Vorbeugen gegen Herz- und Kreislauferkrankungen

Mindestens die Hälfte aller Herzinfarkte, Schlaganfälle und Todesfälle lassen sich vermeiden, wenn man allein den Lebensstil umstellt - ohne jede Tablette.

Für Diabetiker und solche, die es nicht werden wollen, heißt das primär:

  • Steigerung der körperlichen Aktivität,
  • Reduktion des Körpergewichts
  • Nicht Rauchen

Dies ist den meisten Diabetikern bekannt. Aber es gibt noch eine Reihe weiterer Risiko- und auch Schutzfaktoren, die letztlich das Altern unserer Gefäße bestimmen. Wie man sie beeinflussen kann, haben Experten in einer einheitlichen Leitlinie mehrerer Fachgesellschaften zur Vorbeugung gegen Gefäßleiden und ihre zusammengefasst.

Leitlinien sollen Sicherheit geben

"Leitlinien" fassen in der Medizin den Stand der Erkenntnisse zur Behandlung oder Vorbeugung bestimmter Krankheiten zusammen. Die Leitlinie "Risikoadjustierte Prävention von Herz- und Kreislauferkrankungen" soll Ärzten helfen, die klassischen Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen richtig einzuschätzen und geeignete Maßnahmen einzuleiten. An dieser Stelle ist sie zu Diabetes-relevanten Punkten für Patienten zusammengefasst. Erstellt haben die Leitlinie Experten aller Disziplinen: Kardiologie, Hypertonie, Diabetes, Adipositas, Arterioskleroseforschung und psychosomatische Medizin.

Die Verbindung zwischen Herz-Kreislauf-Leiden und Diabetes ist eng

Kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall stellen quasi die gemeinsame Endstrecke von Arteriosklerose und Diabetes dar: Beide Krankheiten führen zu Schäden an großen und kleinen Gefäßen, die typischerweise Infarkte, also Gefäßverschlüsse in Herz oder Gehirn auslösen ("common soil"-Hypothese). Diese stellen die häufigste Ursache für vorzeitige Invalidität und Tod dar.

Ein Mensch mit Diabetes hat ein hohes Risiko für einen Herzinfarkt - vergleichbar einem Nichtdiabetiker, der schon einen Infarkt erlitten hat. Die meisten Diabetiker versterben auch an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Im Vergleich zu Nichtdiabetikern haben männliche Diabetiker ein bis zu sechsfach höheres Risiko für Infarkt und Tod, weibliche ein bis zu elffach höheres Risiko.

Gefahr erkannt - Gefahr gebannt

Daher haben Diabetiker einen besonderen Anspruch darauf, über ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall aufgeklärt zu werden. Nur wer Chancen und Risiken kennt, kann die beeinflussbaren Risiken abzuschwächen und Vorbeugemaßnahmen ergreifen. Eine besondere Beachtung sollte auch das Umfeld des individuellen Patienten finden - also Partner, Kinder und Familie im weiteren Sinne.

Wer hat ein erhöhtes Risiko für Gefäßerkrankungen?
  • Patienten mit atherosklerotischer Gefäßerkrankung
  • Patienten mit Diabetes mellitus
  • Verwandte ersten Grades von Patienten mit Gefäßerkrankung
  • Personen in der Familie des Patienten mit Gefäßerkrankung
  • Personen mit mehreren mäßig erhöhten Risikofaktoren
  • Personen mit einzelnen stark erhöhten Risikofaktoren

Was sollten sie tun?

Jede/r sollte sich um seiner Gesundheit willen gelegentlich vor Augen führen:

  • Ausreichende körperliche Aktivität,
  • gesunde Ernährung und
  • nicht Rauchen
sind die wichtigsten Schutzfaktoren vor Infarkt und Schlaganfall, zum Teil auch vor Krebs. Sie haben Vorrang vor jeder Medikation oder sollten diese begleiten! Risikopersonen sollten sich auch regelmäßig im Herbst gegen das Influenza-Virus impfen lassen.

