Insulinpumpentherapie bei Kindern und Jugendlichen
Äußerst bewährt
Dr. med. Wolfgang von Schütz und seine Kollegen am Diabeteszentrum für Kinder und Jugendliche des Kinderkrankenhauses auf der Bult Hannover (Leiter: Prof. Dr. med. Thomas Danne) haben Langzeiterfahrungen zur Insulinpumpentherapie bei rund 250 Patienten mit Typ-1-Diabetes gesammelt.
Die Insulinpumpentherapie wurde in den letzten Jahren als mögliche Behandlungsform des Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen immer mehr akzeptiert. Ziel der Studie von von Schütz et al.* war eine Auswertung der Langzeiterfahrungen über fünf Jahre in einem großen pädiatrischen Zentrum mit einem einheitlichen Behandlungskonzept. Ausgewertet wurden die Daten von 249 Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes (49% Knaben), die zwischen 2001 und 2005 eine Insulinpumpentherapie (Continuous Subcutaneous Insulin Infusion, kurz: CSII) begonnen hatten. Bei Beginn der Pumpentherapie betrug das mediane Alter 11 Jahre (0-20 Jahre), die Erkrankungsdauer 3 Jahre (0-17 Jahre).
Wichtige Alternative zur ICT
Die Therapieumstellung und die Schulungen erfolgten unter stationären Bedingungen mit einer mittleren Aufenthaltsdauer von 4,8 Tagen. Die mittlere Follow-up-Dauer betrug 1,4 Jahre (0,1-4,6 Jahre). Nur sechs von 249 Patienten beendeten in der Zwischenzeit die CSII. Im Gesamtkollektiv betrug der mediane HbA1c vor CSII Beginn 7,4%, nach sechs Monaten 7,5% und bei der letzten ambulanten Vorstellung 7,5%.
Patienten mit ungünstiger Stoffwechsellage (HbA1c>7,5%) vor CSII-Beginn (Median 8,3%) verbesserten sich nach sechs Monaten auf 7,9% und waren auch bei der letzen Vorstellung immer noch signifikant besser als bei Beginn (8,1%; p<0,001). Die Gewichtsentwicklung im Gesamtkollektiv mit CSII blieb stabil (Body-Mass-Index-SDS vorher: 0.64±0.80; letzte Vorstellung: 0.69±1.9).
Die Schlussfolgerung der Autoren: Pädiatrische Patienten mit CSII bleiben langfristig bei dieser Therapieform. Ein schlechter HbA1c ist keine Kontraindikation für eine CSII im Kindesalter. Die Insulinpumpentherapie ist eine wichtige Alternative zur intensivierten konventionellen Insulintherapie (ICT) und hat kein vermehrtes Übergewichtsrisiko. Die Entscheidung für eine CSII sollte immer individuell nach Abklärung der Therapieziele gemeinsam mit dem Patienten und seinen Eltern getroffen werden.
*von Schütz, Datz, Marquardt, Glinda, Nestoris, Lange, Kordonouri, Danne
Im Gespräch mit
Diabetes>News: erläutert der Erstautor der Studie, Dr. med. Wolfgang von Schütz, Therapieziele der CSII und welche Gründe zu einem Abbruch dieser Therapieform führen können.
Diabetes>News: Wie viele Patienten mit Typ-1-Diabetes erhielten bisher im Kinderkrankenhaus auf der Bult eine Insulinpumpe?
von Schütz: Wir betreuen insgesamt etwa 550 junge Patienten. Davon verwendet bis jetzt etwa die Hälfte eine Insulinpumpe, wobei es hierfür keine Altersbegrenzung gibt. Sowohl Neugeborene als auch junge Erwachsene erhalten bei entsprechender Indikation eine Insulinpumpe. Wir betreuen die Patienten ambulant bis zum 21. Lebensjahr, wobei wir sehr darauf bedacht sind, sie schon früher in die Erwachsenenmedizin überzuleiten.
