Hyperglykämie (erhöhte Blutzuckerwerte), Ketoazidose und Koma

Ziel der Diabetesbehandlung ist Beschwerdefreiheit und die Verhinderung der Folgeerkrankungen. Hierzu werden die erhöhten Blutzuckerwerte mit Diät und Bewegung, Tabletten und Insulin gesenkt.

In der Regel werden in der Diabetestherapie normnahe Blutzuckerwerte zwischen 90 und 180 mg/dl (5 und 10 mmol/l) angestrebt. Höhere Blutzuckerwerte (Hyperglykämie) führen zu leichten bis starken Beschwerden, langfristig zu Folgeerkrankungen.

Akute Beschwerden durch hohe Blutzuckerwerte

Leichte Blutzuckererhöhungen bleiben oft unbemerkt. Frühe Zeichen erhöhter Werte, wie Müdigkeit und Kraftlosigkeit, werden nicht selten unterschätzt, gerade bei älteren Menschen. Dies ist der Grund, weshalb die Diagnose „Diabetes“ oft sehr spät, manchmal erst bei einer schweren Entgleisung mit Koma erstmals gestellt wird.

Frühe Anzeichen einer Blutzuckererhöhung sind

  • Kraftlosigkeit
  • Müdigkeit
  • Niedergeschlagenheit
  • vermehrter Durst und trockener Mund
  • vermehrtes Wasserlassen
  • Sehstörungen
  • Juckreiz der Haut

Anzeichen bei steigenden und sehr hohen Blutzuckerwerten sind

  • Gewichtsverlust
  • Muskelschmerzen und Krämpfe
  • Bauchschmerz
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Verwirrung und Bewusstseinstrübung
  • tiefe Atmung mit Azetongeruch
  • Bewusstlosigkeit

Ursachen erhöhter Blutzuckerwerte (Hyperglykämie)

Häufige Ursachen erhöhter Blutzuckerwerte bei Menschen mit Diabetes sind ein erhöhter Insulinbedarf (typischerweise bei Infekt, Fieber oder Entzündung und unter bestimmten Medikamenten) und eine Unterversorgung mit Insulin (Spritzen vergessen, Pen-Defekt, verfallenes Insulin oder Weglassen von Insulin, wenn nicht gegessen wird, Katheterproblem bei Insulinpumpenpatienten). Der Insulinbedarf kann aber auch ohne jeden „Fehler“ durch Nachlassen der körpereigenen Insulinausschüttung und Entwicklung einer Resistenz (z.B. bei Gewichtszunahme) langsam zunehmen, so dass die Dosis angepasst werden muss.

Checkliste bei hohen Blutzuckerwerten

  • Fieber, Infekt, Schmerzen?
  • Neue Medikamente (z.B. Kortison)?
  • Zuverlässig gespritzt?
  • Nässen von Pen-Patrone?
  • Nadel verstopft? 2-4 Einheiten unter Sichtkontrolle auf Taschentuch oder in Tasse spritzen!
  • Verfallsdatum der Ampulle?
  • Fehler bei der Blutzuckermessung (Teststreifen über Verfallsdatum? Fehlerhafte Codierung)?
  • Spritzstellenproblem (Verhärtung, Fettgewebswucherung)?

Nächste Stufen: Azeton und diabetisches Koma

Bei steigenden Blutzuckerwerten (höher 240 mg/dl bzw. 13,3 mmol/l) kann eine bedrohliche Situation mit kompliziertem Verlauf entstehen, die in jedem Fall verhindert werden muss. Jeder Diabetiker muss über die Entstehung dieser Komplikation, über das frühzeitige Erkennen und Gegenmaßnahmen unterrichtet werden (Schulung!).

Mit steigenden Blutzuckerwerten spielen folgende Vorgänge eine gefährliche Rolle

  • Der Körper versucht die großen Zuckermengen durch vermehrtes Wasserlassen loszuwerden. Dies führt zu starken Wasserverlusten mit gefährlichen Verschiebungen im Mineralhaushalt und Kreislaufstörungen bis zum Schock.
  • Zur Energiegewinnung wird Fett verbrannt. Dabei entstehen sogenannte Ketonkörper (Azeton) mit Übersäuerung des Blutes. Diese Ketonkörper bedingen Übelkeit und Erbrechen (weiterer Flüssigkeitsverlust, keine Nahrungsaufnahme und oft fälschlicherweise dann auch keine Insulingabe), zudem auch Unempfindlichkeit gegen Insulin (Resistenz). Deshalb sind höhere Insulinmengen zum Senken des erhöhten Blutzuckers notwendig, als sonst erforderlich sind.
  • Im Weiteren treten Bewusstseinstrübung und Bewusstlosigkeit ein – das sogenannte Azeton-Koma, eine lebensbedrohliche Situation.
Stichwort „Ketonkörper“
Bei der Energiegewinnung durch Fettabbau entstehen im Körper alltäglich geringe Mengen Acetoacetat, die aber sofort abgebaut werden. Nur bei übermäßigem Fettabbau steigt Acetoacetat im Blut stark an (Ketonämie) und wird im Urin messbar ausgeschieden. Der Insulinbedarf ist dann deutlich gesteigert.
Ketonkörper entstehen aber auch beim Gesunden nach längerem Fasten und nach starker körperlicher Anstrengung.