Risikofaktoren richtig behandeln

Die Bedeutung der einzelnen Risikofaktoren und die wichtigsten praktischen Empfehlungen der Leitlinie:

1 Rauchen: beschleunigt das Altern. Wer täglich bis 20 Zigaretten raucht, hat mit 50 Lebensjahren das Herz-Kreislauf-Risiko eines 60-Jährigen. Raucher, die ein Päckchen täglich schaffen, verlieren bis zum 60. Lebensjahr 15 Jahre. Auch das Rauchen von wenigen Zigaretten pro Tag bzw. geringen Tabakmengen ist schädlich, ebenso das Passivrauchen. Jede einzelne Zigarette verkürzt das Leben um etwa 25-30 Minuten! Empfehlung: Rauchen vollständig einstellen. Gegebenenfalls können Raucherentwöhnungskurse bei der Krankenkasse, evtl. in Kombination mit Nikotinpflaster, Bupropion oder auch Vareniclin, in Anspruch genommen werden.

2 Körperliche Aktivität: Je höher die körperliche Fitness und Aktivität, desto niedriger die kardiovaskuläre Sterberate. Experten können das in Watt wie bei der Leistung eines Autos ausdrücken. Die Zunahme der körperlichen Fitness um etwa 15 Watt senkt die Sterblichkeit um 12%. Zwar wird der maximale präventive Effekt erst bei einer Trainingsdauer von 6 bis 7 Stunden auf mittlerem Niveau erreicht (Energieverbrauch von 3000 bis 3500 kcal/Woche). Aber auch leichte bis mittlere Trainingsintensität hat erkennbaren Nutzen.

Empfehlung: Jeder Erwachsene sollte lebenslang täglich mindestens 30 Minuten körperliche Aktivität auf mittlerer Belastungsstufe in seinen Tagesablauf integrieren. Das Training soll primär in dynamischen Ausdauersportarten bestehen, bis zu 20% der Zeit auch in Krafttraining. Sinnvoll erscheint, das Training bei täglichen Wegen (Joggen oder mit dem Fahrrad zur Arbeit) zu absolvieren und jede Gelegenheit zur Bewegung (z.B. Treppensteigen) zu nutzen.

3 Ernährung: Der Energiebedarf sinkt mit den Jahren: Vom 30-Jährigen bis zum Rentner nimmt er um 25% ab, bei gleichem Aktivitätsniveau. Jede überkalorische Ernährung, besonders, wenn sie ungünstig zusammengesetzt ist, begünstigt Herz- und Krebserkrankungen. Gesunde Ernährung ist kein Luxus, sondern hat einen eigenständigen Gesundheitseffekt.

Mit der ursprünglichen mediterranen Ernährung (keine Fertiggerichte) wird die kardiovaskuläre Ereignisrate unabhängig von den Cholesterinwerten bei Patienten nach Herzinfarkt um bis zu 45% reduziert. Auch die Krebs- und die Osteoporoserate sinken, bei gleichzeitig hoher Lebenserwartung.

Empfehlung: Die Ernährung sollte kaloriengerecht, reich an Obst und Gemüse (Ballaststoffe > 20 g pro Tag), einfach ungesättigten Fetten und an Omega-3-Fettsäuren, arm an gesättigten Fetten (< 7% der Gesamtkalorien) und Cholesterin (< 300 mg pro Tag) sein. Dementsprechend spielen Seefische, Vollkornprodukte, pflanzliche Öle und Nüsse eine wichtige Rolle.


4 Alkohol: Alkohol in Maßen ist wahrscheinlich gesundheitsfördernd.

Empfehlung: Für gesunde Männer sind bis 30 g Alkohol täglich (~1/4 l Wein oder 0,5 l Bier) harmlos. Bei Frauen liegt der Grenzwert bei etwa 20 g Alkohol/Tag.

5 Übergewicht: Adipositas (Fettsucht, Body Mass Index > 30) begünstigt die frühe Entwicklung der Arteriosklerose und ist häufiger mit Typ-2-Diabetes, Hypertonie, koronarer Herzerkrankung und Gallensteinen verbunden. Der prognostisch günstigste BMI liegt bei gesunden männlichen Nie-Rauchern zwischen 23,5 und 25,9 und bei Frauen zwischen 22,0 und 23,4. Ein Taillenumfang über 94 cm bei Männern bzw. von über 80 cm bei Frauen erhöht das Risiko für Stoffwechselerkrankungen.

