Blutzuckerselbstkontrolle

IDF-Leitlinie: Auch postprandialen Blutzucker gezielt behandeln

Die Blutzuckerkontrolle bleibt eine tragende Säule eines modernen Diabetesmanagements. Dabei es geht nicht nur um Nüchternblutzucker und HbA1c. Eine neue Leitlinie der Internationalen Diabetesföderation empfiehlt, stärker den Blutzucker nach den Mahlzeiten (postprandial) zu berücksichtigen. Die zentrale Aussage: Hyperglykämien (Überzucker) nach dem Essen bzw. nach einer Glukosebelastung stellen unabhängige Risikofaktoren für das Auftreten von makrovaskulären Erkrankungen dar (sprich, letztlich Herzinfarkt oder Schlaganfall). Der postpradiale Überzucker sollte gezielt behandelt werden. Dies ist mit bestimmten Ernährungsweisen und auch mit Medikamenten möglich.

Traditionell zielen Diabetestherapien auf die Verbesserung des Nüchternblutzuckers bzw. des HbA1c-Spiegels. Diese Maße dienen als Ausdruck der aktuellen bzw. der Langzeit-Blutzuckerkontrolle. Einen höheren Stellenwert als bisher erfährt durch die neue evidenzbasierte (durch wissenschaftliche Studien gesicherte) IDF-Leitlinie der postprandiale Blutzucker (ppBZ). In großen epidemiologischen Studien wurde festgestellt, dass sowohl ein hoher postprandialer Blutzucker als auch kurze postprandiale "Ausschläge" des Blutzuckers schädlich für die Gefäße und mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme verbunden sind. Dem hat die IDF in ihrer evidenzbasierten Leitlinie Rechnung getragen, indem sie den postprandialen Blutzucker als eigenständigen Risikofaktor (unabhängig auch vom Nüchternblutzucker) anerkannt hat.

Was bedeutet postprandiale Hyperglykämie?

Bei Menschen mit normaler Glukosetoleranz (NGT) übersteigt der Blutzucker nach der Mahlzeit im Allgemeinen nicht die Grenze von 140 mg/dl (7,8 mmol/l). Blutzuckerwerte über 140 mg/dl zwei Stunden nach der Einnahme von 75 g Glukose (oraler Glukosetoleranztest, oGTT) gelten als postprandiale Hyperglykämie.

Postprandiale Hyperglykämien treten meist schon früh in der Entwicklung eines Diabetes Typ 2 auf und verstärken sich im Lauf der Erkrankung. Sie treten auch bei vermeintlich gut eingestellten Diabetikern auf.

Die Entwicklung der postprandialen Hyperglykämie geht einher mit einer verschlechterten Insulinausschüttung (Erste-Phase-Sekretion), einer Abnahme der Insulinempfindlichkeit der Zellen und einer zunehmenden Glukoseproduktion in der Leber.

Welchen Einfluss haben Nüchtern- bzw. postprandialer Blutzucker (ppBZ) auf die Stoffwechseleinstellung?

Mit steigendem HbA1c fällt der Beitrag des ppBZ auf den Langzeit-Blutzucker, während der Einfluss des Nüchternblutzuckers steigt. Der Beitrag des ppBZ zur Stoffwechseleinstellung ist also bei besserer Langzeit-Stoffwechseleinstellung größer.

  • Bei HbA1c-Spiegeln unter 7,3% trägt der ppBZ 70% zum Überzucker bei,
  • bei HbA1c-Spiegeln über 9,3% nur etwa 40%.

Das Risiko für Diabeteskomplikationen ist niedriger, wenn der HbA1c im empfohlenen Bereich, also unter 6,5%, liegt. Die Absenkung des ppBZ wird demzufolge einen Beitrag zu einer besseren Stoffwechseleinstellung über einen weiten Bereich des HbA1c leisten.

Warum ist die postprandiale Hyperglykämie schädlich?

Nach den Ergebnissen großer epidemiologischer Studien (DECODE, in Europa, DECODA in Asien) sagt der ppBZ besser als der Nüchternblutzucker das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen und die Sterblichkeit voraus. Eine Metaanalyse von 38 Studien fand eine lineare Beziehung zwischen dem Zwei-Stunden-Blutzucker und dem kardiovaskulären Risiko ab einem Schwellenwert von 100 mg /dl beim Nüchternwert. Assoziationen wurden auch zwischen der Höhe des ppBZ und dem oxidativen Stress, der Arterienverdickung (Intima media), Entzündung und Endothel-Dysfunktion der Arterien gefunden.

