Hypoglykämien gibt's bei Typ-1- und Typ-2-Diabetikern

Wie man Unterzucker (Hypoglykämie) meistert

Durch akute Unterzuckerungen sind nicht nur Typ-1-Diabetiker gefährdet, sondern auch viele Typ-2-Diabetiker, vor allem Ältere und intensiviert mit Insulin behandelte. Gefahr besteht nicht nur akut durch Verlust von Konzentration oder Bewusstsein. Mit jeder Hypoglykämie verschlechtert sich die Wahrnehmung und die Gegenregulation der nächsten. Welche Wege führen aus dem Teufelskreis?


Unterzucker bei Typ-1-Diabetikern

Jeder dritte bis vierte Typ-1-Diabetiker hat Probleme mit der Hypoglykämie - in Deutschland sind das rund 100.000 Personen. Schwere Unterzuckerungen erleiden Typ-1-Diabetiker alle zwei bis fünf Jahre. Ihr diesbezügliches Risiko hängt zuerst vom Behandlungstyp ab:
  • Wer intensiviert behandelt wird und auf einen normnahen HbA1c-Wert eingestellt ist, rutscht dreifach häufiger in einen Unterzucker als ein konventionell behandelter Typ-1-Diabetiker. Wobei Experten betonen, dass die Vorteile der ICT hinsichtlich Vermeidung von Folgeschäden das Hypoglykämie-Risiko bei weitem aufwiegen.

  • Ein wichtiger weiterer Risikofaktor ist eine generell beeinträchtigte Wahrnehmung für Unterzucker bzw. Hypoglykämien. Wiederholte Unterzuckerung verschlechtert die Wahrnehmung des nächsten Unterzuckers und beeinträchtigen auch die körpereigene Gegenregulation.

  • Besonders gefährdet sind auch Typ-1-Diabetiker ohne jegliche Insulin-Restsekretion.


Unterzucker bei Typ-2- Diabetikern

Bei den Typ-2-Diabetikern haben zwischen zwei und 14% Probleme, drohenden Unterzucker (eine drohende Hypoglykämie) zu erkennen oder zu verhindern, entsprechend zwischen 30- und 150.000 Betroffenen.

Beim Typ-2-Diabetiker wächst die Häufigkeit und Gefährlichkeit von Hypoglykämien mit dem Alter und der Dauer der Erkrankung, insbesondere auch mit der Dauer der Insulintherapie. Ein weiterer Risikofaktor ist auch beim Typ 2 die Wahrnehmungsstörung für Unterzucker.

Unterzucker bzw. Hypoglykämie erkennen und sofort behandeln

Unterzucker rechtzeitig zu erkennen kann schwierig sein. Bei vielen Diabetikern ist die Zeitspanne kurz, in der Unterzucker-Symptome bemerkt werden, ohne dass sie durch Verlangsamung und Konzentrationsstörung schon handlungsunfähig machen.

Man unterscheidet "Alarmzeichen" und "Mangelzeichen":
  • Alarmzeichen wie z. B. Schwitzen, Heißhunger, Herzjagen und Unruhe entstehen durch Ausschüttung von Adrenalin, entwickeln sich rasch und sind im Vorfeld einer Hypoglykämie meist deutlich zu bemerken.

  • Mangelzeichen entstehen infolge Glukosemangel im Gehirn: u.a. Unkonzentriertheit, allgemeine Verlangsamung, Gereiztheit bis Aggressivität, Schwindel, Bewusstseinstörungen, schließlich Koma (schwere Hypoglykämie).

Hypo's erkennen kann man lernen

Die Patienten müssen lernen, sich selbst genau zu beobachten und Anzeichen für eine Hypoglykämie zu bewerten. Was simpel klingt, fordert gerade von den Patienten, deren gestörte Unterzucker-Wahrnehmung erst im Bereich unterhalb 50, 40 oder gar 30 mg/dl Blutglukose beginnt, "viel, viel Übung", betont Dipl. Psych. Dr. phil. Bernd Kulzer, pädagogischer Leiter der Weiterbildungsstätte an der Diabetes Klinik Bad Mergentheim. Der Patient muss sich bewusst machen, dass das Verhindern einer gefährlichen Unterzuckerung mehrere Schritte voraussetzt. Nach dem Cox'schen Hypoglykämie-Modell sind dies:
  • Sinkender Blutzucker muss erkennbare Anzeichen hervorrufen