Empfehlung: Als realistisches Ziel beim Abnehmen gilt: ein Kilogramm Körpergewicht in 14 Tagen. Eine mäßig, aber dauerhaft kalorienreduzierte Mischkost hilft dabei. Abzulehnen sind kurzfristige "Diäten", die den typischen JoJo-Effekt nach sich ziehen: Pfunde runter, Pfunde rauf ...

6 Fettstoffwechselstörungen: Als besonders herzschädlich gilt das LDL (low density lipoprotein)-Cholesterin. Die kardiovaskuläre Prognoseverbesserung durch Cholesterinsenker ist klar belegt. Statine als Cholesterinsynthesehemmer sind die wichtigste Therapie. Bei schwerer Hypercholesterinämie kann die Kombination eines Statins mit einem Cholesterin-Resorptionshemmer, evtl. auch mit Nikotinsäure effektiv sein.

Empfehlung: Die LDL-Zielwerte bei Patienten mit koronarer Herzerkrankung (KHK) oder mit Diabetes sehen Kardiologen am liebsten unter 100 mg/dl. Liegen KHK und Diabetes gleichzeitig vor, soll das LDL sogar unter 70 mg/dl gebracht werden.

7 Blutdruck: Hoher Blutdruck gilt insbesondere als Risikofaktor für den Schlaganfall. Das normale Blutdruckziel heißt altersunabhängig: unter 140/90 mmHg (gemessen beim Arzt, bei Selbstmessung liegt der Wert um je 5 mmHg niedriger). Empfehlung: Menschen mit Diabetes oder Nierenfunktionsstörungen sollten beim Blutdruck 130/80 mmHg unterschreiten. Der Blutdruck sinkt aber auch ohne Medikamente bei

  • Steigerung der körperlichen Aktivität besonders durch Ausdauertraining,
  • Senkung erhöhten Körpergewichts,
  • weniger Kochsalzkonsum (maximal 6 g/Tag).

8 Blutzucker: Wer Diabetes in der Familie hat, sollte auf die Frühzeichen der Krankheit besonders achten:

  • Durst
  • häufiges Wasserlassen
  • Ket(azid)ose
  • Gewichtsverlust
  • und Gelegenheits-Blutzucker über 200 mg/dl (kapilläres Vollblut).

Als Vorstufen des Diabetes werden angesehen: erhöhte Nüchternglukose (< 90 mg/dl) und gestörte Glukosetoleranz (> 140 mg/dl im Glukosetrinktest). Ein manifester Typ-2-Diabetes (Blutzucker nüchtern > 110 mg/dl, im Trinktest > 200 mg/dl) entspricht prognostisch einer manifesten Herz- oder Gefäßerkrankung:

Empfehlungen: Die Manifestation eines Typ-2-Diabetes kann verzögert oder verhindert werden durch

  • Steigerung der körperlichen Aktivität,
  • Reduktion des Körpergewichts,
  • Gabe von Alpha-Glukosidasehemmern, Pioglitazon oder Metformin,
  • Normnahe Blutglukoseeinstellung (nüchtern 80 bis 120 mg/dl und HbA1c < 6,5%) können der Progression der Arteriosklerose und diabetestypischer Organkomplikationen vorbeugen.
  • Metformin, Pioglitazon und Acarbose scheinen über pleiotrope Effekte kardioprotektiv zu wirken.
  • Bei einem 10-Jahres-Herzinfarkt-Risiko = 20% sollte Azetylsalizylsäure (ASS), bei Kontraindikation Clopidogrel gegeben werden - bei Diabetikern auch ohne Zeichen einer Herzerkrankung (KHK).

Stand: Herbst 2007

Quelle: Leitlinie Risikoadjustierte Prävention von Herz- und Kreislauferkrankungen,
abrufbar unter leitlinien.dgk.org

Redaktion: Ralf Schlenger




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