berichtet, dass Behandlungsmethoden für die Blutzuckersenkung, die Gliclazid umfassen, im Vergleich zu anderen Behandlungsmethoden mit einem niedrigeren Sterberisiko assoziiert werden.(4)(5)

Professor John Chalmers, ADVANCE Principal Investigator des George Institute for International Health, Australien: „ADVANCE ist ein riesiger Pool wertvoller klinischer Informationen. Aus diesem Grund planen wir fortlaufende Nachuntersuchungen der ADVANCE-Patienten und sind davon überzeugt, dass die neue Studie ADVANCE-ON(6) weltweit eine entscheidende Rolle in der künftigen klinischen Behandlung von vielen Millionen von Typ-2-Diabetikern spielen wird.“

Zusätzliche neue Daten

Auf dem IDF-Kongress boten die ADVANCE-Untersuchungssachverständigen außerdem wichtige Einblicke in die Indikatoren, die das kardiovaskuläre Risiko in dieser Bevölkerungsgruppe vorhersagen.(7) Das Alter zum Zeitpunkt der Diagnose, die bekannte Dauer des Diabetes, Geschlecht, Puls, behandelter Bluthochdruck, Herzflimmern, Retinopathie, HBA1C, Albumin/Kreatinin-Quotient und Nicht-HDL-Cholesterinspiegel an der Basislinie wurden als signifikanate Prädiktoren von kardiovaskulären Komplikationen beobachtet. Von den ADVANCE-Untersuchungssachverständigen wurde unter Einbeziehung dieser Variablen ein neues Tool für die Risikovorhersage entwickelt, das den Weg für ein neues „Risikomodul“ (risk engine) ebnet und möglicherweise für heutige Patientengruppen relevanter ist als ältere Risikovorhersagetools, beispielsweise die Framingham- und UKPDS-Modelle (United Kingdom Prospective Diabetes Study).(7)

Infos zu ADVANCE

ADVANCE wurde entwickelt, geleitet, überwacht, analysiert und wiedergegeben von einer kollaborativen Forschungsgruppe, die nach einem vollständigen Peer-Review vom National Health and Medical Research Council der australischen Regierung unterstützt wurde. Die Studie wurde unabhängig vom Industriesponsor durchgeführt, und das Managment Committee, zu dessen Mitgliedern keine Industrievertreter gehörten, hatte die endgültige Verantwortung für den Bericht der Ergebnisse.

Im ersten Teil von ADVANCE wurden die Auswirkungen auf das Resultat untersucht, die eine intensive Blutdrucksenkung mittels einer Kombination von Perindopril und Indapamid hat. Die Ergebnisse wurden 2007 veröffentlicht. Referenz: ADVANCE Collaborative Group; Patel A, MacMahon S, Chalmers J, Neal B, et al. Effects of a fixed combination of perindopril and indapamide on macrovascular and microvascular outcomes in patients with type 2 diabetes mellitus (the ADVANCE trial): a randomised controlled trial. Lancet. 2007;370:829-840.

Im zweiten Teil von ADVANCE wurden die Auswirkungen der intensiven Blutzuckerkontrolle mit einer auf Gliclazid MR basierenden Behandlungsmethode untersucht. Die Hauptergebnisse wurden 2008 veröffentlicht. Diese Ergebnisse zeigten, dass die intensive Kontrolle den kombinierten makro- und mirkovaskulären Endpunkt (18,1% versus 20,0%; Gefahrenverhältnis (HR) 0,90; 95% Konfidenzintervall 0,82 bis 0,98; P=0,013) reduziert. Schwerwiegende mikrovaskuläre Probleme wurden reduziert (9,4% versus 10,9%; HR 0,86 [0,77 bis 0,97]; P=0,014), primär aufgrund einer Reduzierung der Nephropathie (4,1% versus 5,2%; HR 0,79 [0,66 bis 0,93], P=0,006), ohne signifikante Retinopathie (P›0,1). Referenz: ADVANCE Collaborative Group; Patel A, MacMahon S, Chalmers J et al. Intensive blood glucose control and vascular outcomes in patients with type 2 diabetes. NEJM 2008; 358: 2560-2572

Das George Institute for International Health ist eine international anerkannte Forschungseinrichtung, die High-Impact-Forschungen zu den verschiedensten Gesundheitsthemen durchführt. Das Institut ist führend in den Bereichen klinische Studien, Gesundheitspolitik und Kapazitätsaufbau. Das Institut verfügt über ein globales Netzwerk von Spitzenmedizinern in verschiedenen Forschungsgebieten und mit einschlägiger Expertise in Forschungsmethodik, Projektmanagement sowie statistischer und Datenanalyse. Als angesehene Stimme unter den politischen Entscheidungsträgern der Welt wird das Institut von Regierungen, philanthropischen Organisationen und Wirtschaftsunternehmen finanziell unterstützt. Über die Forschungsarbeit des George Institute wird regelmäßig in den höchstrangigen internationalen wissenschaftlichen Fachzeitschriften berichtet. Der National Health & Medical Research Council of Australia ist das Spitzengremium der australischen Regierung in Sachen Gesundheit und medizinische Forschung. Es bietet Gesundheitsberatung für Kommunen, Mediziner und Regierungsbehörden in Australien und berät im Hinblick auf Fragen des ethischen Verhaltens im Gesundheitswesen und in der Durchführung der Gesundheits- und medizinischen Forschung. Der für die Forschungsfinanzierung zuständige Zweig des französischen Pharmazieunternehmens Servier ist das Institut de Recherche International Servier.

www.advance-trial.com

Referenzen

  • Chalmers J, Zoungas S, Ninomiya T, u.a. Neue Ergebnisse von ADVANCE. IDF-Kongress, Vortragseinladungen, 22. Oktober 2009. Montreal, Kanada.
  • ADVANCE Collaborative Group. Intensive blood glucose control and vascular outcomes in patients with type 2 diabetes. N Engl J Med. 2008; 358:2560-2572.
  • Turnbull F, Abraira C Anderson R Byington R Chalmers J et al. Intensive glucose control,and macrovascular outcomes in type 2 diabetes. Diabetologia, ePub Vorabdruck, 5. August 2009
  • Schramm TK. Eur Heart J. 2009;30(suppl):304. Abstract ESC Kongress 2009
  • Khalangot M et al, Diabetes Res Clin Pract. 29. Sep. 2009 [Epub Vorabdruck]
  • Zoungas S, Patel A, Neal B, et al ADVANCE-ON: a post-trial observational study. Oral presentation, IDF Kongress, 21. Oktober 2009, Montreal, Kanada
  • Kengne AP, Patel A, Colagiuri S, u.a. Derivation of the ADVANCE models for predicting the risk of major cardiovascular disease in people with diabetes. Oral presentation, IDF Kongress, 20. Oktober 2009, Montreal, Kanada