Insulinpumpen-Erfahrungsberichte

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Vorurteile überwinden: So kam ich zu meiner Insulinpumpe

Ich befand mich bereits seit über einem halben Jahr in Behandlung unserer Schwerpunktpraxis, ohne dass sich hinsichtlich meines Blutzuckerwerte irgend etwas geändert hätte.

An meiner Einstellung hatten wir zwar vieles abgeändert, ich spritzte nachmittags noch zusätzlich eine Dosis Basalinsulin, doch die erhofften Veränderungen stellten sich nicht ein. Also blieb wohl im Endeffekt nur noch eine Lösung des Problems offen.

Da ich öfters in der Diabetesklinik in Karlsburg (Kreis Greifswald) verweilen musste, hatte ich schon so einiges über die Insulinpumpe gehört und gelesen; damals waren das ja noch Monsterpumpen von enormer Größe. Aber die Technik schritt voran, und da wir nun auch zu Westdeutschland gehörten und ich irgendwie neugierig war, schnitt ich das Thema mal bei meinem Hausarzt an. Eigentlich sollte ich, falls ich mich einmal für eine Pumpe entscheiden sollte, wieder nach Karlsburg, also stationär, aber das blieb mir, dank unserer Schwerpunktpraxis, erspart. Doch der Reihe nach.

Voraussetzung für die Pumpe ist ja nun, dass man mit der ICT gut umgehen kann - zu diesem Zeitpunkt führte ich diese Therapieform fast 2 Jahre durch, aber es klappte alles vorn und hinten nicht. Das einzige, was sich tat, war, dass ich enorm an Gewicht zulegte. Ich spritzte damals Humalog und hatte eine Hypo nach der anderen, und demzufolge, war ich nur am Essen. Damit erreichte ich dann wieder das Gegenteil, nämlich hohen Zucker. Ich kam also auf keinen grünen Zweig. Des Weiteren kam hinzu, dass ich mit meiner ganzen Einstellung zum Diabetes doch nicht so ganz auf dem Laufenden und diesbezüglich auch nicht immer einer Meinung mit meinem Diabetes-Team war. Aber nach etlichen Sessionen in der Praxis kam dann der Tag, der alles veränderte.

Es war März 1999, genauer, der 24.03.1999, abends um 18:00 Uhr in der Schwerpunktpraxis. Ich war mit anderen Diabetikern zu einer Info-Veranstaltung über die Insulinpumpe eingeladen - anhören konnte ich mir das Ganze ja einmal. Allerdings sollte sich an diesem Abend für mich vieles ändern ...

In lockerer Runde saßen wir dann erst einmal alle zusammen, einige Diabetiker kannte ich zum Glück von diversen Schulungen. Nachdem sich jeder kurz vorgestellt hatte, wurde es dann ernst. Zwei Außendienstmitarbeiter einer Insulinpumpenfirma stellten uns die Pumpe vor und vermittelten einen Überblick. Da die beiden selber Pumpenträger waren, konnten wir sie zu dem Thema auch so richtig ausquetschen. Nur eines konnten sie mir eben doch nicht leichter machen: die Entscheidung für oder gegen eine Pumpe. Ich konnte mich, ehrlich gesagt, nicht so recht mit dem Gedanken anfreunden, von diesem Gerät abhängig zu sein, noch mehr als bisher den Blutzucker zu testen und das ganze Drum und Dran - ich blieb erst einmal skeptisch. Außerdem hatte ich eher Negatives als Positives von der Pumpe gehört, ich war also nicht ganz schlüssig, wie ich mich weiter entscheiden sollte, und das machte mir echt zu schaffen. Auf einer Seite wollte ich die Pumpe haben - aber so schnell sollte es eigentlich nicht gehen ...

Im Anschluss an diese Veranstaltung konnten wir uns dann noch entscheiden, ob wir an einer weiterführenden Runde zu diesem Thema teilnehmen wollten - die Pumpe sollte uns noch einmal detaillierter vorgestellt werden. Ich sagte zu, da mich mein Diabetes-Team auch mit seinen Blicken dazu ermuntert hatte. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht, dass ich mich mit meiner Zusage zu einem neuen Pumpenträger gemacht hatte ...

