Stoffwechselführung im Alltag

Hilde S., 82 Jahre alt, hat inzwischen ihren in Folge 2 beschriebenen Krankenhausaufenthalt beendet. Wie es ihr im Alltag ergeht, das beschreibt Dr. med. Richard Daikeler, Leiter einer diabetologischen Schwerpunktpraxis. 
Am Tag nach der Entlassung aus dem Krankenhaus stellt sich Frau S. in Begleitung ihrer Tochter bei ihrem Hausarzt vor. Denn für die Behandlung ihres Diabetes zu Hause benötigt sie nun Insulin, Nadeln für ihre Pens und Blutzuckerteststreifen. Die Insulinpatronen und Pen-Kanülen bekommt sie problemlos verschrieben. Doch eine Verordnung von Blutzuckerteststreifen lehnt ihr Hausarzt zunächst ab.  Diabetes News Stoffwechsel
Essen mit der Familie: Eine große Erleichterung, wenn sich ältere Menschen an ihren Diabetes gewöhnen müssen.
Keine Blutzuckertests? Der zusammen mit ihrer Mutter geschulten Tochter gelingt es dann aber doch, ihn von den Vorteilen der Blutzuckerselbstkontrolle zu überzeugen. Wichtig ist dabei der Hinweis auf die Vermeidung von Unterzuckerungen, die bei alten Menschen besonders bedrohlich verlaufen können. Als der Arzt schließlich doch ein Rezept für die Blutzuckerteststreifen ausstellt, erklärt er Frau S. und ihrer Tochter, dass diese Teststreifen sein Budget belasten. Das heißt: Im Falle einer Überschreitung müsse er persönlich haften und die Kosten für das Testmaterial übernehmen.Er bittet Frau S. deshalb, gewissenhaft mit den Teststreifen umzugehen, die selbstgemessenen Werte regelmäßig im Tagebuch zu protokollieren und ihm dann vorzulegen, damit auch wirklich entsprechende Therapiekonsequenzen abgeleitet werden können. Anschließend vereinbart der Hausarzt mit Frau S. einmal pro Woche einen Hausbesuch, um die Diabetesbehandlung in der Anfangsphase besser anpassen zu können.Hilfe bei der Ernährung

Bei der Ernährung bekommt Frau S. tatkräftige Unterstützung von ihrer Tochter: Künftig wird Frau S. das Mittagessen gemeinsam mit der im selben Haus wohnenden Familie der Tochter einnehmen. Diese wird sich, wie sie es in der gemeinsamen Schulung mit ihrer Mutter gelernt hat, an küchenüblichen Kohlenhydratportionen orientieren und so ein diabetesgerechtes Mittagessen zubereiten. Zudem wird sie in nächster Zeit auch den Einkauf der Lebensmittel für Frühstück und Abendessen übernehmen und dabei natürlich die ihr ja gut bekannten Vorlieben ihrer Mutter berücksichtigen.

Selbständig und aktiv

Die Blutzuckerselbstkontrollen und das Insulinspritzen führt Hilde S. nun ohne große Probleme selbständig zu Hause durch. Und gewissenhaft trägt sie die gemessenen Werte anschließend gleich ins Tagebuch ein.

In den ersten Tagen nach dem längeren Krankenhausaufenthalt gibt es in der eigenen Wohnung viel zu tun, weil ja vorher doch einiges liegengeblieben ist. Hilde S. hat also ein volles Programm. Da sie sich aber um einiges wohler fühlt als vor dem Krankenhausaufenthalt und wesentlich leistungsfähiger geworden ist durch den jetzt viel besseren Blutzucker, genießt sie es, nun wieder richtig zupacken zu können.

Dabei passiert es ihr aber immer wieder in der Zeit kurz vor dem Mittagessen, dass sie einen Schwächezustand mit Schwindelbeschwerden, Kraftlosigkeit und Schweißausbrüchen verspürt. Wie in der Schulung gelernt, mißt sie dann gleich ihren Blutzucker, der dabei um 50 mg/dl (2,8 mmol/l) liegt. Sofort trinkt sie ein Glas Apfelsaft, legt eine Pause ein – und nach etwa 20 Minuten ist der Unterzucker überstanden.

