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Risikokinder: Die ersten Lebensjahre entscheiden

Lässt sich Typ-1-Diabetes verhindern?

Typ-1-Diabetes ist genetisch mitbedingt. Ist ein Elternteil diabetisch, erkranken die Kinder mit einem Risiko von sechs Prozent, sind es beide Eltern, liegt die Wahrscheinlichkeit zwischen bei 20 und 40 Prozent. Aber welche Faktoren bestimmen das restliche Risiko? Bei der Diagnostik ist man recht weit, bei der Vorbeugung gibt es Erfolg versprechende Ansätze.


Seit dem Jahr 1989 untersuchten Ärzte im Rahmen der BABYDIAB-Studie Blutproben von über 2000 Babys mit mindestens einem diabetischen Elternteil. Den "Risikokindern" wurde regelmäßig Blut abgenommen, sowie die Ernährung und Impfungen überwacht.

So ermittelte man drei Typen von Antikörpern, deren Auftreten mit einem erhöhten Diabetesrisiko einhergeht. Antikörper sind die "Polizisten" der Immunabwehr, die sich in diesem Fall gegen körpereigene Zellen richtet.


Antikörper-Test bestimmt das Diabetesrisiko schon beim Kleinkind

Häufig treten zuerst Antikörper gegen Insulin auf (genannt IAA, Insulin-Auto-Antikörper). Ein Fingerzeig für die Entwicklung eines Typ-1-Diabetes ist, wenn ein oder zwei weitere Immunstoffe nachgewiesen werden: Fachleute sprechen von Antikörpern gegen die Glutamatdecarboxylase (GAD) und gegen Tyrosinphosphatase (IA-2Antikörper).

Etwas über drei Prozent der untersuchten Babys hatten mit zwei Jahren zwei dieser drei Antikörper im Blut. Alle aus dieser Gruppe entwickelten bis zum zehnten Lebensjahr einen manifesten Typ-1-Diabetes. Von der Erkrankung verschont blieben - zumindest bis zum 10. Lebensjahr - alle Kinder, die bis zum zweiten Lebensjahr keinen der verdächtigen Antikörper aufwiesen.
Abb. 1: Das Risiko (y-Achse) für die Entwicklung eines Typ-1-Diabetes bei Kindern von Vätern oder Müttern mit Typ-1-Diabetes ist abhängig von der Anzahl der Insel-Antikörper im Alter von 2 Jahren.
Unklar ist aber heute, ob diese Immunstoffe die Entwicklung eines Typ-1-Diabetes nur anzeigen, oder ob sie ihn (mit)verursachen.

Die Forscher setzen ihre beobachtende Arbeit mittlerweile als eingreifende (Interventions-) Studie fort. In der BABYDIÄT-Studie prüfen sie, welche Wirkung das völlige Weglassen von Gluten im ersten Lebensjahr hat.

Gluten, das in den meisten Getreidesorten vorkommende Klebereiweiß, soll nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung nicht an Babys in den ersten sechs Lebensmonaten verfüttert werden.

Bisherige Ergebnisse der BABYDIAB-Studie haben gezeigt, dass vor allem Kinder von Eltern mit Typ-1-Diabetes, die schon vor dem dritten Lebensmonat Gluten zugefüttert bekommen, ein erhöhtes Diabetes-Risiko haben.

Andererseits bewirkte das Weglassen des Glutens auch über längere Zeit keinen Schutz bei Kindern, wenn sich schon Typ-1-spezifische Antikörper gebildet hatten. Das Gluten scheint also ein Ko-Faktor, aber kein eigentlicher Auslöser der Diabetes-Entwicklung zu sein.


Test und Vorbeugung: Angebote für Kinder diabetischer Eltern

Eine Testung sollte am ehesten im Rahmen einer wissenschaftlichen Studien erfolgen, die sich z. B. mit der Entstehung und Verhinderung des Diabetes beschäftigen. Denn in diesem Rahmen ist eine individuelle Betreuung und fachkundige Beratung der belasteten Familien möglich.

Ein Screening auf die Insel-Autoantikörper als Routinemaßnahme ist nach Auskunft von Fachleuten derzeit nicht sinnvoll, da noch keine gesicherte vorbeugende Therapie zur Verfügung steht.

Der Antikörper-Test für diabetesgefährdete Babys wird für erstgradige Verwandte von Personen mit Typ-1-Diabetes kostenlos am Münchner Institut für Diabetesforschung angeboten.

