Gestationsdiabetes - Schwangerschaftsdiabetes
Der Gestationsdiabetes ist eine Störung des Zuckerstoffwechsels, die erstmalig während einer Schwangerschaft auftritt. Dieser entwickelt sich bei bis zu 13 % aller Schwangerschaften im deutschsprachigen Raum, entdeckt und behandelt werden jedoch nur ca. 2 %.
Auslösende Faktoren sind u. a. hormonelle Veränderung in der Schwangerschaft, die zu einer Insulinresistenz führen. Voraussetzung ist aber eine erbliche Veranlagung.
Der Gestationsdiabetes ist in erster Linie ein "vorübergehend vorweggenommener Alterdiabetes". Frauen nach einem Gestationsdiabetes entwickeln im Laufe der nächsten 8 Jahre in 30 % einen manifesten Diabetes, nach 25-30 Jahren sind nahezu alle betroffen.
Die Stoffwechselstörung tritt meist in der 28.-30. Schwangerschaftswoche auf und ist umso schwerer, je früher sie auftritt. In ca. 15 % der Fälle besteht diese Störung auch nach der Entbindung fort, dies dürfte jedoch in der Regel auf einem unerkannten, bereits vor der Schwangerschaft bestehenden Diabetes mellitus Typ 2 beruhen. Bei den meisten Diabetikerinnen jedoch normalisiert sich der Blutzucker noch im Wochenbett. Zur Abklärung eines weiter bestehenden Diabetes Typ 2 sollte unbedingt 3-4 Monate nach der Entbindung noch mal ein Blutzucker-Belastungstest (OGTT) in der betreuenden Praxis durchgeführt werden.
Die mütterlichen Risiken bei Gestationsdiabetes bestehen im wesentlichen in einer Häufung von Harnwegsinfekten und Erkrankungen, die mit einer Blutdruckerhöhung einhergehen, z.B. Präeklampsie und Metabolisches Syndrom. Die Kaiserschnittrate ist deutlich erhöht.
Das ungleich höhere Risiko liegt beim Kind
Die Schwangerschaft ist ein biologisches Experiment mit dem Ungeborenen als empfindlichen Sensor für die Ausgewogenheit des mütterlichen Zuckerstoffwechsels. Bei einem Zucker-Überangebot entwickelt das Kind durch Überstimulation seines eigenen Pankreas einen Hyperinsulinismus. Dies kann neben akuten geburtshilflichen Komplikationen, auf die noch eingegangen wird, zu einer Fehlprogrammierung der Bauchspeicheldrüse mit lebenslanger Beeinträchtigung und Entwicklung eines Typ 2 Diabetes führen.
Während der Schwangerschaft kommt es gegenüber gesunden Schwangeren wesentlich häufiger zu Aborten, die z. B. durch Plazenta-Reifungsstörungen bedingt sind, aber auch durch Veränderungen des Säurehaushaltes in der Gebärmutter. Ebenso ist die Frühgeburtlichkeit samt allen damit verbundenen Risiken deutlich erhöht. Das Absterben des ungeborenen Kindes im letzten Schwangerschaftsviertel droht genauso wie der Tod des Babys während der Zeit um die Entbindung herum. Die Rate der Geburtsverletzungen ist wegen der Kindsgröße, die auf Grund des Hyperinsulinismus entstehen kann, ebenso deutlich erhöht.
Ist das Kind dann geboren, muss mit kindlichen Hypoglycämien gerechnet werden, die minimale kindliche Hirnschäden auslösen können. Ausgeprägte Gelbsucht, Anpassungsprobleme, Krämpfe oder ein Atemnotsyndrom sind typischerweise häufig bei Neugeborenen von Gestationsdiabetikerinnen anzutreffen (Fetopathia diabetica).
Diese katastrophalen Folgen sind nahezu 100%ig durch rechtzeitige Diagnostik und geeignete Therapie zu verhindern.
Therapiemöglichkeiten erstrecken sich, je nach Ausprägung, von Änderung der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten der Mutter bis hin zur intensivierten Insulintherapie.
Ein gehäuftes Auftreten ist bei Frauen zu erwarten, die
- jenseits des 30. Lebensjahr sind
- übergewichtig sind
- einen Gestationsdiabetes in vorangegangener Schwangerschaft hatten
- nahe Verwandte mit Typ 2 Diabetes haben.
Ein generelles Screening für alle Schwangeren wäre wünschenswert. Der geeignete Zeitpunkt für Schwangere ohne Risikohinweis liegt zwischen der 27. und 32. Schwangerschaftswoche, bei Auffälligkeiten in der Anamnese auch schon wesentlich früher. Bei diesen Schwangeren sollte der Test bei negativem Ausfall alle 4 Wochen wiederholt werden.
Neben Stichprobenmessungen des Blutzuckers und 50-g-Glucose-Tests, die nicht nüchtern durchgeführt werden, bietet der orale Glucose-Toleranz-Test mit 75g Glucose die größte Sicherheit. Dafür werden 75g Glucose in 300ml Wasser gelöst, der Blutzucker wird unmittelbar vor dem Trinken, 1 Stunde danach und noch eine weitere Stunde später gemessen. Dabei ist von Wichtigkeit, dass die Messungen wegen der Messgenauigkeit photometrisch erfolgen.
Liegen der Nüchtern-Wert unter 90 mg/dl, der 1h-Wert unter 160 mg/dl und der 2h-Wert unter 130 mg/dl, kann davon ausgegangenen werden, dass momentan kein (oder noch kein) Gestationsdiabetes vorliegt. Es genügt aber ein einziger erreichter Grenzwert für die Diagnosestellung "Gestationsdiabetes". Bei knapp erreichten Grenzwerten empfiehlt sich ein weiterer Test 2-4 Wochen später.
Selbst wiederholt geringfügig erhöhte Blutzuckerwerte in den Tagesprofilen können schwerwiegende Folgen für den Foeten haben!
Der Schwangerschaftsdiabetes ist eine ernst zu nehmende Bedrohung für das Kind; die Schwangere sollte unverzüglich nach Diagnosestellung oder zur Sicherung der Diagnose an einen niedergelassenen Diabetologen oder ein Diabeteszentrum überwiesen werden.
Redaktion: B. Limberg
(Teilweise entnommen aus:
"Diabetes und Schwangerschaft" von Peter A. M. Weiss)
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