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Nicht zu unterschätzen:
Auch Gartenarbeit kann sich auf den Diabetes auswirken (und Unterzucker auslösen)
Gehäufte Unterzuckerungen Ähnliches erlebt sie aber auch, wenn sie an schönen Tagen nachmittags spazierengeht und – weil sie sich so kräftig fühlt – dabei noch eine Runde mehr geht als sonst. Aber sie hat ja ihren Traubenzucker in der Tasche dabei – und so kann sie sich stets selbst helfen, sobald sie die ersten Anzeichen einer Unterzuckerung bemerkt.Beim nächsten Besuch ihres Hausarztes erwähnt sie die nun immer häufiger auftretenden Unterzuckerungen. Der Doktor erklärt ihr, dass sie durch die vermehrte Bewegung zu Hause wie auch durch die längeren Spaziergänge mehr Energie verbraucht und deshalb weniger Insulin benötigt. Deshalb rät er ihr, die Insulindosis morgens um vier Einheiten zu reduzieren.
Der Blutzucker steigt wieder Zunächst funktioniert dies recht gut. Während einer längeren Regenperiode muß Frau S. dann jedoch auf ihre nachmittäglichen Spaziergänge verzichten. Bei den abendlichen Blutzuckerkontrollen stellt sie nun fest, dass der Blutzucker mit 240 bis 260 mg/dl (13,3 bis 14,4 mmol/l) doch deutlich zu hoch liegt. Sie verspürt auch wieder vermehrt Müdigkeit und wird dadurch, dass sie nun wieder öfter zur Toilette gehen muß, an ihr altes Blasenproblem erinnert.Uberweisung zum SpezialistenIhr Hausarzt rät ihr daraufhin, sich bei einem niedergelassenen Zuckerspezialisten vorzustellen, nämlich in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis. Und er vereinbart auch gleich einen Termin für sie. Als sie den Diabetologen aufsucht, hat sie etliche Unterlagen dabei: den Entlassungsbericht vom Krankenhaus, ihr Blutzuckertagebuch und den Überweisungsschein ihres Hausarztes mit einer Notiz, dass die Insulintherapie umgestellt werden soll.

Anhand der protokollierten Blutzuckerwerte im Tagebuch wird schnell klar, dass der Blutzucker immer dann abfällt, wenn Frau S. besonders aktiv ist und sich körperlich mehr belastet. Dagegen kommt es zu deutlichen Blutzuckeranstiegen, wenn sie weniger zu tun hat oder der Spaziergang am Nachmittag ausfällt. Der Tagesablauf zu Hause ist also bei weitem nicht so konstant und gleichmäßig wie in der Klinik.

Eine Spritze zusätzlich

Der Diabetologe schlägt ihr deshalb vor, öfter am Tag zu spritzen und dabei die Insulindosis an die geplante körperliche Belastung anzupassen. Im einzelnen bedeutet das: Frau S. soll künftig morgens und mittags spritzen, und zwar eine Mischung aus schnell und lang wirkendem Insulin im Verhältnis 50 zu 50. Abends bleibt es bei der bisherigen Mischung mit nur 15 Prozent schnell wirksamem Insulin. Die bisher morgens gespritzten Insulineinheiten werden also auf je eine Injektion vor dem Frühstück und vor dem Mittagessen verteilt. Außerdem schlägt der Diabetologe Frau S. vor, dass sie vor vermehrter Hausarbeit, größeren Spaziergängen und ähnlichen Anstrengungen vier Einheiten weniger spritzt.

Sie vereinbaren auch, dass die Blutzuckermessungen zur Überprüfung der neuen Therapie erweitert werden um einen Test vor dem Mittagessen und einen weiteren vor der Nachtruhe sowie ab und zu auch um Messungen zwei Stunden nach dem Frühstück. Dies soll bis zum nächsten Kontrolltermin beim Arzt in zwei Wochen beibehalten werden.