Die Außendienstmitarbeiter hatten bereits drei Pumpen-Sets mitgebracht und uns drei Interessenten gleich mit dem Umgang mit der Pumpe vertraut gemacht. Die ganzen technischen Sachen waren mir noch verständlich, aber mein Innerstes sträubte sich immer noch irgendwie gegen die Pumpe. Dann wurde anhand unserer bisherigen Einstellung die Dosisanpassung für die Pumpe ermittelt und die Basalrate programmiert. Jetzt begriff ich dann auch endlich, dass ich an diesem Abend die Praxis mit einer Pumpe verlassen sollte.

Nachdem die Pumpe also für jeden einsatzbereit gemacht worden war, sollten wir uns dann den Katheter setzen. Das war für mich der reinste Horror, da ich mich auch sonst nur sehr ungern in den Bauch spritzte und ich mich jedes Mal überwinden musste zuzustechen. Nach langem Zögern und Zureden der anderen überwand ich mich dann schließlich. Es zwickte etwas, aber so schlimm war es dann doch nicht gewesen.

Dann wurde der Katheter fixiert und die Pumpe in Betrieb gesetzt – jetzt war ich in den Kreis der Pumpenträger übergetreten – die letzte Stufe auf meiner Therapieanpassung. Anschließend erhielten wir unsere erste Testmahlzeit in Form von Pizza. Da ich ja nun anderes Insulin hatte – nicht mehr Humalog – verschätzte ich mich mit dem abgegebenen Bolus natürlich total, aber das merkte ich dann erst später beim BZ-Messen.

Nach dem Essen wurden dann noch eventuell auftretende Probleme besprochen und Telefonnummern für den Notfall ausgetauscht und der Termin für die Pumpenschulung am nächsten Tag festgelegt.
Ich überstand die Nacht ohne Probleme, mein Zucker war nach der Pizza allerdings etwas sehr in die Höhe geschossen, aber mit dem Korrektur-Bolus habe ich es einigermaßen in den Griff bekommen.
Am nächsten Tag trafen wir uns früh um neun in der Praxis. Zuerst wurden die in der Nacht gemessenen BZ-Werte besprochen und eine erneute Abstimmung der Basalrate vorgenommen. Ich brachte das Team mit meinen Werten mal wieder zum Grübeln, aber ich machte mir vorerst noch keine größeren Gedanken.

Anschließend besprachen wir den Alltag mit der Pumpe, welche Probleme auftreten können und wie wir diese in den Griff bekommen können. Wir gingen noch einmal die Funktionen der Pumpe durch, was wir bei den Fehlermeldungen zu tun haben und wie wir uns bei einer Hypo oder einer Ketoazidose zu verhalten haben, was wir beim Katheterwechsel zu beachten haben und wie dieser vorgenommen wird und wie die Insulinpatrone zu wechseln ist.

Nach dieser Schulung verabschiedeten wir uns erst einmal und verabredeten uns noch einmal für den Abend. Mir schwirrte der Kopf und ich kam mir vor wie in Trance. Mir erschien das Ganze irgendwie nicht real - als ob alles nur im Traum abläuft.

Am Abend werteten wir wieder die BZ-Werte aus und die Basalrate wurde noch einmal angepasst. Danach stand dann die Veränderung der Basalrate auf dem Plan - je nach körperlicher Verfassung und Aktivität sollten wir diese anpassen - senken oder erhöhen. Als wir das Thema ausgiebig besprochen und durchprobiert hatten, verließen wir gegen 22:30 Uhr die Praxis.

Als wir uns dann am nächsten Tag in der Praxis trafen, besprachen wir zuerst wieder die gemessenen BZ-Werte und aufgetretenen Probleme. Die Basalrate wurde noch einmal verändert und wir klärten noch einige Dinge hinsichtlich Ernährung und Bolusabgabe ab. Danach entließ man uns mit der Pumpe ins Wochenende - von nun an mussten wir selber klarkommen. Sollten wir Probleme haben, sollten wir uns an unser Diabetes-Team wenden.

