(04.10.2026) Diabetestechnologie ist inzwischen eine tragende Säule bei der Behandlung von Menschen mit Typ-1-Diabetes. Sie diskutieren heutzutage eher selten über das Insulin, das sie für ihre Therapie nutzen, sondern eher über ihren Glukosesensor, den SmartPen, ihre Insulinpumpe oder ihr AID-System (AID – automated insulin delivery bzw. automatische Insulininfusion).
Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch ein Teil der Menschen mit Typ-2-Diabetes die moderne Diabetestechnologie nutzen möchte. Beispielsweise trägt bei ihnen die Anwendung des kontinuierlichen Glukosemonitorings (CGM mit einem Glukosesensor) im Vergleich zur Blutzuckerselbstkontrolle zur Verbesserung der Diabeteseinstellung bei. Dies hat eine Metaanalyse mit zwölf randomisierten, kontrollierten Studien gezeigt. [1] Dem trug in Deutschland auch das Bundesministerium für Gesundheit Rechnung, welches der Versorgung von Menschen mit Typ-2-Diabetes mit CGM als Kassenleistung zustimmte, wenn sie eine intensivierte Insulintherapie (ICT) duchführen. [2]
AID-Systeme bei Menschen Typ-1-Diabetes
AID-Systeme haben einen lang gehegten Wunsch von Menschen mit Typ-1-Diabetes erfüllt, nämlich eine Glukosestoffwechsel-Einstellung mit einem hohen Anteil an Werten im Glukosezielbereich (TIR; Time in Range von 70-180 mg/dl = 3,9 -10,0 mmol/l) von 70% und einen HbA1c um die 7% zu erreichen, ohne dass der tägliche Aufwand sehr hoch ist [3]. Dies ermöglicht ein freieres alltägliches Leben, weniger belastet durch die Diabetestherapie bei trotzdem einer guten Diabeteseinstellung.Lassen sich diese Vorteile der AID-Systeme auf Typ-2-Diabetes übertragen?
Eine Antwort darauf gibt eine Metaanalyse von Studien mit AID bei Menschen mit Typ-2-Diabetes, die kürzlich veröffentlicht wurde [4]. Die Autoren hatten mehrere internationale Datenbanken nach Daten bis zum 10. März 2025 duchforstet.Dabei fanden sie neun Studien, in denen AID-Systeme von Menschen mit Typ-2-Diabetes angewendet wurden, die vorher bereits eine Insulintherapie durchgeführt hatten. Insgesamt lagen die Daten von 1.530 Anwenderinnen und Anwendern vor. Bei nahezu allen verbesserten sich mit dem AID-System die Glukosewerte:
- der Anteil der Glukosewerte im Zielbereich (TIR – Time in Range) von 70-180 mg/dl (3,9 – 10,0 mmol/l erhöhte sich 16,1%,
- der HbA1c verringerte sich um 1,27%,
- das Risiko für Hypoglykämien erhöhte sich nicht.
-
Diese Ergebnisse unterstützen Empfehlungen der amerikanischen Diabetesorganisation ADA für den Einsatz von AID-Systemen auch bei Menschen mit Typ-2-Diabetes. [5]
Sind AID-Systeme bei Typ-2-Diabetes auch sinnvoll?
Zweifellos war zu erwarten, dass eine Technologie, die Vorteile bei Typ-1-Diabetes bringt, auch bei Typ-2-Diabetes funktioniert. Schließlich ist bei Menschen mit Typ-2-Diabetes der Glukoseverlauf meist stabiler. Auch wenn sie oft schon etwas älter sind, ist die Frage nach dem Lebensalter und dem Verständnis für Technik nicht mehr so drängend zu stellen wie vor zwei bis drei Jahrzehnten. Die Verbreitung von Smartphones hat dazu beigetragen.Ein wesentlicher Punkt betrifft allerdings das Kosten–Nutzen-Verhältnis. Der größte Vorteil von Insulinpumpen und damit auch von AID-Systemen besteht in der Basalrate. Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes ist diese sehr wichtig, können die Systeme doch das Insulin weitgehend so abgeben, wie es der Organismus benötigt. Das ist beim Spritzen von lang wirksamen Basalinsulinen unter der Mehrfachspritzentherapie (ICT) nicht unbedingt der Fall. Im Tagesverlauf gibt es Phasen, in denen die Insulinempfindlichkeit geringer (z.B. am Morgen) oder höher ist (z.B. in der Nacht). Bei vielen Menschen mit Typ-1-Diabetes kann dies das Basalinsulin unter der ICT schlecht ausgleichen. Lücken oder Überhänge in der Insulinversorgung können die Folge sein.