Erneute Ernährungsberatung Nach diesem ausführlichen Gespräch haben Frau S. und ihre Tochter die Gelegenheit, sich von der Diabetesberaterin der Schwerpunktpraxis Ernährungstipps geben und inzwischen aufgetretene Fragen beantworten zu lassen. Als Frau S. zur vereinbarten Kontrolle erscheint und ihre gemessenen Blutzuckerwerte vorlegt, erkennt der Diabetologe den Erfolg der Insulinumstellung: Die gemessenen Blutzuckerwerte liegen vor den Mahlzeiten unter 150 mg/dl (8,3 mmol/l) und nach dem Essen nicht über 200 mg/dl (11,1 mmol/l). Diabetes News Stoffwechsel im Alltag
Öfter spazierengehen:
Auch hierfür kann eine
Therapieanpassung sinnvoll sein
Unterzuckerungen sind nicht mehr aufgetreten. Und so fühlt sich Hilde S. fit genug auch für größere Spaziergänge oder Besorgungen. Sogar an einer ganztägigen Ausflugsfahrt mit dem Seniorenclub hat sie teilgenommen – auch hierbei gab es keine Probleme. Nachdem sich die Situation stabilisiert hat, vereinbart der Diabetologe mit Frau S., dass sie künftig nur noch ein- bis zweimal pro Woche ein Blutzuckertagesprofil durchführt. Das bedeutet, dass sie an diesen Tagen morgens vor dem Frühstück, vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot und vor der Nachtruhe mißt und protokolliert. Zusätzliche Tests soll sie nur noch durchführen, wenn sie sich nicht sicher ist, ob eine Unterzuckerung vorliegt.Gesundheits-Paß DiabetesDann fragt der Diabetologe Frau S. nach dem Gesundheits-Paß Diabetes. Dieses kleine blaue Heft in Paßformat wurde unter der Schirmherrschaft der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) und des Deutschen Diabetiker-Bundes (DDB) herausgegeben. Es soll die Diabetesbetreuung erleichtern, indem für einen Zeitraum von fünf Jahren die pro Quartal erhobenen Befunde und Laborwerte dokumentiert und die von Arzt und Betreutem gemeinsam festgelegten Ziele schriftlich festgehalten werden.

Schon im Krankenhaus war Frau S. auf den DDB und die Vorteile einer Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe hingewiesen worden. Deshalb ist sie inzwischen einer örtlichen Seniorengruppe des DDB beigetreten. Dabei erhielt sie ein Exemplar des Gesundheits-Passes, das sie nun dem Diabetologen überreicht.

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Umfangreiches Programm:
Der Gesundheits-Paß Diabetes enthält Therapieziele und erforderliche Untersuchungen
Therapieziele festlegen Die linke Spalte ist für langfristige Ziele vorgesehen (siehe Abbildung). Und so unterhält sich der Diabetologe mit Frau S. und ihrer Tochter, was alles bis Jahresende erreicht werden kann: zum Beispiel eine leichte Gewichtsabnahme oder ein Absenken des HbA1c. Auch Grenzwerte für die in regelmäßigen Abständen vorzunehmenden Laboruntersuchungen zur Überprüfung der Blutfette oder der Nierenfunktion werden schriftlich festgehalten. Und als er dann noch die bisher erhobenen Befunde protokolliert, kann der Diabetologe feststellen, dass Frau S. doch eigentlich ganz zufrieden sein kann mit dem, was sie bisher erreicht hat.
Der Diabetologe wird dem Hausarzt über die Therapieänderungen und das Gespräch mit der Diabetesberaterin berichten und ihn bitten, im nächsten Quartal die im Gesundheits-Paß Diabetes vorgesehenen Untersuchungen durchzuführen und in einem halben Jahr Frau S. zum Augenarzt zu überweisen. Und er wird vorschlagen, dass sich Hilde S. in drei Monaten noch einmal vorstellt, damit die Therapie überprüft werden kann. Bei dieser Gelegenheit sollen dann auch in einem erneuten Beratungsgespräch ihre Ernährungskenntnisse aufgefrischt werden. Quelle: Wort & Bild Verlag, Baierbrunn