Diabetes>News: Welche Therapieziele verfolgen Sie bei der Pumpentherapie?
von Schütz: Was die Therapieziele bei der CSII anbelangt, so steht bei den Kindern und Jugendlichen an erster Stelle das Vermeiden des Dawn-Phänomens, also der hohen Blutzuckerwerte in den frühen Morgenstunden, die unter der herkömmlichen ICT häufig auftreten. Hier ist die Insulinpumpentherapie ein Segen, weil sie eine individuell programmierbare Basalrate ermöglicht. Bei häufigen, vor allem nächtlichen Unterzuckerungen, bei einer sehr labilen Stoffwechselsituation mit großer Streuung der Blutglukosewerte oder wenn eine größere Flexibilität bei den Mahlzeiten erreicht werden soll, z.B. bei Kleinkindern, hat sich die Insulinpumpentherapie äußerst bewährt. Die Indikation hierfür wird gestellt, wenn alle zumutbaren Therapiemöglichkeiten erschöpft sind oder wenn beispielsweise unter der ICT ausgeprägte Lipodystrophien aufgetreten sind.
Diabetes>News: Welche HbA1c-Zielwerte gelten bei der Pumpentherapie für Kinder und Jugendliche?
von Schütz: Die gleichen wie bei der Therapie mit der Insulinspritze. Das Therapieziel ist ein HbA1c-Wert unter 7,4% bzw. ein Wert unterhalb der dreifachen Standardabweichung. Entsprechende HbA1c-Werte gelten in der Pädiatrie national und international als sehr gut.
Diabetes>News: Der Katheter muss alle zwei Tage gewechselt werden. Wie lange dauert so ein Wechsel?
von Schütz: Das ist ganz unterschiedlich. Bei Kleinkindern, bei denen die Eltern den Wechsel vornehmen, und bei denen die Kooperation nicht unbedingt gegeben ist, dauert es etwa zwanzig Minuten, bei älteren Kindern und Jugendlichen fünf bis zehn Minuten.
Diabetes>News: Wie häufig kommt es zu Katheterinfektionen?
von Schütz: Eine nachgewiesene Katheterinfektion habe ich in fünf Jahren nur einmal erlebt. Katheterinfektionen spielen heute nur noch eine untergeordnete Rolle.
Diabetes>News: Das setzt aber eine intensive Schulung voraus?
von Schütz: Auf jeden Fall. Die Kinder durchlaufen zusammen mit den Eltern strukturierte Schulungen und auch die Jugendlichen werden altersgemäß intensiv von uns geschult. In der Regel kommen die Patienten montags in die Klinik und gehen am Freitag wieder nach Hause.
Diabetes>News: In Ihrer Studie haben nur sechs von 249 Patienten die CSII abgebrochen. Aus welchen Gründen?
von Schütz: Ein Kind hat während der Schulungswoche gesagt, es möchte wegen eines störenden "Fremdkörpergefühls" doch lieber weiter bei der Spritzentherapie bleiben. Einem jungen Mann mit äußerst schwierigem psycho-sozialem Hintergrund haben wir die Pumpe weggenommen, weil er nicht in der Lage war, mit dieser teuren Therapie verantwortungsvoll umzugehen. Ein 16-jähriges Mädchen mit einer ausgeprägten Pubertätskrise hat uns die von ihr völlig zerstörte Insulinpumpe wieder zurückgegeben.
Diabetes>News: Das sind also eher extreme Ausnahmefälle?
von Schütz: So ist es. In 90-95% der Fälle wird die Insulinpumpe sehr rasch akzeptiert und nicht wieder hergegeben. Die Erfahrungen einer sehr großen Flexibilität der Insulinzufuhr und das Nicht-mehr-spritzen-Müssen stehen bei den Kindern und Jugendlichen an erster Stelle in einer Beurteilung ihrer Insulinpumpentherapie.
Diabetes>News: Sie haben eben die Kosten angesprochen. Wird die Verordnung von Insulinpumpen in Zukunft schwieriger sein?
von Schütz: Man geht davon aus, dass die Kosten der CSII doppelt so hoch sind wie bei der Spritzentherapie. In der Regel akzeptieren jedoch die Kostenträger ein entsprechendes individuelles Gutachten für die CSII und haben daher allen Kindern und Jugendlichen bisher nach entsprechender Antragstellung die Insulinpumpentherapie gewährt.
Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass die Insulinpumpentherapie die präziseste und bedarfsgerechteste Form der Insulinzufuhr darstellt. Erfahrungen aus der DDCT-Studie zeigen, dass allein die weitere Intensivierung der Insulintherapie die Häufigkeit von Folgeerkrankungen beim Typ-1-Diabetes auch bei gleich bleibenden HbA1c-Werten deutlich herabgesetzt hat.
Diabetes>News: Vielen Dank für das Gespräch!
[29.09.2006] Quelle:
Diabetes>News: Zeitung für die Diabetologie
5. Ausgabe September 2006