Zentrale evidenzbasierte Aussage:

  • Hyperglykämien nach dem Essen bzw. nach einer Glukosebelastung stellen unabhängige Risikofaktoren für das Auftreten von makrovaskulären Erkrankungen dar. [Evidenzgrad 1+]

Weitere evidenzbasierte Aussagen

  • Postprandiale Hyperglykämie ist mit einem erhöhten Risiko für das Auftreten einer Retinopathie verbunden. [Evidenzgrad 2+]
  • Postprandiale Hyperglykämie ist mit erhöhter Intima-Media-Dicke (Intima media thickness, IMT) der Arteria Karotis verbunden. [Evidenzgrad 2+]
  • Postprandiale Hyperglykämie verursacht oxidativen Stress, Inflammation (Entzündung) und endotheliale Dysfunktion. [Evidenzgrad 2+]
  • Postprandiale Hyperglykämie ist mit verringertem myokardialen Blutvolumen und verringertem myokardialen Blutfluss verbunden. [Evidenzgrad 2+]
  • Postprandiale Hyperglykämie ist mit einem erhöhten Krebs-Risiko verbunden. [Evidenzgrad 2+]
  • Postprandiale Hyperglykämie ist bei geriatrischen Patienten mit Typ 2 Diabetes mellitus mit verminderter kognitiver Funktion verbunden. [Evidenzgrad 2+]

Fazit: Postprandiale Hyperglykämie ist schädlich und sollte behandelt werden.

Welchen Nutzen bietet eine Behandlung der postprandialen Hyperglykämie?

Es gibt epidemiologische Studien, aber noch kaum kontrollierte Interventionsstudien, die belegen, dass die postprandiale Glukosekontrolle selbst das Risiko für Gefäßschäden senkt. Deutliche Hinweise liefert aber z.B. die STOP-NIDDM-Studie, in der der Wirkstoff Acarbose bei Typ-2-Diabetikern nicht nur den postprandialen Blutzuckerverlauf "glättet", sondern auch das Risiko für Herzinfarkt und andere kardovaskulärer Ereignisse senkt. Bei Menschen mir gestörter Glukosetoleranz bremst Acarbose auch die Verdickung der Arterienwand (Intima media).


Auch verschiedene neuere Studien zeigen, dass sich unter gezielter postprandialer Therapie der HbA1c bessert. Von Typ-2-Diabetikern, die nach dreimonatiger Behandlung den gleichen Nüchternblutzucker erreicht hatten, wiesen diejenigen einen besseren HbA1c-Wert auf, die auch bessere postprandiale Glukosewerte zeigten.

Evidenzbasierte Aussagen:

  • Die Therapie mit Substanzen, die den postprandialen Plasmaglukosespiegel beeinflussen, reduziert die Häufigkeit vaskulärer Ereignisse. [Evidenzgrad 1]
  • Die Beeinflussung sowohl des postprandialen als auch des Nüchtern-Plasmaglukosespiegels ist eine wichtige Strategie, um eine optimale Glukoseeinstellung zu erzielen. [Evidenzgrad 2+]

Fazit: Bei Patienten mit postprandialem Überzucker sollte dieser gezielt behandelt werden.

Welche Möglichkeiten bestehen, den ppBZ gezielt zu kontrollieren?

Schon die Mahlzeitenauswahl beeinflusst die glykämische Last und kann moderat nicht nur den ppBZ, sondern auch den HbA1c-Spiegel und möglicherweise das Herz-Kreislaufrisiko minimieren. Ein Maß für die glykämische Last ist der glykämische Index, der niedrig gewählt werden sollte.

An Medikamenten, die bevorzugt auf den Blutzucker nach dem Essen zielen, nennt die Leitlinie:

  • alpha-Glukosidase-Hemmer (Acarbose)
  • DPP-4-Hemmer (Gliptine)
  • GLP-1-Mimetika (z.B. Exenatid, Liraglutid)
  • schnell wirkende Sulfonylharnstoffe (Glinide)
  • schnell wirkende Insuline inkl. Biphasischem Insulin

Evidenzbasierte Aussagen:

  • Ernährungsweisen mit niedriger glykämischer Last sind günstig für die Kontrolle des postprandialen Plasmaglukosespiegels. [Evidenzgrad 1+]
  • Manche Antidiabetika senken bevorzugt den postprandialen Plasmaglukosespiegel. [Evidenzgrad 1++]

Fazit: Es stehen somit eine Reihe medikamentöser und Ernährungsmaßnahmen zur Verfügung, um die Blutzuckerspitzen nach dem Essen zu glätten.

Welches sind die Zielwerte der postprandialen Glukosekontrolle und wie sind diese zu bestimmen?