Insulinpumpen geben dagegen nur kurz wirksames Insulin ab, womit sich die basale Insulinversorgung subtil steuern lässt.
AID-Systeme bei Typ-2-Diabetes sind “Übertherapierung”
Was bei Menschen mit Typ-1-Diabetes so wichtig ist, trifft bei Menschen mit Typ-2-Diabetes nicht zu. Diese Menschen besitzen häufig noch eine körpereigene Insulinrestsekretion, das heißt Lücken in der Insulinversorgung, wie z.B. in den Morgenstunden, werden durch den Organismus selbst ausgeglichen.Der Einsatz von Insulinpumpen oder AID-Systemen ist bei Typ-2-Diabetes damit eine Form der „Übertherapierung“. Schließlich erhöht die Therapie mit Insulinpumpen inklusive ihren Verbrauchsmaterialien die Therapiekosten pro Tag um ca. 10 Euro. Dabei würde es genügen eine konstante Basalrate zur körpereigenen Insulinabgabe hinzuzufügen, ggf. sogar nur ein lang wirksames Basalinsulin.
Automatische Bolusgaben wären bei Typ-2-Diabetes wichtig
Damit lässt sich der Einsatz eines komplexen und sehr teuren AID-Systems hier nur bedingt rechtfertigten Die Empfehlung für ein AID-System bei Typ-2-Diabetes ist deshalb nur gegeben, wenn keine andere Form der Therapie erfolgreich ist („Ultima Ratio“). Die Situation wird sich ändern, wenn AID-Systeme auch den Mahlzeitenbolus sensorgesteuert automatisch abgeben. Das manuelle Bolusmanagement ist nämlich bei den aktuellen Hybrid-AID-Geräten auch weiterhin noch limitiert. Wäre dies vollkommen automatisch, so würden auch Menschen mit Typ-2-Diabetes stark davon profitieren, treten doch bei der manuellen Bolusgabe zu den Mahlzeiten noch die größten Fehler auf. In diesen Fällen ist dann auch die Frage der Therapiekosten neu zu diskutieren.Literatur
[1] Jancev M, Vissers TACM, Visseren FLJ, van Bon AC, Serné EH, DeVries JH, de Valk HW, van Sloten TT. Continuous glucose monitoring in adults with type 2 diabetes: a systematic review and meta-analysis. Diabetologia. 2024 May;67(5):798-810.
[2] Bundesministerium für Gesundheit: Bekanntmachung eines Beschlusses des Gemeinsamen Bundesausschusses über eine Änderung der Richtlinie Methoden vertragsärztliche Versorgung: Kontinuierliche interstitielle Glukosemessung mit Real-Time-Messgeräten (rtCGM) zur Therapiesteuerung bei Patientinnen und Patienten mit insulinpflichtigem Diabetes mellitus vom 16. Juni 2016. Bundesanzeiger, herausgegeben vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, vom 6. September 2016.
[3] Bergenstal RM, Garg S, Weinzimer SA, Buckingham BA, Bode BW, Tamborlane WV, Kaufman FR. Safety of a hybrid closed-loop insulin delivery system in patients with type 1 diabetes. JAMA 2016;316:1407-1408.
[4] Hespanhol LC, Agarwal S, Carvalhal G, de Mendonça Bisneto OI, Chagas GCL, Galindo RJ, Abreu M. Automated Insulin Delivery Systems in Type 2 Diabetes Mellitus: A Systematic Review and Meta-analysis. Diabetes Care. 2026 Jun 1;49(6):1134-1143. doi: 10.2337/dc25-2435.
[5] American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes. Standards of Care in Diabetes-2026. Diabetes Care. 2026 Jan 1;49(Suppl 1). doi: 10.2337/dc26-S001.