  • Symptome müssen vom Patienten bemerkt werden

  • Die Symptome müssen als Hypoglykämie erkannt und realisiert werden

  • eine Entscheidung für Gegenmaßnahmen muss fallen

  • Gegenmaßnahmen müssen rasch und adäquat durchgeführt werden

Auf jeder dieser Stufen kann etwas "schief gehen". Z.B. können spürbare Anzeichen einer Hypoglykämie verzögert auftreten. Oder sie treten zwar ein, z.B. werden Schwitzen und Zittern wahrgenommen, aber man denkt nicht an Unterzucker; oder man ist nicht mehr voll reaktionsfähig; oder es fehlt zuckerhaltige Nahrung, um rasch gegenzusteuern.

Unterzucker (Hypoglykämie) richtig behandeln
  1. Sofort zuckerhaltige Nahrung zu sich nehmen wie Traubenzucker, Cola (keine Light-Cola), eine Broteinheit/Kohlenhydrateinheit hebt den Blutzucker i.d.R um 30 bis 40 mg/dl (1,7 bis 2,2 mmol/l)

  2. Nach 10 bis 15 Minuten Blutzucker auf Anstieg kontrollieren

  3. Nach 30 Minuten erneut Blutzucker messen, er sollte auf jden Fall über 100 mg/dl (5,6 mmol/l) liegen

  4. Nach der Selbstbehandlung überhöhte Blutzuckerwerte nicht gleich wieder durch Insulin korrigieren

Unter 120 mg/dl: Gefahr im Schlaf!

Um gegen nächtliche Unterzuckerungen vorzubeugen, sollten Insulingaben von schnell wirkendem Insulin (Alt-Insulin oder schnell wirkende Analoga) am späten Abend oder in der Nacht möglichst vermieden werden. Schon im Tagesablauf ist zu überlegen, ob z.B. durch Sport, knappe Mahlzeiten, Alkohol, Insulin- oder Tabletteneinnahme der Glukosespiegel nächtens abfallen könnte. Sicherheitshalber wird der Blutzucker immer kurz vor dem Zubettgehen kontrolliert. Zielwert: mindestens 120 mg/dl (6,7 mmol/l).

Schnelle Kohlenhydrate und das Blutzuckermessgerät sollten auf dem Nachttisch griffbereit liegen. Zur Kontrolle gehören auch gelegentliche Blutzuckermessungen in der Nacht. Treten nächtliche Hypoglykämien auf, sollte man unbedingt mit dem Arzt besprechen, ob eine Therapieänderung nötig ist (z.B. weniger langwirkendes Insulin).

Hypoglykämie Wahrnehmungs-Schulungen geben Sicherheit

Schulungskonzepte wie HyPOS (Hypoglykämie Positives Selbstmanagement) sollen speziell gegen Unterzuckerungen vorbeugen. HyPOS wendet sich an Patienten, die durch wiederkehrende und schwere Hypoglykämien gefährdet sind, an Patienten mit einer Wahrnehmungsstörung und an all jene, die unter ständiger Hypoglykämie-Angst leiden. Die HyPOS-Schulung trainiert das Selbstmanagement der Unterzuckerung in fünf Doppelstunden mit vier bis acht Teilnehmern. Der Kurs schließt Gruppendiskussionen, Hausaufgaben und Übungen mit Blutzuckermessgeräten ein, deren Messwerte am PC weiterverarbeitet werden. Das von der Diabetes Klinik Bad Mergentheim und der Fa. Berlin Chemie entwickelte Konzept verzahnt Schulung und Beratung, daher eignet es sich für den Einsatz an ambulanten diabetologischen Einrichtungen.

Quellen:
  • Symposion "Hypoglykämie-Management", veranstaltet von Berlin-Chemie AG anl. d. 40. Jahrestagung der Dt. Diabetes Gesellschaft; Berlin, 4. Mai 2005

  • Diabetes Akademie Bad Mergentheim Dipl. Psych. Dr. phil. Bernd Kulzer, pädagogischer Leiter der Weiterbildungsstätte

An HyPOS interessierte Ärzte wenden sich an:

Diabetes-Akademie Bad Mergentheim e.V.
Theodor-Klotzbücher-Straße 12
97980 Bad Mergentheim
HyPOS-Sekretariat
Hrn. Krichbaum
Tel.: 07931 594412
E-Mail: krichbaum@diabetes-zentrum.de



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