Probleme mit der Pumpe hatte ich nicht - ich stand plötzlich ganz anderen Problemen gegenüber. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich arbeitslos - nun hatte ich wieder einen Job bekommen. Dazu dann die Pumpe - mir schien alles auf einmal zu viel zu werden.

Aber zum Grübeln blieb mir weinig Zeit. Meine immer noch erhöhten Werte frusteten mich total. Da hätte ich auch bei der ICT bleiben können, es wollte sich keine Veränderung einstellen.

Ich hatte zwar einen geregelteren Tagesablauf, aber nun kam Stress und Hektik dazu, ich wusste so manches Mal nicht, wo mir der Kopf stand und woher manchmal diese enorm hohen Werte kamen oder die plötzliche Hypo (auch enorme Kopfarbeit bringt meinen BZ in Hypo-Nähe).

Bei den anderen beiden aus unserer kleinen Gruppe lief alles bestens, nur ich war immer wieder das Sorgenkind. Warum lief bei mir nur immer alles anders? Was machte ich nur falsch? In dieser Zeit hätte ich mehr als einmal die Pumpe in die Ecke werfen können. Ich war manches Mal so mit mir und der Pumpe beschäftigt, dass ich meinen Job wieder hätte hinwerfen können. Mir war alles egal, und ich ließ keinen an meine Probleme wirklich heran.

In dieser Zeit hätte ich wohl eher einen Psychologen gebraucht. Mein Diabetes-Team versuchte zwar immer mich aufzumuntern, aber ohne größere Erfolge. Diese kamen, aber immer später als von mir erwartet. Ich hatte öfters alles satt, aber ich bin nie zurück zur ICT, denn mittlerweile hat man sich daran gewöhnt, dass man sich nicht mehr 8- bis 10-mal am Tag mit dem Pen stechen muss. Das war immer das Ausschlaggebende, dass ich mit der Pumpe weitergemacht habe, und die Gedanken an die eventuell auftretenden Spätschäden. Irgendwann musste die Therapie ja mal Erfolg zeigen!

So kam ich also zu meiner Insulinpumpe.

Mittlerweile habe ich sie nun fast 5 Jahre, ich gehe auf das sechste Jahr zu. Bisher habe ich meinen Entschluss, Pumpenträgerin zu werden, nicht bereut. Obwohl ich zwischendurch immer mal wieder einige kleine Krisen zu bewältigen hatte.

Ich brauchte fast ein ganzes Jahr, ehe sich mein Körper auf die Pumpe eingestellt hatte. Meine Werte stiegen und fielen manchmal, ohne dass ich eine genauere Ursache dafür ergründen konnte. Zeitweise war ich total fixiert auf meine Krankheit und die damit verbundenen BZ-Kontrollen – ich lebte praktisch nur für meine Krankheit. Ich lernte erst nach und nach, dass ich mit der Pumpe ein eher unabhängiges Leben führen konnte und nicht mehr an die Uhr gefesselt war.

Die Vorteile der Pumpe hatte ich rasch begriffen – ich konnte essen, ohne dass ich die Uhr im Nacken hatte, ich konnte endlich mal wieder ausschlafen, ich brauchte mir abends nicht den Wecker auf die Nachtspritze um 23:00 Uhr zu stellen, all das gehörte nun der Vergangenheit an.

Aber es gibt nicht nur Vorteile bei der ganzen Sache. Das Testen vom BZ ist nicht weniger geworden, mindestens 6 Messungen am Tag sind bei mir Standard.

An die Pumpe habe ich mich eigentlich schnell gewöhnt; anfangs habe ich sie immer in meiner Hosentasche getragen, aber mittlerweile trage ich sie an meinem Hosengürtel - für jeden sichtbar. Viele unserer Kunden halten die Pumpe für ein Handy und ich finde es immer amüsant, wenn mir jemand sagt, dass mein Handy piept.

Die Schwankungen meines BZ habe ich, auch durch einen Insulinwechsel, ganz gut in den Griff bekommen. Allerdings habe ich durch Stress und Hektik ab und zu ein paar „Ausrutscher", diese bekomme ich aber immer ganz gut in den Griff.

