Es war die beste Entscheidung meines Lebens
Ich bin 30 Jahre alt und bin, seit ich 13 Monate alt war, ein "süßes Mädchen". 21 Jahre lang bin ich mit der Spritzentherapie gefahren. Anfangs eine, dann zwei Injektionen und später dann die ICT. Eigentlich hatte ich keine großen Schwierigkeiten mit dieser Therapie, meine Mutter allerdings etwas mehr. Ich hatte in meinen besten Zeiten einen Insulinverbrauch von 120 I.E., das entsprach 1,5 I.E. pro kg Körpergewicht, was natürlich starke Hypoglykämien mit sich brachte.
Das hieß für meine Mutter (die sehr fürsorglich war und auch heute noch ist) mindestens zweimal im Monat eine krampfende Tochter, die für nichts mehr zugänglich war, sich dabei noch Wange und Zunge aufbeißt und aus dem Mund blutet. Oder aber sie musste ständig in die Schule fahren, da die Lehrer mit einer krampfenden Schülerin überfordert waren. Da kommt Freude auf.
Als ich dann 1994 in einer Diabetesklinik neu eingestellt wurde (vorher war ich nur in "normalen Krankenhäusern"), traf ich auf einige Diabetiker, die unter anderem mit der Pumpe Erfahrung hatten.
Das ganze Prinzip hat mir eigentlich ganz gut gefallen. Zwei Tage bekam ich dann eine Pumpe mit Kochsalzlösung zum Probetragen, und dann hab ich mir einen Termin zur Pumpenschulung geben lassen. Diesen habe ich allerdings nicht wahrgenommen, da ich von einer "ambulanten" Pumpenschulung, bei der die Patienten sich selber versorgen und kochen, gehört hatte und die mir besser zusagte. Und zu allem Glück bekam ich ein halbes Jahr früher als in der Klinik einen Termin.
Also bekam ich in diesem Diabetesdorf (wie es heute heißt) im November 1994 meine erste Insulinpumpe. Es war die beste Entscheidung meines Lebens.
Hypoglykämien mit Krampfanfällen? Was ist das? Ich hatte seit 1994 keine mehr. Warum? Ich bin jetzt bei einem Insulinverbrauch von ½ I.E. pro kg Körpergewicht, also halb so viel wie vor meiner Pumpy. Ich esse und trinke, was mir Spaß macht. Natürlich immer noch mit Maß und Ziel, aber meinen heiligen Obstsalat an Weihnachten, der mir 20 Jahre lang verboten war und den ich heimlich essen musste, kann ich jetzt nach Herzenslust genießen. Auch muss ich meine Snickers und Eisbonbons nicht mehr in meiner Jackentasche verstecken und heimlich essen, sondern sie sind schön einplanbar. Habe ich mal keinen Hunger, okay, dann lassen wir das Essen eben ausfallen, ohne nachher mit einer schönen Hypo zu kämpfen.
Ich genieße seitdem mein Leben unbeschwert in vollen Zügen: Motorradfahren, Motorsägearbeiten im Wald, Schwimmen, Saunieren, Fitnessstudio, ausgiebige Discobesuche und dann ausschlafen bis in die Puppen, ohne beim Aufstehen einen BZ von 300 mg/dl zu haben.
Weinproben, Fahrradtouren, ausgedehnte Wanderungen, mehrtägige Bergtouren, Campen ... mit der richtigen Sportanpassung kein Problem. Diese reicht von reiner Basalrate und normal essen bis hin zu vollem Bolus ohne Zusatz-BE, je nachdem was ich mache und wie mein Ausgangs-BZ aussieht.
Anfangs nervte mich mein Lebensgefährte mit vermehrten BZ-Messungen, da er immer wieder nicht ganz glauben konnte, dass meine Sportanpassung so ohne Probleme funktioniert. Im Abstand von etwa zwei Stunden mache ich jedoch freiwillig meine Messung, um mich selber zu bestätigen. Absichern ist eben doch sicherer.
Auch meine Arbeit im Drei-Schicht-Betrieb (früh, spät, nachts) ist mit der Insulinpumpe kein Problem. Die Basalrate lässt sich ohne Probleme anpassen.
Natürlich ist es gewöhnungsbedürftig, diesen "Apparat" ständig bei sich zu haben. Aber im Handyzeitalter ist das eigentlich kein Problem mehr.
Selbst im schönsten Abendkleid gibt's eine Möglichkeit, meine Pumpy unsichtbar zu machen. Wobei ich heute nicht mehr darauf achte, ob sie unsichtbar ist oder nicht. Meine Pumpy gehört zu mir wie meine Nase, und wem sie nicht gefällt, ist selber schuld. Wobei die meisten eh nicht mehr darauf achten, da jeder glaubt, es sei ein Handy.
Ab und zu gibt es auch kleinere Probleme, aber die werden eigentlich nicht von Pumpy, sondern von mir verursacht, wenn ich bei der Arbeit bin und mal wieder meine Ersatzbatterien oder -katheter vergessen habe. Aber dann habe ich im Normalfall meinen Pen in der Tasche, und dann klappt das schon.
Und wenn der dann auch noch zu Hause liegt, okay, dann rutscht man mal kurz in eine Ketoazidose, die aber mit der richtigen Schulung zu Hause sehr schnell wieder in den Griff zu kriegen ist. Aber das passiert einem nur einmal. Das ist eine Erfahrung, die in ewiger Erinnerung bleibt.
Wenn man, wie es Arzt und der Hersteller empfehlen, jeden zweiten bis dritten Tag den Katheter wechselt, holt man sich auch keinen Abszess, der dann operativ entfernt werden muss. Oder wenn man eine Pflasterallergie bekommt, ist es kein Problem, ein paar Musterpflaster vom Pumpenhersteller zu bekommen, um zu testen, welches Pflaster mich nicht zur Rothaut werden lässt.
Ich glaube, es ist ganz gut herauszulesen, was ich von der Pumpentherapie halte. Es macht vielleicht den Eindruck, ich sei ein Lebemensch, aber glauben Sie mir, das ist viel schöner als ständig als "des arme, kranke kloene Mädle, des nix derf" bemitleidet zu werden und dabei noch einen HbA1c von 6,9% zu haben, mit dem sogar der Arzt voll zufrieden ist.
Und auch nach 30 Jahren Diabetes noch keine Spätschäden zu haben, bestärkt mich in meinem Lebensmotto, nicht den Diabetes leben zu lassen, sondern mit dem Diabetes zu leben.
Es ist jetzt etwas länger geworden als ich eigentlich wollte, aber als ich so im Schreiben war, ist mir immer mehr eingefallen. Ich hoffe, Sie verzeihen meine Ausführlichkeit, aber wenn es um meine Pumpy geht, ist mir kein Wort zuviel, um anderen mitzuteilen, wie schön das Leben trotz Diabetes sein kann. Denn ich habe schon alle Gemütslagen mitgemacht, die ein Diabetiker haben kann, und bin (glaube ich) mit meiner Pumpy jetzt auf dem richtigen Weg angekommen.
Hildegard W.