Das Ketoazidoische-Koma ist immer Folge eines absoluten Insulinmangels. Es tritt deshalb in der Regel nur bei Typ-1-Diabetes auf. Beim Typ-2-Diabetes ist typischerweise noch Insulin vorhanden, so dass keine Fettverbrennung mit Azeton-Bildung stattfindet. Deshalb können sehr hohe Blutzuckerwerte auftreten (über 600 mg/dl bzw. 33 mmol/l), bevor Bewusstlosigkeit eintritt. Dies nennt man hyperosmolares Koma (mehr dazu weiter unten).

Erkennen und Behandeln einer Ketoazidose

Die beschriebenen Symptome erhöhter Blutzuckerwerte sind unspezifisch, deshalb muss grundsätzlich eine Messung des Blutzuckers durchgeführt werden. Die Behandlung richtet sich zunächst nach der festgelegten Behandlungsart, z.B. zusätzliche Dosis Insulin zur Korrektur entsprechend einer vom Arzt festgelegten Tabelle (Korrekturfaktor).

Achtung: Wenn Ketonkörper (Azeton) entstehen, besteht besondere Gefahr und es gelten andere Regeln zur Korrektur. Die Ketonkörper können im Urin nachgewiesen werden.

Bei Werten über 240 mg/dl (13,3 mmol/l) sollte der Urin auf Ketonkörper / Azeton getestet werden. Der Nachweis von Ketonkörpern / Azeton ist ein ernstes Krankheitszeichen. Er kann mit Hilfe von Ketonteststreifen (Apotheke) über den Urin oder mit Hilfe eines Messgerätes vorgenommen werden, das die Ketonkörper im But misst.

Notfallregeln bei nachweisbaren Ketonkörpern

Notfallregeln bei nachweisbaren Ketonkörpern:

  • möglichst nicht allein sein
  • wenig bewegen
  • viel Wasser trinken (in 1 Stunde 1 Liter)
  • Insulin spritzen, auch wenn Sie nichts essen können oder erbrechen:
    20% des gesamten Insulintagesbedarfs (schnelles und Verzögerungsinsulin! – siehe Beispiel)
  • Blutzucker– und Azeton-Messung alle 2 Stunden
    1. Werte über 240 mg/dl (13,3 mmol/l), Azeton positiv:
      Erneut 20 % des Gesamtinsulinbedarfs
    2. Werte 180-240 mg/dl (10-13,3 mmol/l), Azeton positiv:
      10 % des Gesamtinsulinbedarfs
    3. Werte unter 180 mg/dl (10 mmol/l), kein Azeton:
      Kein zusätzliches Insulin, weiterhin trinken, 2 Zusatz-BEs essen
  • bei weiterem Blutzuckeranstieg oder Kontrollverlust Kontaktaufnahme mit Arzt / Klinik

Nach Normalisierung des Blutzuckers und negativem Azeton: Ursachenanalyse!

Beispiel:
Sie spritzen normalerweise morgens und zur Nacht jeweils 10 IE Verzögerungsinsulin (NPH), zu den Hauptmahlzeiten im Schnitt morgens 10 IE, mittags 15 IE und abends 15 IE Alt-Insulin / Normalinsulin.
In der Summe werden also 60 IE Insulin pro Tag gespritzt.
Jetzt ist der Zucker durch einen Infekt auf 280 mg/dl erhöht, Azeton im Urintest 3-fach positiv.
Vorgehen: Sie spritzen 20 %, also 12 IE Normalinsulin und messen in 2 Stunden erneut Blutzucker und Azeton im Urin.

Bei Typ-2-Diabetes: Das hypersmolare Koma

Das hyperosmolare Koma entwickelt sich in der Regel langsam und ist durch zusätzliches Insulin in jeder Phase vor der Bewusstseinstrübung gut behandelbar. Das hyperosmolare Koma ensteht meist bei älteren Typ-2-Diabetikern, dabei könne extrem hohe Blutglukosewerte auftreten (über 800mg/dl bzw. Hohe Blutzuckerwerte 45 mmol/l) Diese Entgleisungen erfordern in jedem Fall eine Klinikeinweisung. Wichtigste vorbeugende Maßnahme ist eine ausreichende Trinkmenge. Bei beginnend eingeschränktem Bewusstsein ist eine Behandlung in der Klinik unbedingt erforderlich und muss rasch veranlasst werden.