Hypoglykämie-Gegenregulation
Kein Kampf der Geschlechter
Priv.-Doz. Dr. med. Bernd Schultes fahndet mit seinem Forscherteam am Campus Lübeck des Universitätsklinikums
Schleswig-Holstein nach geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Typ-2-Diabetikern.
Schwere Hypoglykämien treten relativ gesehen bei Patienten mit Typ-2-Diabetes deutlich seltener auf als bei Patienten mit
Typ-1-Diabetes. Viele Experten gehen allerdings davon aus, dass es mit den zunehmenden Anstrengungen, die
Stoffwechseleinstellung bei Typ-2-Diabetespatienten zu verbessern, auch zu einem gehäuften Auftreten von schweren
Hypoglykämien bei diesen Patienten kommen wird und somit das Problem der Unterzuckerungen auch bei der Therapie des
Typ-2-Diabetes an Bedeutung gewinnt.
Die Determinanten der physiologischen Reaktionen auf eine Hypoglykämie sind bei Typ-2-Diabetikern bislang weit weniger
genau untersucht worden als bei den meist jüngeren Typ-1-Diabetikern oder auch bei gesunden Probanden. Bei beiden
letztgenannten Personengruppen sind deutliche Geschlechtsunterschiede in der hormonellen Hypoglykämie-Gegenregulation
wiederholt beschrieben worden, wobei Frauen konsistent eine geringer ausgeprägte Gegenregulation im Vergleich zu
Männern aufweisen.
Vor diesem Hintergrund untersuchten wir, ob ähnliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern auch bei Patienten mit
Typ-2-Diabetes feststellbar sind.
Insgesamt wurden jeweils 15 Frauen und 15 Männer mit Typ-2-Diabetes während einer experimentell induzierten,
standardisierten Hypoglykämie (50 mg/dl über 30 Minuten) untersucht. Die Gruppen der weiblichen und männlichen
Probanden wurden so zusammengestellt, dass sie in Bezug auf ihr mittleres Alter (61 versus 62 Jahre), ihre Diabetesdauer (9,1
versus 9,0 Jahre), ihre Stoffwechselkontrolle (Hb1c 7,7 versus 7,6 Prozent) und ihre Diabetestherapie (Insulintherapie bei
jeweils sieben Patienten in jeder Gruppe) gut vergleichbar waren.
Jeweils vor sowie während der standardisierten Hypoglykämie wurde in regelmäßigen Abständen Blut zur
Bestimmung der Gegenregulationshormone entnommen und die Intensität der Wahrnehmung Hypoglykämie-typischer Symptome
systematisch erfragt. Zur Erfassung der aktuellen neurokognitiven Leistungsfähigkeit wurde ein
Kurzzeitgedächtnistest (Wortwiedergabetest) durchgeführt sowie die Reaktionszeiten während eines akustischen
Aufmerksamkeitstests gemessen. Beide neurokognitive Testverfahren hatten sich in vorausgehenden Untersuchungen unserer
Arbeitsgruppe als sehr sensitiv in Bezug auf die Effekte von Hypoglykämien erwiesen.
Vergleichbare hormonelle, subjektive und neurokognitive Reaktionen
Während der Hypoglykämie kam es zu einem deutlichen Anstieg der Konzentration aller Gegenregulationshormone
(Adrenalin, Noradrenalin, ACTH, Kortisol und Wachstumshormon) mit Ausnahme von Glukagon, welches diskret abfiel. Die
Konzentrationsanstiege der einzelnen Hormone unterschieden sich jedoch nicht zwischen den männlichen und weiblichen
Probanden.
Gleichzeitig kam es während der Hypoglykämie zu einem Anstieg der Wahrnehmung von Hypoglykämie-typischen
Symptomen sowie zu einer Verminderung der gemessenen neurokognitiven Leistungen. Wie bei den Gegenregulationshormonen fand
sich jedoch auch in diesen Parametern kein Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern. Zusammengefasst zeigten die
männlichen und weiblichen Patienten mit Typ-2-Diabetes in unserer Studie vergleichbare hormonelle, subjektive und
neurokognitive Reaktionen auf die standardisierte Hypoglykämie.
Auf den ersten Blick steht dieses Ergebnis in einem gewissen Gegensatz zu vorausgehenden Befunden bei Patienten mit
Typ-1-Diabetes und gesunden Probanden. Es sollte jedoch betont werden, dass unser Untersuchungskollektiv deutlich älter
war, als die Probandenkollektive in diesen vorausgehenden Studien und dass alle unsere weiblichen Probandinnen postmenopausal
waren.
Letzteres scheint insbesondere vor dem Hintergrund der kürzlich von einer amerikanischen Arbeitsgruppe um Stephen Davis
veröffentlichten Studienergebnisse von besonderer Bedeutung. Diese zeigen, dass der Geschlechtsunterschied in der
hormonellen Hypoglykämie-Gegenregulation zum großen Teil auf die Wirkung von Östrogenen
zurückzuführen ist.
Aufgrund ihres postmenopausalen Status waren die Östrogenspiegel bei allen unseren Probandinnen recht niedrig (< 28
pg/ml), so dass es gut möglich scheint, dass der fehlende Geschlechtsunterschied bei unserem Probandenkollektiv hierauf
zurückzuführen ist. Aufgrund unserer Studienergebnisse lässt sich somit festhalten, dass das Geschlecht bei
älteren Patienten mit Typ-2-Diabetes keine wesentliche Determinante für die physiologischen und neurokognitiven
Reaktionen auf eine Hypoglykämie darstellt.
[02.12.2005], Quelle: Diabetes>News
Zeitung für die Diabetologie
5. Ausgabe September 2005
Beitrag von Jan Phillip Bremer und Priv.-Doz. Dr. med. Bernd Schultes
|
|