Zielwerte der Stoffwechseleinstellung sind nach den neuen Leitlinien der IDF:

  • HbA1c unter 6,5%
  • Nüchternblutzucker unter 100 mg/dl
  • Blutzucker zwei Stunden nach der Mahlzeit (postprandial) unter 140 mg/dl

Die Blutzuckerziele müssen individuell abgestimmt werden, betont die Leitlinie. Die Werte gelten nicht für Kinder und Schwangere.

Der direkte Weg zur Erfassung der postprandialen Werte ist die Blutzuckerselbstmessung (BZSM). Die Leitlinie regt ihren verstärkten Gebrauch an, wenngleich der Nutzen der BZSM bei nicht insulinspritzenden Diabetikern umstritten ist. Nicht insulinspritzende Diabetiker sollten den Blutzucker in Abhängigkeit von Therapieregime und Stoffwechsellage ebenfalls kontrollieren, so die IDF. Insulinnutzer sollten ohnehin nach den Empfehlungen der meisten Fachgesellschaften i.d.R. dreimal täglich den Blutzucker messen.

Evidenzbasierte Aussagen:

  • Der postprandiale Plasmaglukosespiegel steigt bei Menschen mit normaler Glukosetoleranz selten auf Werte über 7,8 mmol/l (140 mg/dl) an und kehrt typischerweise innerhalb von zwei bis drei Stunden nach der Nahrungsaufnahme zu Basalwerten zurück. [Evidenzgrad 2++]
  • Die IDF und andere Organisationen definieren eine normale Glukosetoleranz als einen Plasmaglukosespiegel ‹ 7,8 mmol/l (140 mg/dl) zwei Stunden nach Aufnahme von 75g Glukose. [Evidenzgrad 4]
  • Ein Zwei-Stunden-Zeitraum zur Messung der Plasmaglukosekonzentration wird gefordert, da es den Leitlinien entspricht, die von den meisten führenden Diabetesgesellschaften und ärztlichen Fachverbänden veröffentlicht wurden. [Evidenzgrad 4]
  • BZSM (Blutzuckerselbstmessung) ist derzeit die optimale Methode zur Bestimmung des Blutglukosespiegels. [Evidenzgrad 1++]
  • Es wird generell empfohlen, dass insulinbehandelte Diabetiker mindestens dreimal täglich BZSM durchführen sollten; die BZSM-Häufigkeit bei Patienten, die nicht mit Insulin behandelt werden, ist individuell an das Therapieschema und den Grad der Glukoseeinstellung anzupassen. [Evidenzgrad 4]

Fazit: Ein postprandialer Blutzucker unter 140 mg/dl sollte angestrebt und mittels BZSM kontrolliert werden. Wichtig bleibt, dabei Unterzuckerungen zu ermeiden.

Quelle: International Diabetes Federation guideline for management of postmeal glucose: a review of recommendations. Ceriello u.M. Diabetic Medicine 25; 2008: 1151-1156 vgl. www.idf.org/node/1408?unode=185108C7-1E27-4A03-9B73-01D54087E32E

Redaktion: Apotheker Ralf Schlenger


Leser-Kommentare
Recherchieren Sie zum Thema! Infokasten  
ANDBVND
News Ärzte Selbsthilfe Information Patienten Apotheker Marktplatz Shop

Home Inhaltsübersicht Neue Seiten Foren Kontakt Newsletter Partner Fachkreise
1 Ebene höher zur Kapitelübersicht zum vorigen Artikel zum nächsten Artikel zum Kapitelende  Hilfe   © 
Lexikon   Lexikon
  1. Wort markieren
  2. Link anklicken!
Wikipedia
Leo- Wörterbuch
Google

? Hilfe zu diesem Thema

Home | Nutzungsbedingungen | Datenschutzhinweis | Gästebuch | Impressum
© 2000-2010 by Diabetes News Media AG | aktualisiert 29 / Oktober / 2009
Der Inhalt von www.diabetes-news.de ist ausschließlich zu Informationszwecken bestimmt. Die Informationen auf dieser Website dürfen keinesfalls als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete Ärztinnen und Ärzte angesehen werden. Der Inhalt von www.diabetes-news.de darf nicht dazu verwendet werden, eigenständig Diagnosen zu stellen, Behandlungen zu beginnen oder abzusetzen.

The documents contained in www.diabetes-news.de are presented for information purposes only. The material is in no way intended to replace professional medical care or attention by a qualified practitioner. The materials in www.diabetes-news.de cannot and should not be used as a basis for diagnosis or choice of treatment.
Diese Web-Seite ist von der Health On the Net-Stiftung akkreditiert: Klicken Sie, um dies zu überprüfen
Wir befolgen den
HONcode Standard für vertrauensvolle Gesund- heitsinformationen.
Kontrollieren Sie dies hier.