Kontakt:
Prof. Anette-G. Ziegler, Institut für Diabetesforschung
Kölner Platz 1, 80804 München
Tel. 089 3079-3114, E-Mail: baby.diab@lrz.uni-muenchen.de


Die Antikörperuntersuchungen führt auch das Deutsche Diabetes-Forschungs-Institut in Düsseldorf (DDFI) durch - jedoch nicht kostenfrei. Interessierte suchen die Früherkennungssprechstunde des DDFI auf oder senden nach telefonischer Beratung eine Blutprobe an das Institut ein.

Kontakt:
Dr. Stephan Martin, Tel.-Nr.: 0211 3382-1
Internet: www.diabetes.uni-duesseldorf.de/patientenfragen/typ1


In die Münchner BABYDIÄT-Studie können noch Babys bis zum dritten Lebensmonat aufgenommen werden, deren Mütter, Väter oder Geschwister an Typ-1-Diabetes erkrankt sind, und die bei einem Suchtest auf genetische Diabetes-Risikomarker (Humanes Leukozyten Antigen, HLA) als Risikokinder identifiziert worden sind.

Interessierte Eltern wenden sich an:

Dr. Sandra Schmid, Institut für Diabetesforschung
Kölner Platz 1, 80804 München
Tel. 089 3079-3114, E-Mail: prevent.diabetes@lrz.uni-muenchen.de



Stillen: In vieler Hinsicht positiv

Mehrere Studien haben außerdem ergeben, dass Babys seltener an Typ-1-Diabetes erkranken, wenn sie länger als drei Monate nach der Geburt gestillt werden.

Allerdings halten gerade Diabetikerinnen oft die Stillphase nicht in dieser Länge durch. In der weltweiten TRIGR-Studie (Trial to reduce Insulin Dependent Diabetes in the Genetically at Risk) wird derzeit untersucht, welche Ernährung Neugeborene mit erhöhten Diabetes-Risiko vor dem Ausbruch der Erkrankung schützen kann.

Wenn es mit dem Stillen nicht klappt, bekommen die Kinder entweder normale Säuglingsnahrung auf Kuhmilchbasis oder eine Spezialnahrung ohne Kuhmilcheiweiß. In dieser Hydrolysatmilch ist das Kasein der Kuhmilch soweit gespalten, dass es nicht mehr zur Bildung von Antikörpern im Kind führt.

Die Studie läuft zehn Jahre lang. Hydrolysat-Säuglingsnahrung wird heute schon für allergiegefährdete Säuglinge empfohlen, deren Eltern z. B. atopische Dermatitis (Neurodermitis) haben.


Vitamin D bremst Typ-1-Diabetes

Aufsehen erregte eine Untersuchung in Finnland, dem Land mit der weltweit höchsten Rate an Typ-1-Diabetikern. Kinder, die regelmäßig Vitamin D bekamen - eigentlich zur Vorbeugung gegen Rachitis - hatten ein um 80 Prozent geringeres Risiko für Typ-1-Diabetes als Kinder, die wenig oder gar kein Vitamin D erhalten hatten.

Typ-1-Diabetes gilt als Auto-Immunerkrankung, bei der der Antikörper des eigenen Immunsystems die Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstören. Da Vitamin D auch eine immunsuppressive Wirkung hat, erscheint das Ergebnis der Studie plausibel: Die Forscher vermuten, dass Vitamin D übermäßige Reaktionen des Immunsystems unterdrückt. Des weiteren gibt es Untersuchungen an Mäusen, die zeigen, dass Vitamin D3 das Fortschreiten von Typ-1-Diabetes stoppen kann.

Es kann jedoch derzeit noch nicht allgemein empfohlen werden, bei Risikokindern die Zufuhr von Vitamin D über die übliche Zufuhr zur Verhütung von Rachitis hinaus anzuheben.


Ergebnisse in wenigen Jahren

Beide Ansätze vereint die italienische PREVEFIN-Studie (Prevention of Type-1-Diabetes in the General Population), die ebenfalls Neugeborene mit HLA-positive untersucht. Die Kinder bekommen entweder kuhmilchfreie Säuglingsnahrung oder Vitamin D. Diese Studie ist auf eine Dauer von drei Jahren angesetzt.

[23.12.2002], Redaktion: Ralf Schlenger


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