Auch mein zeitweiliges Problem der Hypo-Wahrnehmung habe ich mit der Pumpe wieder unter Kontrolle bekommen. Es gab Zeiten, da habe ich meine Hvpos erst sehr spät wahrgenommen, so dass ich immer erst im allerletzten Moment etwas unternehmen konnte. Mich wundert es, dass ich es immer geschafft habe, die Hypos zu bewältigen. Mittlerweile haben sich die Anzeichen für eine Hypo besser ausgeprägt bzw. ich habe durch die Einstellung wieder gelernt, die Anzeichen, welche bei mir noch vorhanden sind, wieder besser wahrzunehmen.

Anfangs hatte ich auch meine Ernährung umgestellt, dadurch habe ich dann 10 kg abgenommen. Seitdem ich jedoch anderes Insulin spritze, sind zwar meine BZ-Werte besser, aber ich habe wieder 3 bis 4 kg mehr an Gewicht.

Ausschlaggebend ist für mich aber, dass ich durch die Pumpe den BZ besser steuern kann und damit auch die Folgeschäden besser unter Kontrolle habe (zum Glück ist bei mir noch alles okay). Da nehme ich die paar Kilos mehr lieber in Kauf und habe dafür gute BZ-Werte.

Jedenfalls bin ich so nach und nach zu der Erkenntnis gekommen:
Wenn ich die Krankheit schon habe, muss ich auch dazu stehen und etwas dafür tun, dass ich mit der Krankheit leben kann. Es bringt nichts, sich hinter seiner Krankheit zu verstecken, denn man ist nicht allein damit – es gibt viele Menschen, die das gleiche Problem wie ich haben.

Der Entschluss, Pumpenträger zu werden, liegt bei jedem selbst. Die Entscheidung kann einem keiner abnehmen. Zwar kann man sich bei den Pumpenfirmen über die angebotenen Produkte informieren, nur sind Theorie und Praxis zwei verschiedene Schuhe. Als ich die Pumpe das erste Mal in natura sah, war ich erst mal geschockt, ich hatte sie mir nämlich noch kleiner vorgestellt. Aber ich ließ es auf einen Versuch ankommen.

Ich habe meine Entscheidung bis heute nicht bereut. Wenn mich mal wieder meine Selbstzweifel befallen, dann rufe ich mir mein ganzes bisheriges Diabetes-Leben und die bereits durchgeführten Therapieformen ins Gedächtnis zurück und stelle sie gegenüber. Klar kann man die DDR-Medizin nicht so einfach mit dem heutigen Standard vergleichen. Wo gibt es heute noch Glasspritzen und Stahlkanülen mit Widerhaken?

Das Resultat meines Vergleiches ist immer das Gleiche: mir geht es durch die Pumpe nicht schlechter, eher besser. Das vielfache Stechen mit dem Pen entfällt - man muss ja nur noch ein Knöpfchen drücken. Klar muss der BZ nach wie vor getestet werden, aber dank neuer Technologien wird dies auch immer komfortabler und einfacher.

Ich hatte mir anfangs auch vorgenommen, mal Urlaub von der Pumpe zu machen - also kurzzeitig mal wieder auf die ICT umzusteigen. Gemacht habe ich das bis heute nicht. Man hat sich mit der Zeit doch echt an den bequemeren Lebensstil gewöhnt.

Mit der Pumpe habe ich auch schon allerhand erlebt, sei es Wandern im Gebirge, Skiurlaub auf dem Gletscher, Fliegen mit dem Segelflugzeug, um nur einiges zu nennen - meine Pumpe hat bisher alles mitgemacht und mich nicht im Stich gelassen.

Die Entscheidung zur Pumpe ist mir nicht leicht gefallen und es brauchte alles seine Zeit. Aber eins steht für mich fest: meine Insulinpumpe möchte ich nicht mehr missen!

Die Entscheidung für die Pumpe liegt also bei jedem selbst. Aber jeder, der sich dafür entscheidet, wird irgendwann feststellen, dass er auf seine Pumpe nicht mehr verzichten möchte!

Kathrin S.

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